Es klang nach einem großen Wurf für die arbeitende Mitte: Mit einer umfassenden Steuerreform wollten Union und SPD die kleinen und mittleren Einkommen in Deutschland spürbar entlasten. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) versprach „mehr Fairness“ und stellte in Aussicht, dass 95 Prozent der Steuerzahler am Ende mehr Netto vom Brutto haben würden, doch eine detaillierte Auswertung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) zeigt nun das genaue Gegenteil: Für den Mittelstand, seine Fachkräfte und die Unternehmen droht die Steuerreform zu einer teuren Sackgasse zu werden.
F.A.Z.-Analyse deckt auf: Das Netto sinkt durch die Steuerreform unter das heutige Niveau
Wie die F.A.Z. unter Berufung auf Berechnungen des Finanzwissenschaftlers Frank Hechtner (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) berichtet, verpuffen die steuerlichen Entlastungen bereits im übernächsten Jahr komplett.
Der Grund: Gleichzeitig geplante, drastische Reformen in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung fressen die Steuergeschenke nicht nur auf, sondern verkehren sie ins Gegenteil.
Bereits im Jahr 2028 werden damit viele Arbeitnehmer unterm Strich weniger Geld in der Tasche haben als heute. Selbst die Kernzielgruppe der Steuerreform gerät ins Minus: Ein kinderloser Single mit einem Bruttogehalt von 3.000 Euro im Monat hat laut den Berechnungen im Jahr 2028 real und nominal weniger Netto auf dem Konto als im Jahr 2026.
Richtig teuer wird es für die qualifizierten Leistungsträger
Wer als Single 6.000 Euro brutto verdient, wird im Jahr 2028 mit 242 Euro zusätzlich belastet; bei einem Gehalt von 6.500 Euro schnellt das Minus sogar auf 639 Euro im Jahr. Auch gut verdienende Familien werden zur Kasse gebeten: Ein Doppelverdienerpaar mit zwei Kindern und jeweils 7.000 Euro Bruttoeinkommen verliert laut F.A.Z. im Jahr 2028 1.045 Euro vom gemeinsamen Netto.
Die Ursachen: Explodierende Sozialbeiträge und ein politischer Bruch
Verantwortlich für diese Entwicklung ist ein ganzes Bündel an Abgabenerhöhungen, die geräuschlos im Hintergrund mitlaufen: Explosionsartiges Steigen der Beitragsbemessungsgrenzen: Anfang 2027 sollen die Grenzen, bis zu denen Sozialbeiträge fällig werden, sprunghaft angehoben werden, diese betragen in der Krankenversicherung um 300 Euro und in der Pflegeversicherung sogar um 937,50 Euro pro Monat.
Steigende Rentenbeiträge: Der Rentenbeitragssatz klettert bis 2028 auf 19,9 Prozent. Hinzu kommt ein neuer Zusatzbeitrag von 0,5 Prozent für die geplante Kapitalrente, der in den Folgejahren schrittweise auf bis zu zwei Prozent ansteigen soll.
Faktische Steuererhöhung durch die Hintertür: Die Politik bricht laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit einer elfjährigen Tradition: Die kalte Progression wird nicht mehr vollständig ausgeglichen.
Der Mittelstand in der Doppel-Zwickmühle
Für die mittelständischen Unternehmen hat diese Steuerreform weitreichende und gefährliche Konsequenzen, denn da die Sozialabgaben in Deutschland in der Regel paritätisch, also zu gleichen Teilen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber, getragen werden, steigen die Lohnnebenkosten für die Betriebe damit drastisch an.
In Zeiten von ohnehin hohen Energiepreisen und bürokratischen Hürden ist dies eine weitere schwere Bürde für den Wirtschaftsstandort.
Gleichzeitig verschärft die Steuerreform den ohnehin grassierenden Fachkräftemangel. Wenn sich Mehrleistung, Überstunden oder eine Beförderung für Meister, Techniker und Ingenieure aufgrund der hohen Abgabenbelastung kaum noch im Geldbeutel bemerkbar machen, sinkt die Motivation.
Zudem geraten die Arbeitgeber in den kommenden Lohnrunden unter massiven Druck: Mitarbeiter werden deutliche Bruttosteigerungen fordern müssen, nicht etwa, um real mehr zu haben, sondern schlicht, um ihr aktuelles Netto-Niveau gegen die Abgabenwelle zu verteidigen.






