Die jüngsten Hitzewellen hatten Rheinland-Pfalz fest im Griff. Was für viele nach Freibadwetter klingt, bedeutete für tausende kranke und pflegebedürftige Menschen in den Kliniken und Pflegeheimen der Region verschärfte Bedingungen.
Wie dramatisch die Lage auf Bundesebene ist, belegen aktuelle Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI): Allein während der Hitzewelle im Juni starben in Deutschland rund 5.100 Menschen an den Folgen der extremen Temperaturen, es war die tödlichste Hitzewoche der vergangenen 26 Jahre.
Diese extreme Belastung führte in den rheinland-pfälzischen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zu kritischen Engpässen und Notfällen.
Krisenmodus in den Mainzer Notaufnahmen
Nach einer mehrtägigen Phase mit extremen Temperaturen verschärfte sich die Situation in den Mainzer Krankenhäusern zusehends. Die Zentrale Notaufnahme (ZNA) der Universitätsmedizin Mainz stieß an ihre Kapazitätsgrenzen und musste eine interne Notlage ausrufen, um zusätzliche Betten im Intensiv- und Überwachungsbereich bereitzustellen und es mussten 160 Patienten in der ZNA versorgt werden.
Dafür musste dann dienstfreies Personal sowie Ärzte und Pfleger aus dem Urlaub zurückgerufen werden.
Parallel dazu verzeichnete das Marienhaus Klinikum Mainz (MKM) einen sprunghafte Anstieg von 50 Patienten mit schwerer Hitzeerschöpfung oder Dehydrierung.
Weil sich die Klinikgebäude massiv aufheizten, musste die Berufsfeuerwehr das MKM mit Großventilatoren unterstützen, um überhaupt eine Luftzirkulation im Bettenhaus zu erzwingen.
Katastrophenalarm im Seniorenzentrum: Die „ManV-Lage“ in der Pfalz
Wie schnell die steigenden Temperaturen auch in der stationären Altenhilfe eskalieren können, zeigte sich zeitgleich im AZURIT Seniorenzentrum im pfälzischen Eisenberg, denn dort musste aufgrund einer Vielzahl hitzebedingter Kollapse unter den Bewohnern eine sogenannte „ManV-Lage“ (Massenanfall von Verletzten) ausgerufen werden.
Ein Großaufgebot von Feuerwehr, Rettungsdienst und einer Schnelleinsatzgruppe überprüfte den Gesundheitszustand von knapp 80 Bewohnern; mehrere Senioren mussten stationär ins Krankenhaus.
Man hatte sich nach mobilen Klimageräten umgeschaut, diese waren aber wegen der flächendeckend hohen Nachfrage auf dem Markt schlicht nicht mehr lieferbar gewesen.
Vorfall rückt die baulichen Mängel der Pflegeheime ins Rampenlicht
Eine Sprecherin der Caritas Rheinland-Pfalz teilte gegenüber dem SWR mit, dass von den landesweit 14 Pflegeheimen der Organisation lediglich eine einzige Einrichtung (in Landstuhl) über eine, und auch dort nur partielle, Klimatisierung verfügt.
In den übrigen Häusern kam es zu erheblichen Hitzeproblemen, die nicht nur Bewohner gefährdeten, sondern auch die Kühlung von Serverstrukturen und sensiblen Medikamenten erschwerten.
Ein baulicher Offenbarungseid, auch im Neubau
Wer glaubt, dass es sich hierbei nur um ein Problem alter Bestandsbauten handelt, wird durch aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes eines Besseren belehrt: Selbst bei den im vergangenen Jahr fertiggestellten Neubauten des Sozialwesens (Pflegeeinrichtungen und Kitas) wurden bundesweit nur magere 14,5 Prozent mit Anlagen zur Kühlung ausgestattet.
Es reicht nicht mehr aus, bei Neubauten so zu planen, als seien Hitzewellen seltene Ausnahmeereignisse, kritisieren Pflegeschützer. Das Problem in Rheinland-Pfalz: Es gibt bisher keine rechtliche Handhabe.
Während für Büros strenge Richtwerte gelten, fehlen in den Bauverordnungen der Landesheimgesetze feste Mindeststandards für Bewohnerzimmer. Pflegebedürftige haben keinen automatischen Anspruch auf ein temperiertes Zimmer, obwohl die Einrichtungen eine fundamentale Fürsorgepflicht tragen.
Hitzeschutzpläne scheitern am Personalmangel
Viele Einrichtungen versuchen mit organisatorischen Maßnahmen gegenzusteuern, mit Trinkplänen, Verschattung oder dem Schaffen kühler Aufenthaltsbereiche. Doch hier zeigt sich dann schnell der Personalmangel.
Um dehydrierte oder demente Menschen engmaschig zu überwachen und ihnen wiederholt Getränke anzureichen, braucht es Zeit und helfende Hände. Wenn eine Pflegekraft im Spätdienst ohnehin am Limit arbeitet, führt die Hitze schnell zu gefährlicher Pflege.
Zündstoff: Berlin verweigert die Fördergelder
Die Betreiberverbände fordern angesichts der unbestreitbaren Klimaveränderungen dringend staatliche Unterstützung für die hitzeresistente Sanierung sozialer Immobilien. Doch ein entsprechender Förderfonds zur Klimaanpassung wurde von der Bundesregierung abgelehnt.
Zusätzlichen Zündstoff erhält die Debatte durch die aktuelle haushaltspolitische Schwerpunktsetzung im Bundesgesundheitsministerium unter Nina Warken (CDU), denn im Zuge der laufenden Beratungen über das neue Sparpaket erteilte das Ministerium Forderungen nach Sonderbudgets für bauliche Nachrüstungen eine strikte Absage und kritisierte die ausufernden Kosten für „bauliche Besonderheiten“ im Gesundheitssektor und forderte stattdessen Effizienzsteigerungen innerhalb des bestehenden Systems.








