Ein eindrucksvolles und unüberhörbares Zeichen für die Daseinsvorsorge in der Region: Nach der „Aktiven Mittagspause“ der Belegschaft am Freitag am Heilig-Geist-Hospital (HGH) in Bingen schloss sich am Dienstagabend (18. August 2026) die Binger Bürgerschaft dem Protest an. Laut Schätzungen des Betriebsrats versammelten sich rund 250 bis 300 Menschen vor dem Hauptgebäude. BYC-News war vor Ort.
Unter dem Motto „Miteinander. Füreinander“ gelang es den Teilnehmenden, das gesamte Areal des Krankenhauses symbolisch mit einer Menschenkette zu umschließen, als Schutzmauer gegen eine drohende Schließung oder Teilauflösung des Standorts.
Druck der Straße trifft auf schwere politische Verhandlungen im
Während Bürgerinnen und Bürger, Patienten, Familien sowie Beschäftigte im Heilig-Geist-Hospital Schulter an Schulter für den Erhalt der stationären Grund- und Notfallversorgung einstanden, laufen hinter den Kulissen die politisch und wirtschaftlich zähen Verhandlungen im eröffneten Hauptinsolvenzverfahren weiter.
Zwischen dem Land Rheinland-Pfalz, dem Landkreis Mainz-Bingen, der Stadt Bingen und dem Insolvenzverwalter Jens Lieser zeichnet sich eine Richtungsentscheidung ab. Medienberichte und Einschätzungen aus dem Verhandlungsumfeld verdeutlichen, dass das Land primär ein Modell als „Regioklinik“ prüft.
Dies könnte in der Praxis eine drastische Umstrukturierung hin zu einem vorwiegend ambulanten Versorgungszentrum ohne klassische Rund-um-die-Uhr-Station bedeuten. Eine Teilauflösung oder Schließung ist damit keineswegs vom Tisch – weshalb der Protest der Binger Bevölkerung zur Stunde der Wahrheit kommt.
Der Betriebsrat des Heilig-Geist-Hospital: „Schließung wäre ein massiver Einschnitt“
Die Betriebsratsvorsitzende Stefanie Klemann bezieht im Gespräch mit BYC-News klar Stellung zum Verlauf der Aktion vor dem Heilig-Geist-Hospital und der aktuellen Ungewissheit:
BYC News: Frau Klemann, am Freitag stand der Protest der Belegschaft im Fokus. Nun folgte die Menschenkette. Ist der geforderte „große Aufschrei in der Region“ jetzt da?
Stefanie Klemann: „Ja, der große Aufschrei ist jetzt sichtbar! Die Resonanz aus der Bevölkerung ist heute deutlich spürbar. Am Freitag stand die Belegschaft im Mittelpunkt, heute zeigt die Region, dass sie hinter ihrem Krankenhaus steht. Die Menschenkette macht sichtbar, dass es nicht nur ein Anliegen der Mitarbeitenden ist, sondern der gesamten Region, von Bürgerinnen und Bürgern über Patientinnen und Patienten bis hin zu Unterstützern aus Bingen, Ingelheim und dem Umland. Die Menschen zeigen: Dieses Krankenhaus ist unverzichtbar und seine Schließung wäre ein massiver Einschnitt in die Gesundheitsversorgung.“
BYC News: Haben sich seit dem ersten Protest am Freitag auf politischer Ebene hinter den Kulissen konkrete Fortschritte ergeben?
Stefanie Klemann: „Wir haben in den letzten Tagen sehr deutlich gemacht, dass das Ping‑Pong zwischen Kreis, Stadt und Land endlich enden muss. Seit dem Protest am Freitag gab es erste Gespräche und Rückmeldungen, aber noch keine belastbaren Zusagen, die die Zukunft des Hauses als Krankenhaus sichern würden. Was wir heute sehen, ist: Der Druck steigt.“
BYC News: Bei den Aufrufen zur Menschenkette wurde unmissverständlich vor einer Schließung gewarnt. Verdichten sich die Anzeichen für ein solches Negativszenario?
Stefanie Klemann: „Wir wissen nichts Genaues. Wir wissen aber, dass das Land eine Regioklinik will und eine Schließung ebenfalls diskutiert wird. Daher kommt unser großer Aufruf: Ein klares Nein gegen eine Schließung und Nein zur Teilauflösung!“
BYC News: Wie schafft es die Belegschaft des emotional und organisatorisch, nach der Aktion vom Freitag direkt die nächste Großdemonstration auf die Beine zu stellen und gleichzeitig den Betrieb im Heilig-Geist-Hospital aufrechtzuerhalten?
Stefanie Klemann: „Durch Zusammenhalt, Professionalität und ein tiefes Verantwortungsgefühl. Die Kolleginnen und Kollegen leisten seit Monaten Außergewöhnliches. Trotz Unsicherheit, trotz Belastung und trotz offener Fragen halten sie die medizinische Versorgung vollständig aufrecht. Was sie trägt, ist ein starkes Wir‑Gefühl: Wir stehen füreinander ein, wir halten die Versorgung aufrecht und wir kämpfen für unser Haus und unsere Patientinnen und Patienten. Dieser Zusammenhalt ist der Grund, warum nach der Aktion am Freitag heute erneut eine große Demonstration möglich ist, auch weil wir es als Betriebsrat als unsere Pflicht sehen, den Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Bürgerinnen eine Plattform zu geben.“
Entscheidungstage für die medizinische Region Bingen
Die eindrucksvolle Kulisse vor dem Heilig-Geist-Hospital zeigt, dass die Bürgerschaft nicht bereit ist, eine Reduzierung der Gesundheitsversorgung vor Ort klaglos hinzunehmen.
Die kommenden Wochen des Hauptinsolvenzverfahrens werden zeigen, ob der geschlossene Protest der Bevölkerung und der Belegschaft des Heilig-Geist-Hospital die Entscheidungsträger in Mainz und im Landkreis zum Umdenken bewegt, denn für Bingen, Ingelheim und die umliegenden Verbandsgemeinden geht es um nicht weniger als das Überleben der ortsnahen Akut- und Notfallversorgung.







