Dass Gartengemüse im nördlichen Teil der Stadt Groß-Gerau nicht mit Brunnenwasser gegossen werden soll, weil das Wasser mit organischen Lösungsmitteln verunreinigt ist – darüber hatten das Regierungspräsidium Darmstadt sowie Kreis und Stadt Groß-Gerau die Bevölkerung in der Vergangenheit über amtliche Bekanntmachungen sowie über Pressemitteilungen informiert.


Jetzt kommt ein digitaler Weg hinzu:

Grundwasserverunreinigungen im Kreis Groß-Gerau sollen, im Rahmen eines Pilotprojekts informativ aufbereitet und anschaulich illustriert, künftig auch auf der Homepage des Kreises abrufbar sein.

Fachleute des Regierungspräsidiums Darmstadt (RP) und der Kreisverwaltung Groß-Gerau stellten das Projekt jetzt in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Stadt Groß-Gerau in der Stadthalle von Groß-Gerau vor. Vor allem aber informierten und diskutierten sie mit rund 60 interessierten Bürger*innen über Grundwasser-Schadensfälle im Kreis. Moderiert wurde die Veranstaltung von Birgit Schmitt-Biegel, Bereichsleiterin der HIM-ASG, die seit Jahrzehnten in der Altlastensanierung tätig ist. „22 große schädliche Grundwasserverunreinigungen in 10 von 14 Kommunen im Kreis sind bekannt und werden vom RP bearbeitet“, sagte Berthold Meise, Leiter des Dezernats Bodenschutz beim RP Darmstadt.

Rund 400 Verfahren nach dem Bundes-Bodenschutzgesetz seien aktuell beim RP Darmstadt anhängig – dabei gehe es um die Untersuchung, Bewertung und Sanierung von Boden und Grundwasser aus Altlasten, sog. Nachsorge. Das RP-Dezernat Bodenschutz überwacht bzw. veranlasst hierbei, dass die Schadstoffe im Boden und im Grundwasser, soweit es verhältnismäßig ist, entfernt werden oder zumindest so an Ort und Stelle festgehalten bzw. gesichert werden, dass keine Gefahren für die Allgemeinheit entstehen. Beispielhaft stellten die Fachleute aus dem Dezernat acht Schadensfälle aus dem Kreis Groß-Gerau vor.

„Wir wollen bei dem Thema Transparenz schaffen“, sagten der Erste Kreisbeigeordnete Walter Astheimer und der Kreisstadt-Bürgermeister Erhard Walther in ihren Grußworten. Der Kreis Groß-Gerau sei ein lange von der Industrie geprägter Kreis, so Astheimer. Doch erst in den 1980er Jahren habe man sich mit dem unsachgemäßen Umgang mit Schmierstoffen und Chemikalien befasst und darauf geachtet, dass Schadstoffe nicht mehr in den Boden und in der Folge ins Grundwasser gelangen konnten, so Astheimer. Doch zu dem Zeitpunkt waren viele Böden bereits verunreinigt.


Beispiel Groß-Gerau

Zwei Schadstofffahnen im Grundwasser liegen unter der Kreisstadt: Eine geht auf das frühere Press- und Stanzwerk Fagro zurück, das in der Nähe des Bahnhofs Groß-Gerau zwischen 1966 und 1980 eine Entfettungsanlage betrieben hatte. Die Sanierung wurde 2013 offiziell abgeschlossen, mehr als 40 Grundwasser-Messstellen waren zeitweilig eingerichtet worden, um den Schadstoff-Abstrom zu dokumentieren. 2009 wurde das Gelände des Werks 1 von Fagro – durch Bodenaushub mit öffentlichen Mitteln saniert, Kosten: rund 1,2 Millionen Euro. Der Kreis Groß-Gerau hat es dann lastenfrei übernommen und dort den Neubau der Gymnasialen Oberstufe der Prälat-Diehl-Schule realisiert. Die Belastung des Grundwassers mit leichtflüchtigen halogenierten Kohlenwasserstoffen (LHKW) war von 10.000 Mikrogramm LHKW pro Liter auf heute 28 bis 60 Mikrogramm zurückgegangen.

