Dr. Annette Ludwig verlässt das Gutenberg-Museum Mainz in diesen Tagen nach annähernd 12 Jahren als Museumsdirektorin und widmet sich künftig ihrer neuen Aufgabe als Leiterin der 21 Weimarer Museen der renommierten Klassik Stiftung Weimar. Ihr folgt der Kunsthistoriker Ulf Sölter nach, der die Stelle als Direktor des Gutenberg-Museum Mainz zum 1. April 2022 antreten wird.


Der Rat der Stadt Mainz hatte Dr. Annette Ludwig im Jahre 2010 mit der Aufgabe als Direktorin des Weltmuseums der Druckkunst betraut

Mit zahlreichen renommierten und prämierten Sonderausstellungen beschritt Ludwig seither mit der Ausrichtung des Gutenberg-Museums auf die Zukunft mutig neue Wege – und stellte sich zudem der Herausforderung, das Weltmuseum der Druckkunst sowohl baulich als auch museal-konzeptionell neu auszurichten und auf die Zukunft vorzubereiten. Diesen Prozess begleitete Ludwig in den zurückliegenden Jahren mit Verve, vielen Ideen und stets in enger Abstimmung mit Kulturdezernentin Marianne Grosse.

Oberbürgermeister Michael Ebling verabschiedete die hochverdiente Museumsleiterin heute im Rahmen einer Feierstunde im Stadthaus Große Bleiche in Anwesenheit ihres Ehemannes Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann.

„Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an – und handelt“, zitierte Ebling eingangs Johann Wolfgang von Goethe – aufgrund dessen früherer Wirkungsstätte Weimar, die absehbar auch jene Ludwigs sein wird. Zugleich, so Ebling, skizziere das Zitat auch das Wesen der scheidenden Museumsdirektorin: „Sie haben in Ihren zwölf Jahren als Direktorin des Gutenberg-Museums nie nur abgewartet, dass die Zeit sich wandelt, sondern Sie haben zugepackt und gehandelt, wann immer es darum ging, das Weltmuseum für Druckkunst voranzubringen. Und nicht zuletzt haben Sie zugepackt, als sich Ihnen die einzig¬artige Chance bot, an eine der wichtigsten deutschen Kulturstiftungen, die Klassik-Stiftung Weimar, zu wechseln: Sage und schreibe 21 (!) Museen werden dann unter Ihrer Leitung stehen – eine Aufgabe, die nicht nur eine große Herausforderung ist, sondern vor allem auch eine großartige Auszeichnung und Anerkennung Ihrer verdienstvollen Arbeit als Mainzer Museumsdirektorin.“

Zu einem solchen Sprung könne man nur gratulieren, so der Oberbürgermeister: „Wir alle haben uns unglaublich mit Ihnen gefreut – auch wenn uns die Freude über den Ruf aus Weimar zugegebenermaßen auch Schmerzen bereitet hat.“ Man habe erst lernen müssen, sich mit dem Gedanken an den Abschied vertraut zu machen: „Mit Ihrem Weggang, liebe Frau Dr. Ludwig, geht eine ,Ära‘ für das Gutenberg-Museum und für unsere Stadt zu Ende.“
In den zwölf Jahren ihres Wirkens seit 2010 habe sich das „Gutenberg-Museum gewandelt und erneuert (…) und das nicht nur inhaltlich, konzeptionell und organisatorisch, sondern im wahrsten Sinne des Wortes von Grund auf: Denn praktisch alles, was es für die Neuausrichtung und Zukunftsfähigkeit des Museums braucht – von der Standortsuche für den Neubau über die Finanzierung bis hin zur Ausgestaltung der Interimszeit und sogar der Trägerschaft – haben Sie bereits geplant, vorbereitet und so weit möglich auf den Weg gebracht.“

Der Kraftakt habe „praktisch von Tag eins Ihrer Amtszeit an begonnen“, so Ebling

Im Museum „musste groß gedacht werden – und Größe haben Sie stets gezeigt: als ideenreiche Ausstellungsmacherin ebenso wie als unermüdliche Netzwerkerin und kluge Planerin. Größe haben Sie aber auch in der vielleicht schwersten Stunde des Museums gezeigt: bei der Ablehnung des so genannten ,Bibelturms‘ durch eine Mehrheit der Mainzer Bevölkerung.“

Dieser schmerzliche Erkenntnisprozess sei letztlich in der Rückschau aber auch extrem wichtig für die Stadtgesellschaft gewesen. „Das Neue, das Sie jetzt an der Seite von Kulturdezernentin Marianne Grosse, mit auf den Weg gebracht haben, wurde von Ihnen beiden hart erkämpft. Und wie vielleicht alle hart erkämpften Entscheidungen erweisen sich gerade diese nicht selten als besonders tragfähig“, so Ebling. In den vergangenen zwölf Jahren sei indes kaum ein Tag vergangen, an dem das Gutenberg-Museum nicht Schlagzeilen gemacht habe. Nicht wegen baulicher Querelen, sondern wegen vieler markanter kultureller Ereignisse, die „in die Jahre Ihrer Amtszeit fielen“.


