Die mentale Belastung am Arbeitsplatz hat einen neuen Höchststand erreicht. Wie aus einer aktuellen Auswertung der KKH Kaufmännischen Krankenkasse hervorgeht, fielen Beschäftigte im vergangenen Jahr so häufig wie noch nie wegen akuter Belastungsreaktionen, Stress und Anpassungsstörungen im Job aus.
Mit knapp 119 Fehltagen pro 100 Versicherten bedeutet dies einen Anstieg von fast 80 Prozent im Vergleich zum Jahr 2017. Psychische Überlastungen sind damit nicht nur die häufigste seelische Diagnose bei Berufstätigen, sondern mittlerweile der dritthäufigste Grund für eine Krankschreibung überhaupt, direkt hinter Atemwegsinfekten und Rückenschmerzen.
Der „unsichtbare Stress der Unklarheit“
Doch was macht Berufstätige im Zeitalter von Homeoffice, Laptops und flexiblen Arbeitszeiten als Stress so zu schaffen? Neben klassischen Faktoren wie Zeitdruck, Überstunden oder Existenzängsten identifiziert KKH-Expertin Aileen Könitz vor allem die Kehrseite des modernen Arbeitens als Auslöser: fehlende Grenzen und unklare Regeln.
„Arbeit stresst heute nicht nur, weil sie grundsätzlich als zu viel erlebt wird, sondern auch, weil vieles unentschieden, diffus und ungeklärt bleibt“, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie. Wenn feste Bürostunden wegfallen, entstehe oft ein ständiger Druck zur Selbstorganisation. Fragen wie „Muss ich jetzt noch erreichbar sein?“, „Was wird von mir erwartet?“ oder „Wann ist meine Arbeit genug?“ führen laut der Expertin zu einer permanenten mentalen Anspannung. Wenn solche Unklarheiten den Alltag bestimmen, fällt das gedankliche Abschalten nach Feierabend zunehmend schwerer – auf Dauer drohen chronische Erschöpfung bis hin zum Burnout.
Unterbrechung ist keine Erholung
Als besonders tückisch erweist sich die sogenannte Arbeitszeitfragmentierung, also das Zerlegen des Arbeitstages in mehrere Abschnitte. Wer nachmittags die Kinder betreut oder den Haushalt erledigt und dafür abends erneut den Laptop aufklappt, gewinnt zwar Flexibilität, verliert aber wertvolle Regenerationszeit.
Könitz stellt dabei klar: „Wenn Berufstätige ihren Job zugunsten von Familie oder Pflege unterbrechen, machen sie keine Erholungspause, sondern arbeiten unbezahlt weiter.“ Die Folge sind verkürzte Ruhezeiten und ein künstlich verlängerter Tag, was Schlaf, Konzentration und Wohlbefinden nachhaltig beeinträchtigen kann.
Führungskräfte und Beschäftigte in der Pflicht
Um der Belastungswelle entgegenzuwirken, fordert die Krankenkasse deutliche Leitplanken in den Betrieben. Unternehmen und Führungskräfte müssten klare Kommunikationsregeln schaffen, etwa feste Zeiten, in denen Mails verschickt werden dürfen, sowie verbindliche Obergrenzen für die tägliche Arbeitszeit.
Gleichzeitig sind auch die Beschäftigten gefordert, gesunde Grenzen zu ziehen: Feste Feierabendzeiten, das bewusste Ausschalten dienstlicher Geräte sowie regelmäßige Bewegung und soziale Aktivitäten bleiben unverzichtbar, um die Auszeit vom Job auch mental zu schützen.