Südlich des früheren Fagro-Werks gibt es eine weitere Schadstofffahne, die von einer heute nicht mehr existierenden Maschinenfabrik ausging. Eine Sanierung ist bislang nicht erfolgt, weil das RP mit dem heutigen Eigentümer einen langwierigen Rechtsstreit führte. Ende 2021/Anfang 2022 will das RP Klarheit haben, wie es hier weitergeht. Erhöhte Konzentrationen von leichtflüchtigen halogenierten Kohlenwasserstoffen (LHKW) seien nun auch hier und zudem in dem Gebiet zwischen den beiden Schadstofffahnen gemessen worden, berichtete Elke Grimm, Fachdienstleitung Natur-, Wasser- und Bodenschutz bei der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises. „Die Datenlage in Groß-Gerau hat sich verdichtet“, so Grimm.

Offenbar ist das Grundwasser im westlichen Innenstadtbereich von Groß-Gerau auf einer größeren Fläche mit organischen Lösungsmitteln verunreinigt

Das haben neuere Messungen durch die Untere Wasserbehörde des Kreises Groß-Gerau ergeben. Der Kreis hatte nach einem Aufruf seit 2019 sechs private Gartenbrunnen beproben lassen. Dabei seien Werte zwischen 28 und 197 Mikrogramm LHKW pro Liter gemessen worden – die Geringfügigkeitsschwelle beträgt 20 Mikrogramm LHKW pro Liter. „Aus diesen Erkenntnissen ist eine Gefahrenpotenzialkarte entstanden, gut einen Kilometer lang und 600 Meter breit, die wir bei der Infoveranstaltung vorgestellt haben und die auf unsere Homepage eingestellt werden soll“, so Grimm: „Die Karte ist als Vorsorgemaßnahme zu sehen, da das eigentliche Ausmaß des Schadens nicht exakt zu bestimmen ist.“

Kreis und RP betonen, dass die Verunreinigungen im Grundwasser zunächst keinerlei schädliche Auswirkungen auf die Bevölkerung haben, da das gesamte Stadtgebiet von Groß-Gerau an das Trinkwassernetz angeschlossen ist. Empfehlungen zu

Nutzungseinschränkungen gibt es gleichwohl

„Sofern Grundwasser zu Brauchzwecken aus, nach dem Hessischen Wassergesetz anzeigepflichtigen, Gartenbrunnen entnommen wird, sind folgende Nutzungseinschränkungen zu beachten: Es soll kein Grundwasser zu Trinkwasserzwecken genutzt werden. Auch soll das Grundwasser nicht zum Zwecke der Gartenbewässerung genutzt werden, wenn es sich hierbei um Pflanzen handelt, die der Nahrungsaufnahme dienen (Nutzpflanzen). Sträucher, Bäume, Rasenflächen, Rabatten etc. können dagegen bedenkenlos mit dem Grundwasser bewässert werden“, so heißt es in der aktuellen Bekanntmachung. Auch zum Befüllen der Pools und Planschbecken, sagte Dr. Angela Carstens, Leiterin des Kreisgesundheitsamts auf der Veranstaltung, sollte auf Grundstücken innerhalb des gekennzeichneten Areals in Groß-Gerau Trinkwasser verwendet werden.

Schadensfälle

Vorgestellt wurden in der Stadthalle zudem Schadensfälle bei der Opel-Zentralwäscherei auf dem Altgelände in Rüsselsheim, bei Merck in Gernsheim, bei der früheren Firma Kluthe in Biebesheim, in Ginsheim-Gustavsburg und bei dem ehemaligen Ticona-Werk in Kelsterbach. Diese und weitere Schadensfälle sollen bis Ende des Jahres auf der Homepage des Kreises eingestellt werden. „Die lebhafte Diskussion hat gezeigt, dass wir bei diesem nicht einfachen Thema breit informieren müssen“, sagte Astheimer.