StartÜberregionalDer Realitätscheck: Warum Warkens Pflegereform an der Wirklichkeit vorbeigeht

Der Realitätscheck: Warum Warkens Pflegereform an der Wirklichkeit vorbeigeht

Wenn die Pflege in den Familien kollabiert, stehen unsere ambulanten Dienste, die Alltagsbegleitungen und die ohnehin voll belegten Heime im Landkreis vor unlösbaren Aufgaben.

Hand aufs Herz: Fast jeder von uns kennt diese Situation aus der eigenen Familie oder dem Bekanntenkreis. Es fängt schleichend an. Die Großeltern schaffen den Haushalt nicht mehr alleine und das Einkaufen fällt schwer. In genau diesen Momenten war der Pflegegrad 1 mit seinem Entlastungsbetrag von 131 Euro im Monat ein Segen. Es war kein Vermögen, aber es war das nötige Budget für eine kleine Unterstützung im Alltag, die sicherstellte, dass ein Leben in den eigenen vier Wänden noch ein Stück länger funktionierte.

Dass Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) diese Hilfe nun im Zuge ihres neuen Referentenentwurfs komplett streichen will, betrifft uns alle. Der Plan, stattdessen auf reine „Präventionsberatung“ zu setzen, ignoriert den praktischen Alltag pflegebedürftiger Menschen. Ein Gespräch löst schließlich keine handfesten Probleme beim Putzen oder Kochen.

Wie tief dieser Einschnitt in unsere regionale Wirklichkeit eingreift, belegt der aktuelle Datenreport zur Pflegestrukturplanung des Landkreises Mainz-Bingen. Die Zahl der Menschen im Pflegegrad 1 ist bei uns im Kreis zuletzt rasant auf fast 1.500 Betroffene gestiegen. Ihnen nun die finanzielle Basis für frühe Alltagshilfen zu entziehen, dürfte einen ungewollten Dominoeffekt auslösen: Wer am Anfang nicht entlastet wird, rutscht oft deutlich schneller in höhere, für die Pflegekassen am Ende viel teurere Pflegegrade.

Noch persönlicher trifft die Reform jedoch diejenigen, die im Stillen die Hauptlast tragen: die pflegenden Angehörigen. Die geplante Kürzung ihrer Rentenbeiträge von 100 auf 70 Prozent korrigiert die Sparpolitik an der völlig falschen Stelle. Ein Blick auf die nackten Zahlen aus Mainz-Bingen zeigt uns, dass überwältigende 85 Prozent aller Pflegebedürftigen im Landkreis zu Hause versorgt werden, also die absolute Mehrheit durch Familienmitglieder.

Diese häusliche Pflege ist kein theoretischer Posten in einer Berliner Bilanz, sondern das wahre Fundament unseres sozialen Miteinanders. Wer die Absicherung derjenigen schwächt, die für die Pflege der Eltern oder Partner oft die eigene Karriere zurückstellen, riskiert, dass dieses familiäre Netz reißt.

Wenn die Pflege in den Familien kollabiert, stehen unsere ambulanten Dienste, die Alltagsbegleitungen und die ohnehin voll belegten Heime im Landkreis vor unlösbaren Aufgaben.

Es ist unbestritten, dass die Pflegeversicherung angesichts drohender Milliardendefizite dringend konsolidiert werden muss. Aber die Lasten einseitig bei der häuslichen Pflege und den kleinsten Pflegegraden einzusparen, greift strukturell zu kurz.

Die Realität hier bei uns in Mainz-Bingen zeigt deutlich, dass der Entwurf im anstehenden Gesetzgebungsverfahren dringend und deutlich nachgebessert werden muss.

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