Ebling erinnerte an die Tagung des Deutschen Museumsbunds in Mainz im Jahr 2014 – erstmals wieder nach dreißig Jahren

Auch die bahnbrechende Ausstellung „Moving Types“, die das Museum inhaltlich und technisch schlagartig ins 21. Jahrhundert katapultiert habe und mit dem die Typografie als neuer Schwerpunkt des Museums etabliert worden sei, bleibe unvergessen.

Dies gelte ebenso für den Beitrag des Museums zum Reformationsjubiläum „Am 8. Tag schuf Gott die Cloud“ sowie die Schau zum Bauhaus-Jubiläum: „Nur zwei Beispiele von vielen, aber Beispiele, die zeigen, wie sich aus einem Museum der Vergangenheit ein Museum der Zukunft entwickelte.“

Die Museumdirektorin habe es in Zeiten knapper Kassen dennoch verstanden, „auch aus dieser Not eine Tugend zu machen: die gleiche Kreativität und Einfühlsamkeit, mit der Sie Ihre Ausstellungen realisierten, halfen Ihnen auch bei der Akquise von Sponsorengeldern – wie wir wissen ein ziemlich steiniges Feld, das es zu beackern gilt. Ihrem ganz persönlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass Finanzmittel in namhafter Höhe sowie auch bedeutende Sammlungen dem Museum – und damit dem Kulturstandort Mainz – zu Gute kamen. Auch dafür sage ich herzlich danke!“, unterstrich Ebling.

Auch der Druckladen, ein so großartiger Ort für die Vermittlung der alten Technologien an junge Leute, sei von Ludwig „auf Vordermann“ gebracht worden: „Heute kann man hier nicht mehr nur das Drucken in Gutenberg‘scher Manier erleben, man kann es nun auch erlernen! Altes und Neues, Vergangenes und Modernes miteinander zu verbinden, es einander beleben und befruchten zu lassen – auch das ist geradezu ein Markenzeichen von Ihnen.“

Oberbürgermeister Michael Ebling betonte in dieser Abschiedsstunde mit Nachdruck

„Sie waren ein Glücksfall für unsere Stadt – und sind es jetzt für die Stadt Weimar, davon bin ich fest überzeugt.“ Die Stadtspitze habe Dr. Annette Ludwig stets „als verlässliche wie auch lösungsorientierte Ansprechpartnerin erlebt und geschätzt; als eine Kultur-Expertin und Museums-Macherin, die mit beispiellosem Engagement und einem wahren Feuerwerk an kreativen Ideen für ihr Museum gekämpft, gelebt – und manchmal auch gelitten hat.“
Die enorme Wirkung von Johannes Gutenberg und seiner Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern – dieses kultur- und mediengeschichtliche Highlight der Stadt, das Menschen aus aller Welt nach Mainz kommen lasse: „Das alles war bei Ihnen immer in den allerbesten Händen.“ Dr. Annette Ludwig übergebe in den Stunden ihres Abschieds das Gutenberg-Museum als „wohlbestelltes Haus, das nicht zuletzt perspektivisch in veränderter Trägerschaft – auch dies ein langer Kampf, den Sie für Ihr Haus ausgefochten haben – neue Handlungsspielräume eröffnet“.

Der Oberbürgermeister: „Im Namen von Rat, Verwaltung und Bürgerschaft dankt die Landeshauptstadt Mainz für alles, was Sie als Direktorin des Hauses geleistet haben. Ihre hohe Identifikation mit dem Museum, Ihr Verantwortungsbewusstsein und Ihr Pflichtgefühl gingen weit hinaus über das, was üblicherweise auf einer solchen Position erwartet werden kann, das möchte ich ausdrücklich betonen. Was Sie geleistet haben, war und ist nicht selbstverständlich!“

