Mainz plant niedrigschwellige Angebote für Obdachlose vor. Dabei orientiert sich die Stadt am Frankfurter Modell, wo die Obdachlosen im Winter im Bahnhof Hauptwache übernachten dürfen. Das hat Sozialdezernent Dr. Eckart Lensch (SPD) im Interview mit BYC-News berichtet. Bis dahin müsse die Stadt auch auf Lösungen wie die Alte Ziegelei zurückgreifen, die nicht ideal seien.


Die Kanzlerin spricht gerne davon, dass die Politik in der Corona-Krise auf Sicht fahre. Nach über einem Jahr Pandemie. Mit welcher Strategie hat das Sozialdezernat der Stadt Mainz auf die Corona-Krise reagiert, Herr Dr. Lensch?

Wir sind als Dezernat auf jeden Fall nicht nur auf Sicht gefahren. Die Pandemie hat uns vor
Aufgaben gestellt, die wir lösen mussten. Zum Beispiel bei der „gpe“. Dort konnten die Beschäftigten nicht mehr so arbeiten wie üblich. Also wurde nach einer Lösung gesucht, die einen Teil ihrer Einkommen sichert und auch eine Betreuung ermöglicht. Deswegen haben wir im ersten Lockdown das Hotel „INNdependence“ für obdachlose Menschen geöffnet und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der gpe in der Betreuung mit eingesetzt.

Wieso war diese Möglichkeit im zweiten Lockdown nicht mehr möglich?

Es ging nicht ums Geld. Im ersten Lockdown waren die Hotels komplett geschlossen, im zweiten Lockdown durften sie für Geschäftsreisende geöffnet bleiben. Im Teilbetrieb haben die Hoteliers es abgelehnt, Zimmer für Obdachlose bereit zu stellen.

Konnten am Fort Hauptstein keinen Abstand gewähren

Welche Alternativen dazu hat die Stadt gefunden?

Zu den drei festen Einrichtungen für Obdachlose haben wir wie in jedem Winter die Container am Fort Hauptstein aufgestellt. Zudem haben wir ein Gebäude in der Housing Area in Gonsenheim für obdachlose Menschen geöffnet, das nach wie vor offen ist.

Die Container am Fort Hauptstein sind indes abgebaut worden. Die Begründung war, dass dies immer zum 1. April passiere. Nur haben wir jetzt eine Pandemie, noch dazu eine nächtliche Ausgangssperre. Reicht da die Begründung, das haben wir immer schon so gemacht?

Im Bezug auf die Pandemie waren die Container am Fort Hauptstein kein Gewinn. Die Situation dort ist nicht so, dass wir etwa die Abstandsregelungen einhalten könnten. Die Räume sind eng und klein, sodass das Übertragungsrisiko fast genauso groß war wie auf der Straße. Vor der Schließung haben dort nur noch fünf Menschen übernachtet.

Auf Anfrage von uns hieß es, einige der Menschen, die am Fort Hauptstein übernachtet hätten, seien in ihre Heimat zurückgekehrt. Aus welchen Ländern kamen sie denn?

Es gibt tatsächlich Personen, die zum Beginn des Winters aus Osteuropa nach Deutschland kommen und die Möglichkeiten hier nutzen. Zu Beginn des Frühlings kehren sie dann auch wieder nach Osteuropa zurück. Aufgrund des übrigen Angebotes war dann für uns die Situation gekommen, die Container wieder abzubauen.

Die Alte Ziegelei dient als Puffer

Wie sieht dieses Angebot aus?

Im Moment haben wir über 100 Plätze, an denen obdachlose Menschen übernachten können. 77 Schlafplätze sind es in den drei regulären Einrichtungen, die anderen stehen in der Housing Area bereit. Es kann vorkommen, dass ein Obdachloser bei einer Unterkunft ankommt, in der gerade kein Platz frei ist. Aber das ist nicht die Regel. Normalerweise können wir jedem einen Schlafplatz anbieten. Natürlich ist uns am liebsten, wenn wir die Hilfesuchenden in den regulären Einrichtungen unterbringen können. Denn dort ist das fachlich geschulte Personal, das den Menschen helfen kann. Etwa, wenn es um Fragen der Wiedereingliederung geht.

