StartRheinhessenMainz-Bingen: Politiker warnen vor Schwächung des Rettungsdienstes

Mainz-Bingen: Politiker warnen vor Schwächung des Rettungsdienstes

Nina Klinkel und Sebastian Hamann fordern eine transparente Prüfung und die Einbindung der Rettungsdienstorganisationen.

Die Landtagsabgeordnete Nina Klinkel und der Vorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion Mainz-Bingen, Sebastian Hamann, äußern in einer gemeinsamen Erklärung deutliche Kritik an aktuellen Überlegungen im Rettungsdienstbereich für den Kreis Mainz-Bingen. Nach Kenntnis der beiden Politiker gibt es Pläne der Rettungsdienstbehörde, Notfallkrankentransportwagen (NKTW) abzuschaffen oder teilweise durch Krankentransportwagen (KTW) zu ersetzen.

-Werbeanzeige-

Kritik an fehlender Transparenz und Reißbrett-Entscheidungen

Klinkel und Hamann kritisieren insbesondere, dass sie nach eigenen Angaben erst durch ein anonymes Schreiben von den Überlegungen erfahren hätten. Unklar sei bislang, auf welcher konkreten Entscheidung oder fachlichen Grundlage eine mögliche Abschaffung der NKTW beruhe.

„Für mich ist völlig klar: Eine Schwächung des Rettungswesens in unserer Region darf es nicht geben. Veränderungen in der Struktur des Rettungsdienstes müssen sich daran messen lassen, ob die Versorgung der Menschen mindestens auf dem bestehenden Niveau gesichert bleibt. Reine Rechenmodelle reichen dafür nicht aus“, erklärt Klinkel.

Hamann bezeichnet das bisherige Verfahren ebenfalls als nicht ausreichend nachvollziehbar. „Wir haben durch ein anonymes Schreiben vom Vorhaben erfahren“, erklärt er. „Es ist bislang nicht nachvollziehbar, auf welcher konkreten Entscheidung oder fachlichen Vorgabe die diskutierte Abschaffung der NKTW beruht. Algorithmen, die selbst erstellt und nicht nachvollziehbar sind, die Schaffung eigener Cluster – das wirkt wenig professionell und vor allem nicht ausreichend transparent. Das ist für uns kein zufriedenstellendes Verfahren“, so Hamann.

Nach Angaben der beiden SPD-Politiker haben sie Datengrundlagen von den Hilfsorganisationen selbst erhalten. Diese würden aus ihrer Sicht zeigen, dass eine reine Betrachtung der Fahrzeugzahlen und statistischen Auslastung zu kurz greife.

„Und hier wird deutlich: Eine isolierte Betrachtung von Fahrzeugzahlen und statistischer Auslastung greift zu kurz. Der NKTW wird bei uns überwiegend zu Notfalleinsätzen dispositioniert. Er steht nicht still. Das mag für andere Regionen gelten, aber bei uns nicht“, so Klinkel.

Sie verweist darauf, dass bei einem eingehenden Notruf nicht immer sofort feststeht, ob ein Krankentransportwagen oder ein Rettungswagen benötigt wird. In solchen Fällen werde in Mainz-Bingen nach ihren Angaben auch ein NKTW eingesetzt. Diese Fahrzeuge seien mit Notfallsanitätern besetzt und damit anders ausgestattet als klassische KTW.

Eine mögliche Aufwertung der NKTW zu Rettungswagen (RTW) würden Klinkel und Hamann nach eigenen Angaben unterstützen. Gleichzeitig weisen sie auf eine weitere Funktion der Fahrzeuge hin: Sie würden auch für die Ausbildung eingesetzt.

-Werbeanzeige-

Auswirkungen auf die Ausbildung im Rettungsdienst befürchtet

Nach Angaben des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), auf die sich Klinkel und Hamann beziehen, könnte eine Reduzierung entsprechend besetzter Fahrzeuge Auswirkungen auf die Ausbildung von Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitätern sowie Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern haben. Demnach könnten Praxisstunden und Praktikumsplätze wegfallen.

„Dies hätte direkte Folgen für die Ausbildungskapazitäten bei Rettungsdiensten, Feuerwehr, Bundeswehr sowie im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz“, so Klinkel. Gleichzeitig werde über einen zunehmenden Fachkräftemangel, zusätzliche Ausbildungskapazitäten sowie höhere Anforderungen an den Katastrophen- und Zivilschutz gesprochen.

Aus Sicht der SPD-Politiker müssten diese Zusammenhänge deshalb bei einer möglichen Neustrukturierung des Rettungsdienstes berücksichtigt werden.

Veränderungen in der medizinischen Versorgung

Auch die Entwicklung der medizinischen Versorgung in der Region müsse in die Bewertung einfließen, fordert Hamann. Mit der Schließung des Krankenhauses in Ingelheim, Veränderungen bei der Krankenhauslandschaft und der vertragsärztlichen Versorgung sowie bereits vorgenommenen Änderungen bei Notarztstandorten habe sich die Situation für den Rettungsdienst verändert.

„Gerade in einer solchen Situation wäre es der falsche Weg, weitere Strukturen zu reduzieren, ohne vorher sehr genau zu prüfen, welche Folgen das für die Menschen vor Ort hat“, erklärt Hamann. Vergangenheitsdaten allein könnten aus seiner Sicht nicht abbilden, wie sich längere Transportwege oder veränderte Krankenhausstrukturen künftig auf die Arbeit des Rettungsdienstes auswirken.

Als konkretes Beispiel nennt Hamann die bevorstehende Schließung der Notaufnahme in Bingen ab September.

Forderung nach transparenter Prüfung

Klinkel und Hamann fordern deshalb, vor einer möglichen Entscheidung sämtliche fachlichen Grundlagen offenzulegen. Zudem sollten die betroffenen Rettungsdienstorganisationen sowie die kommunalpolitisch Verantwortlichen in das Verfahren einbezogen werden.

„Es geht hier nicht um abstrakte Kennzahlen, sondern um die Frage, wie schnell im Ernstfall qualifizierte Hilfe bei den Menschen ankommt. Dafür braucht es ein nachvollziehbares Verfahren, eine umfassende Betrachtung aller Folgen und vor allem eines: die Garantie, dass am Ende keine Verschlechterung der rettungsdienstlichen Versorgung steht“, erklären Klinkel und Hamann abschließend.