Leserbrief von Hermann F.: Sooft das Thema aufkommt, kochen die Gemüter sofort hoch. Kaum eine Debatte in Deutschland wird so emotional geführt wie die über ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Für die einen ist das freie Fahren das letzte Symbol individueller Freiheit, für die anderen längst ein unzeitgemäßes Relikt. Wenn man den Blick jedoch einmal von den emotionalen Parolen lenkt und sich die reinen Fakten, Zahlen und wissenschaftlichen Erkenntnisse anschaut, wird schnell klar: Eine Entschleunigung auf unseren Straßen ist längst überfällig.
Klimaschutz ohne teure Vorlaufzeit
Ein unbestreitbarer Punkt ist der ökologische Nutzen. Wir diskutieren seit Jahren über Milliardeninvestitionen in die Energiewende, verfehlen aber im Verkehrssektor regelmäßig die gesetzlich vorgeschriebenen Klimaziele. Ein flächendeckendes Tempolimit auf Autobahnen wäre eine der ganz wenigen Maßnahmen, die ab Tag eins greifen – ganz ohne lange Planungsphasen oder teure Subventionen.
Nach aktuellen Modellierungen des Umweltbundesamtes (UBA) würde eine Begrenzung auf 120 km/h auf deutschen Autobahnen jedes Jahr rund 6,7 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente einsparen. Würde man die Höchstgeschwindigkeit sogar auf 100 km/h ansetzen, läge die jährliche Einsparung sogar bei beeindruckenden 11,7 Millionen Tonnen. Das ist kein kleiner Tropfen auf den heißen Stein, sondern ein spürbarer Hebel im Kampf gegen den Klimawandel.
Mehr Sicherheit und weniger schwere Unfälle
Neben dem Umweltaspekt geht es schlichtweg um Menschenleben. Die Gesetze der Physik lassen sich nicht wegrechnen: Je höher das Tempo, desto länger wird der Bremsweg und desto gewaltiger ist die kinetische Energie, die bei einem Aufprall freigesetzt wird. Untersuchungen der Ruhr-Universität Bochum zeigen auf Basis empirischer Daten, dass die Einführung von Tempo 120 auf Autobahnabschnitten die Zahl der Unfälle mit Schwerverletzten um etwa 26 Prozent und die Zahl der Verkehrstoten sogar um rund 35 Prozent senken kann.
Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2023 insgesamt 302 Todesopfer auf unseren Autobahnen. Überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit gehörte dabei zu den Hauptursachen. Die enormen Tempounterschiede zwischen einzelnen Fahrzeugen führen immer wieder zu gefährlichen Situationen beim Überholen oder Ausscheren, die man durch ein gleichmäßigeres Tempo effektiv entschärfen könnte.
Flüssigerer Verkehr statt harter Bremsmanöver
Wer glaubt, ohne Geschwindigkeitsbegrenzung schneller ans Ziel zu kommen, unterliegt oft einer Täuschung. Verkehrsexperten weisen seit Langem darauf hin, dass drastische Tempounterschiede die Kapazität einer Autobahn drastisch senken. Wenn ein schnelles Fahrzeug bei dichterem Verkehr abrupt abbremsen muss, löst das nachfolgend eine Kettenreaktion aus. Die Folge sind die typischen „Staus aus dem Nichts“. Ein allgemeines Tempolimit würde den Verkehrsfluss spürbar harmonisieren, die Staugefahr verringern und Unruhe aus dem Fahralltag nehmen.
Entlastung für Geldbeutel und Gesundheit
Auch abseits der Autobahnen gibt es gewichtige Gründe für eine Mäßigung. Ein moderates Tempo bedeutet nicht nur weniger Lärm und Feinstaub durch Reifenausrieb für die Anwohnerinnen und Anwohner an den Strecken, sondern auch handfeste Ersparnisse an der Zapfsäule. Bei Tempo 120 lassen sich nach Berechnungen von Fachinstituten jährlich über eine Milliarde Liter Kraftstoff einsparen. In Zeiten schwankender Energiepreise schont das ganz direkt die Geldbeutel der Bürgerinnen und Bürger. Auch im Hinblick auf die Elektromobilität ist das ein entscheidender Punkt: Elektrofahrzeuge verbrauchen bei hohen Geschwindigkeiten durch den Luftwiderstand überproportional viel Strom – ein maßvolles Tempolimit erhöht somit Reichweite und Effizienz.
Deutschland im internationalen Abseits
Ein Blick über den Tellerrand zeigt schließlich, wie isoliert die deutsche Haltung mittlerweile ist. In der gesamten Europäischen Union ist Deutschland das einzige Land, das auf seinen Autobahnen auf eine flächendeckende Begrenzung verzichtet. Unsere Nachbarstaaten mit Tempolimits zwischen 110 km/h und 130 km/h beweisen täglich, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung weder die Mobilität beschneidet noch der Wirtschaft schadet. Es wird Zeit, dass wir diesen Schritt auch in Deutschland gehen – für die Sicherheit, die Umwelt und ein entspannteres Miteinander auf den Straßen.
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