Leserbrief von Corinna Herzog: Mit großem Erstaunen habe ich den Leserbrief von G. Holler gelesen, der am 26.06.2026 bei BYC-News veröffentlicht wurde (Leserbrief: Verkehrsplanung in Mainz am Bürger vorbei) Die dort geäußerte Fundamentalkritik an der Mainzer Verkehrsverwaltung zeichnet das Bild einer blockierten Stadt, geht jedoch an den Realitäten der modernen Stadtentwicklung völlig vorbei. Was als „ideologische Fehlplanung“ diffamiert wird, ist in Wahrheit der einzig richtige und zukunftsfähige Weg: Der Fahrrad– und Fußverkehr sowie der ÖPNV müssen in Mainz konsequent Vorrang vor dem PKW-Verkehr haben. Es gibt heute im städtischen Raum mehr als genug Möglichkeiten, auf das eigene Auto zu verzichten.
„Verkehrsplanung in Mainz“: Zur angeblichen Konzeptlosigkeit bei Baustellen und Staus
Herr Holler beklagt den „täglichen Spießrutenlauf“ und das vermeintlich mangelhafte Baustellenmanagement. Wer die Transformation einer historisch gewachsenen Stadt hin zu moderner Infrastruktur fordert, muss auch akzeptieren, dass dafür gegraben, gebaut und umgeleitet werden muss. Sanierungsstau lässt sich nicht geräuschlos beheben. Die temporären Einschränkungen und Staus sind keine Schikane, sondern die notwendige Übergangsphase zu einer klimagerechten Stadt. Die Behauptung, der Stop-and-go-Verkehr schädige die Umwelt, ist zwar richtig – die Verantwortung dafür liegt jedoch nicht bei den Planern, sondern bei denjenigen, die sich trotz funktionierender Alternativen nach wie vor jeden Tag alleine in ihre SUVs und PKWs setzen und die Straßen verstopfen.
Verkehrsplanung in Mainz und die Idee der „Grünen Welle“
Die Kritik an den Ampelschaltungen und der vermissten „Grünen Welle“ offenbart ein rückwärtsgewandtes Verkehrsverständnis aus den 1970er-Jahren. Eine konsequente Bevorrechtigung von Bussen und Straßenbahnen an Kreuzungen führt unweigerlich dazu, dass der Autoverkehr punktuell warten muss. Das ist kein Versagen am grünen Tisch, sondern eine bewusste und richtige Steuerung. Auch die Kritik an den sogenannten „Bettelampeln“ für Fußgänger oder abrupt endenden Radwegen greift zu kurz: Diese Provisorien entstehen oft nur deshalb, weil dem PKW-Verkehr noch immer zu viel Raum zugestanden wird. Die Lösung lautet hier nicht, den Verkehrsfluss für Autos zu optimieren, sondern dem Auto noch mehr Spuren zu entziehen, um durchgehende, sichere Rad- und Gehwege zu realisieren.
Poller und Verkehrsberuhigung schützen Leben
Besonders dramatisch wird im Ursprungsbrief „„Verkehrsplanung in Mainz““ die Platzierung von Pollern, Fahrbahnverengungen und Schikanen kritisiert, die angeblich Rettungskräfte behindern. Dieses Argument wird gerne vorgeschoben, um den Status quo der autofreundlichen Stadt zu verteidigen. In der Praxis dienen diese baulichen Maßnahmen der Verkehrsberuhigung und dem Schutz der schwächsten Verkehrsteilnehmer – insbesondere von Kindern und älteren Menschen. Sie verhindern das gefährliche Rasen und illegale Abkürzen durch Wohnquartiere. Rettungsdienste und die Feuerwehr werden bei der Planung moderner Verkehrsberuhigungen stets einbezogen; das eigentliche Hindernis für Einsatzfahrzeuge sind im Alltag vielmehr rücksichtslos zugeparkte Kreuzungen und enge Straßen, die durch privaten PKW-Besitz blockiert werden.
Die Mobilitätswende erfordert klare Prioritäten statt falscher Kompromisse
Herr Holler fordert, die verschiedenen Mobilitätsbedürfnisse miteinander zu versöhnen und den Verkehrsraum nicht zum „Kampffeld“ zu machen. Doch eine echte Mobilitätswende kann es nicht zum Nulltarif geben. Der öffentliche Raum in Mainz ist begrenzt. Wenn der Radverkehr und der ÖPNV attraktiver und sicherer werden sollen, muss der PKW-Verkehr unweigerlich Platz abgeben. Die von Herrn Holler genannten Beispiele – wie der Handwerker oder die mobilitätseingeschränkte ältere Dame – sind genau die Gruppen, die davon profitieren, wenn gesunde und mobile Menschen endlich auf das Auto verzichten.
Mainz ist auf einem guten Weg. Wer heute noch jede Kurzstrecke mit dem Auto zurücklegt und eine lückenlose Privilegierung des Autos fordert, verkennt die Notwendigkeiten des Klimaschutzes und der urbanen Lebensqualität. Es braucht keine Kehrtwende zurück zum alten Pragmatismus, sondern ein noch konsequenteres Voranschreiten bei der Bevorzugung von Fahrrad, Fußverkehr und Schiene.
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