Leserbrief von G. Holler zum Thema „Verkehrsplanung in Mainz“: Wer versucht, sich durch unsere Stadt Mainz zu bewegen, stellt unweigerlich fest, dass Mobilität seit Monaten, ja gefühlt seit Jahren zu einem täglichen Spießrutenlauf mutiert. Es handelt sich hierbei längst nicht mehr um eine vorübergehende Phase oder ein kurzfristiges Sommerloch, sondern um einen dauerhaften Zustand, der von Monat zu Monat schlimmer zu werden scheint. Es spielt mittlerweile keine Rolle mehr, welches Verkehrsmittel man wählt: Ob am Steuer eines Automobils, im Sattel eines Fahrrads oder zu Fuß auf dem Gehweg – die Unzufriedenheit wächst auf allen Seiten gleichermaßen und verfestigt sich zu tiefem Frust. Das liegt nicht etwa an einem plötzlich explodierten Verkehrsaufkommen, sondern an einer systematisch fehlgeleiteten Verkehrsplanung, die sich über die letzten Jahre vollständig von der Lebensrealität der Menschen vor Ort entkoppelt hat. Man wird das ungemütliche Gefühl nicht los, dass hier Entscheidungen am grünen Tisch und nach rein ideologischen Leitlinien getroffen werden, statt den tatsächlichen, pragmatischen Verkehrsfluss im Blick zu behalten.
Das offensichtlichste Symptom dieser jahrelangen Fehlentwicklung sind die unzähligen Baustellen, die das Stadtbild wie chronische Wunden prägen. Es gehört mittlerweile zum gewohnten und frustrierenden Bild, dass Absperrbaken und Halteverbotsschilder wochen-, oft monatelang Wege blockieren, ohne dass auch nur ein einziger Bauarbeiter oder ein Bagger zu sehen ist. Straßen werden aufgerissen, provisorisch verengt und dann über halbe Ewigkeiten sich selbst überlassen. Die dadurch entstehenden Staus und Verzögerungen belasten nicht nur die Nerven der Berufspendler Tag für Tag aufs Neue, sondern schädigen durch den permanenten Stop-and-go-Verkehr auch massiv die Umwelt. Wenn Baustellenmanagement über Jahre hinweg nur noch aus dem Aufstellen von Schildern besteht, anstatt aus einer straffen, effizienten Durchführung der Arbeiten, läuft in der Organisation etwas grundlegend schief. Der Bürger fragt sich zurecht, warum die Verwaltung hier nicht konsequenter kontrolliert und einfordert.
Doch die Frustration beschränkt sich keineswegs auf diese Dauerbaustellen
Die permanent installierte Infrastruktur offenbart oft eine noch tiefere Konzeptionslosigkeit, die sich über die Zeit wie Zement verfestigt hat. Ein Paradebeispiel hierfür sind die Ampelschaltungen im Stadtgebiet, deren Ineffizienz seit Jahren zunimmt. Eine koordinierte „Grüne Welle“, die früher einmal als Standard für einen flüssigen Verkehrsfluss und niedrige Emissionswerte galt, scheint vollständig aus dem Repertoire der Planer gestrichen worden zu sein. Stattdessen steht man an aufeinanderfolgenden Kreuzungen systematisch vor roten Signalen – und das oft ohne erkennbaren Querverkehr. Diese künstliche Ausbremsung trifft jedoch keineswegs nur die Autofahrer. Auch als Fußgänger steht man sich an Bettelampeln seit jeher die Beine in den Bauch, nur um für wenige Sekunden Grün zu erhalten, während Radfahrer durch abrupt endende Radwege oder widersprüchliche Verkehrsführungen an Kreuzungen regelrecht in gefährliche Situationen manövriert werden. Es entsteht eine absurde Situation, in der am Ende niemand gewinnt, aber alle Beteiligten Zeit und Nerven verlieren.
Besonders deutlich zeigt sich die Entfremdung der Planer von der Praxis bei der Platzierung von baulichen Hindernissen wie Pollern, Fahrbahnverengungen oder künstlichen Schikanen, die im Laufe der letzten Jahre wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Was in der Theorie der Verkehrsberuhigung und der Sicherheit dienen soll, entpuppt sich in der Praxis oft als gefährliches Nadelöhr. Große Fahrzeuge des ÖPNV, Entsorgungsbetriebe oder – weitaus dramatischer – Rettungsfahrzeuge im Einsatzzweck werden durch diese Maßnahmen massiv behindert. Es ist ein unhaltbarer Zustand, wenn die Feuerwehr oder der Notarzt wertvolle Minuten im Slalom um schlecht durchdachte Poller verliert, weil die Durchfahrtsbreiten am Reißbrett knapp kalkuliert wurden, ohne die Realität großer Einsatzfahrzeuge zu berücksichtigen.
Hinter all diesen Einzelärgernissen steht ein unterschwelliges, aber stetig wachsendes Gefühl der Ohnmacht bei den Bürgern, das sich über die Jahre aufgestaut hat
Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Mobilitätswende nicht durch überzeugende, attraktive Angebote gestaltet, sondern durch die gezielte, jahrelange Frustration der Verkehrsteilnehmer erzwungen werden soll. Gute Verkehrsplanung zeichnet sich dadurch aus, dass sie die verschiedenen Mobilitätsbedürfnisse der Menschen miteinander versöhnt, anstatt die unterschiedlichen Gruppen gegeneinander auszuspielen. Der Handwerker, der mit schwerem Gerät zum Kunden muss, die ältere Dame, die für den Wocheneinkauf auf den Pkw angewiesen ist, der Pendler auf dem E-Bike und die Familie zu Fuß – sie alle haben ein legitimes Recht auf sichere, zügige und logische Wege.
Die aktuelle Praxis hingegen erzeugt das exakte Gegenteil: Aggression und Unverständnis auf allen Seiten, und die Spirale dreht sich immer weiter nach oben. Wenn der Verkehrsraum zum ideologischen Kampffeld erklärt wird, leidet das gesellschaftliche Klima in der gesamten Stadt. Was wir dringend benötigen, ist eine Kehrtwende zurück zu Pragmatismus, Vernunft und Augenmaß. Die Verantwortlichen in der Politik und der Verwaltung müssen den Blick nach all den Jahren der Fehlplanung endlich wieder von den theoretischen Modellen auf die Straße richten. Es braucht eine flexible Steuerung, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert, eine spürbare Beschleunigung von Baustellenverfahren und eine Ampelkoordination, die den Verkehrsfluss als Ganzes optimiert, statt ihn bewusst zu stören. Eine Stadt ist nur dann lebenswert, wenn ihre Infrastruktur den Menschen dient und ihren Alltag erleichtert, anstatt ihn chronisch zu erschweren.
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