OB Ebling fügte abschließend an

„Ich möchte ebenfalls betonen: Wir alle bedauern Ihren Weggang außerordentlich – umso mehr, als Sie ausgerechnet zu einem Zeitpunkt gehen, wo die Früchte Ihrer Arbeit in greifbarer Nähe hängen.“ Es bleibe der „tiefe Dank für alles, was Sie in und für Mainz bewegt und erreicht haben. Viel Erfolg für Ihre neue spannende Aufgabe in Weimar, an dieser einzigartigen Schnittstelle von Kultur und Geschichte in Deutschland. Eine Bitte habe ich noch: Bleiben Sie unserer Stadt und ihren Menschen verbunden, bleiben Sie vor allem Ihrem Gutenberg-Museum verbunden! Denn das Museum birgt nicht nur einen Schatz, es ist ein Schatz – und dieser Schatz strahlt nach zwölf Jahren unter Ihrer Pflege und Aufsicht heller und schöner denn je.“


Kulturdezernentin Marianne Grosse ergänzte, im Gutenberg-Museum seien Wissenschaft und Forschung genauso daheim wie das Handwerk und die Praxis.

Die Aufgaben eines Museums – Sammeln, Forschen, Bewahren und Vermitteln – beschrieben daher nur unvollständig das Wirken Ludwigs im und für das Museum und dessen Bedeutung für Gutenberg und für Mainz: „Unter Ihrer Leitung zeigte das Museum mehrfach prämierte Sonderausstellungen zu den Themenbereichen Buchkunst, Druckgrafik und Typografie, wie z. B. „FUTURA. Die Schrift“, bei der Sie auch selbst kuratorisch verantwortlich zeichneten. Ihre erstklassige Expertise haben Sie darüber hinaus immer wieder in vielen Veröffentlichungen und Vorträge eingebracht.“

Die Bibliothek des Gutenberg-Museums wurde neu aufgestellt, es existiere heute ein Audioguide und ein wunderbarer Gutenberg-Film. Auch die Sammlungspflege sowie die Erweiterung der Museumsbestände habe Ludwig mit großer Akribie und Umsicht vorangetrieben. Dank Ihrer großartigen Arbeit seien die Besucherzahlen des Museums – bis zur Corona-Pandemie – stetig angewachsen. „Das Gutenberg-Museum ist auf den wichtigsten Fachmessen wie der Frankfurter und Leipziger Buchmesse stets erfolgreich präsent, ebenso spielt das Museum eine aktive und zentrale Rolle bei unseren kulturellen Veranstaltungen in Mainz, ob Museumsnacht, der Mainzer Büchermesse oder der Johannisnacht.“

„Mit Ihrer wertvollen Arbeit haben Sie immer auch der Tatsache Rechnung getragen, dass die Einrichtung ein von der Mainzer Bürgerschaft im Jahr 1900 gegründetes Museum ist: All die Menschen, Förderer, Sponsoren und Engagierten, die sich für das Museum und das Erbe Gutenbergs einsetzten, haben Sie stets im Blick gehabt und weitreichende Netzwerke gepflegt. Mit dem ,Mainzer Impuls‘ haben Sie zudem Pionierarbeit geleistet und damit eine Initiative für den Erhalt und die Wertschätzung des Erbes Gutenbergs und der Bewahrung der Gutenberg‘schen Technologie initiiert.“

Das Weltmuseums sei heute ein Ort des Diskurses und Plattform für den Dialog von Kunst, Kulturgeschichte und Gesellschaft. „Ihre Aufgabe als Museumsdirektorin war nie nur eine ,Aufgabe‘, Sie haben sich mit dem Haus immer vollkommen identifiziert. Es war Ihr Herzensprojekt, das konnte man in allem spüren.“

Deshalb gelte der Dank nicht allein der scheidenden Direktorin Dr. Annette Ludwig, sondern „auch der Persönlichkeit, die ich immer als absolut verlässliche Partnerin an meiner Seite wusste. Der enge Schulterschluss“, so Grosse, habe sich „vor allem in der kompletten Neukonzeption und baulichen und inhaltlichen Neuausrichtung des Museums und dem teilweise steinigen Weg hin zu einem Neubau für das Gutenberg-Museum“ gezeigt.
„Ohne Ihre fachliche Expertise, Ihre zukunftsweisenden Ideen, aber vor allem auch Ihre große Geduld und Ihr engagiertes Streiten für das Museum stünden wir heute nicht an dieser Stelle und würden nicht auf einen erfolgreichen Fortgang des Projektes blicken. Ihre Loyalität, Ihre Herzlichkeit und Ihren Optimismus haben Sie nie verloren – und das war immer eine große Stütze und Bereicherung.“