Wie kam es dann angesichts dieses Angebotes dazu, die Alte Ziegelei, in der eigentlich Flüchtlinge untergebracht sind, für Obdachlose zu öffnen?

Im ersten Lockdown hatten wir keine nächtliche Ausgangssperre. Diese hat uns dazu bewogen, die Alte Ziegelei als Puffer anzubieten. Auch für die Obdachlosen, die Angst davor haben, von der Polizei wegen der Ausgangssperre angegangen zu werden.

Für die Durchsetzung der Ausgangssperre ist nicht die Polizei zuständig, sondern das Ordnungsamt. Also Mitarbeiter der Stadt. Ist es da nicht einfach möglich, den Mitarbeitern anzuordnen, sensibel mit Obdachlosen umzugehen?

Es gibt eine Vereinbarung des Amtes für Soziale Leistungen mit dem Ordnungsamt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit obdachlosen Menschen sensibel umgehen sollen. Das ist eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit. Entsprechend haben wir dafür gesorgt, dass sie auch während der Ausgangssperre nicht an ihren Schlafplätzen gestört werden – und das ist auch nicht passiert. Der Vorwurf, dass eine Strafe wegen eines Verstoßes gegen die Ausgangssperre ausgesprochen wurde, ist widerlegt worden.

Wir leben in einer Notsituation

Nun treffen in der Alten Ziegelei Menschen zusammen, die aus unterschiedlichen kulturellen Situationen kommen. Obdachlose kommen zum Beispiel mitunter betrunken in der Unterkunft an und treffen auf viele Bewohner, die dort fest leben und Moslems sind. Ist die Alte Ziegelei vor dem Hintergrund glücklich gewählt?

Wir haben eine Unterkunft gesucht, die freie Plätze hat und die von der Innenstadt aus erreichbar ist. Das trifft auf die Alte Ziegelei zu. Die Frage, ob man obdachlose Menschen und Flüchtlinge in der gleichen Unterkunft unterbringen sollte, ist im Sozialwesen schon oft gestellt worden. Die Antwort lautet eher nein. Doch wir leben in einer Notsituation und haben uns daher für eine Unterkunft entschieden, in der es freie Plätze gibt.

So richtig vorbereitet war die Alte Ziegelei aber nicht auf die Obdachlosen?

Die Alte Ziegelei wird im Auftrag der Stadt Mainz von den Maltesern betrieben. Die Malteser sind sehr gut vernetzt, wenn es um die Belange von Flüchtlingen geht. Die Arbeit mit den Institutionen zur Betreuung von Obdachlosen hat sich nun eingespielt.

Auch die Hygiene war ein Thema. Es gab schlimme Bilder über die Zustände in der Alten Ziegelei.

Wir haben das zur Kenntnis genommen und die Malteser haben versichert, diese Zustände zu verbessern.

Brauchen niedrigschwellige Übernachtungsangebote

An welchen Lösungen arbeiten Sie für die Zukunft?

Wir brauchen niedrigschwellige Übernachtungsangebote. Diese Idee ist von den Trägern der
Obdachlosenhilfe an uns herangetragen worden. Und diese Idee hat sich zugleich auch unter unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickelt. Wir haben uns daher bei Ortsterminen mit dem B-Ebenen-Modell in Frankfurt beschäftigt. An der Hauptwache können Obdachlose zum Übernachten in den Bahnhof gehen. Eine Bedürftigkeitsüberprüfung erfolgt dann nicht.

Wo wird dieses Modell in Mainz kommen?

Nach dem richtigen Ort suchen wir derzeit. Wir wünschen uns eine Lösung mit bis zu 50 Schlafplätzen. Dafür bräuchten wir ein Gebäude, das mindestens 400 Quadratmeter Platz bietet und in der Innenstadt oder ihrer Nähe steht.


Anmerkung der Redaktion: Das Interview mit Dr. Eckart Lensch hat unter Einhaltung der AHA-Regeln in einem gelüfteten Raum stattgefunden. Die Beteiligten haben Masken getragen. Nur für das Foto hat Herr Dr. Lensch auf Bitte von BYC-News die Maske abgenommen.