StartMainzDie harte Realität als Fahrradfahrer auf dem Mainzer Asphalt

Die harte Realität als Fahrradfahrer auf dem Mainzer Asphalt

Mainz braucht daher dringend eine Kultur der Entschleunigung und des echten Respekts

Leserbrief von Georg Dittmer: Die Diskussionen über die Mobilitätszukunft unserer Stadt Mainz sind allgegenwärtig, doch während auf politischer Ebene über Masterpläne, Radschnellwege und emissionsfreie Innenstädte debattiert wird, spielt sich das eigentliche Drama des modernen Stadtverkehrs jeden Tag im direkten, ungefilterten Miteinander auf dem Asphalt ab. Als jemand, der sich im Berufs- und Freizeitverkehr regelmäßig sowohl mit dem Auto als auch mit dem Fahrrad durch das Mainzer Stadtgebiet bewegt, möchte ich meine persönlichen Beobachtungen schildern. Diese zeigen leider allzu oft, dass die Kluft zwischen dem theoretischen Wunsch nach einer Verkehrswende und der harten Realität auf unseren Straßen im Alltag spürbar wächst – vor allem durch eine zunehmende Ungeduld und mangelnde Rücksichtnahme mancher Kraftfahrer gegenüber Radfahrenden.

Wer morgens im Berufsverkehr versucht, auf dem Rad von den Außenbezirken wie Gonsenheim, Mombach oder Bretzenheim in die Innenstadt oder Richtung Universität zu gelangen, weiß, wovon ich spreche. Es sind oft nicht die großen, spektakulären Unfälle, die das tägliche Fahren so kräftezehrend und risikoreich machen, sondern die Summe aus vielen kleinen, vermeidbaren Gefahrenmomenten und Beinahe-Kollisionen. Immer wieder erlebt man Situationen, in denen Autofahrerinnen und Autofahrer den erforderlichen gesetzlichen Mindestabstand beim Überholen auf engen Straßen – wie etwa in Teilen der Neustadt oder der Altstadt – schlichtweg ignorieren. Mit wenigen Zentimetern Abstand vorbeizurauschen, nur um wenige Sekunden früher an der nächsten roten Ampel anzukommen, zeugt von einer Risikobereitschaft, die für die Betroffenen auf dem Rad extrem einschüchternd ist.

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Dabei möchte ich betonen, dass eine pauschale Verurteilung der Autofahrer in Mainz weder fair noch zielführend ist

Mainz ist eine historisch gewachsene Stadt mit engem Straßenquerschnitt, vielen Baustellen, schmalen Alleen und einem hohen Parkdruck. Autofahrer stehen im dichten Verkehr ebenfalls unter Strom, müssen unübersichtliche Kreuzungen meistern, nach Parkplätzen suchen und sich auf wechselnde Verkehrsführungen einstellen. Der Platz ist in vielen Straßenzügen schlicht begrenzt, und dieser knappe Raum weckt bei allen Verkehrsteilnehmern Begehrlichkeiten. Wenn jedoch dieser ohnehin knappe Raum zu Lasten der Schwächeren im Verkehr ausgereizt wird, ist eine rote Linie überschritten.

Besonders deutlich wird dies an den zahlreichen Stellen, an denen Radwege in den fließenden Autoverkehr übergehen oder durch kurzzeitiges, unzulässiges Halten blockiert werden. Wer als Radfahrender gezwungen ist, wegen eines Lieferwagens oder eines kurzzeitig abgestellten Autos in den fließenden Verkehr auszuweichen, ohne dass nachfolgende Autofahrer das rechtzeitig erkennen oder bremsbereit sind, schwebt unmittelbar in Lebensgefahr. Auch das Missachten der Vorfahrt an Einmündungen, insbesondere durch abbiegende Fahrzeuge, gehört zu den klassischen Gefahrenquellen. Viele Kraftfahrer scheinen den Geschwindigkeitsüberschuss oder die Beschleunigung eines modernen Alltags- oder E-Bikes nach wie vor zu unterschätzen oder den Schulterblick beim Rechtsabbiegen schlicht zu vergessen.

Darüber hinaus darf auch die oft bemängelte Infrastruktur nicht gänzlich aus der Pflicht genommen werden, da unklare Beschilderungen und abrupt endende Radwege die ohnehin angespannte Lage zusätzlich anheizen. Wenn Schutzstreifen mitten auf stark befahrenen Achsen urplötzlich im Nichts enden, prallen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Interessen der Verkehrsteilnehmer völlig ungepuffert aufeinander. Das erzeugt bei allen Beteiligten Stress, Unverständnis und schürt gegenseitige Aggressionen, die in einem harmonischen Verkehrssystem eigentlich keinen Platz haben dürften. Es greift zu kurz, das Problem rein baulich zu betrachten, denn selbst die modernste Trasse verfehlt ihren Zweck, wenn sie von Unachtsamkeit und egoistischem Verhalten dominiert wird.

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Was mich bei all diesen Beobachtungen am meisten nachdenklich stimmt, ist die spürbare Verrohung des Tons und die sinkende Frustrationstoleranz im Straßenverkehr

Gegenseitiges Winken, ein verständnisvolles Nicken oder das Einräumen eines kleinen Fehlers weichen immer öfter aggressivem Drängeln, Hupkonzerten oder demonstrativ dichtem Auffahren. Das gilt umgekehrt natürlich auch: Man muss selbstkritisch einräumen, dass auch manche Radfahrende – sei es durch das Überfahren roter Ampeln, das Befahren von Gehwegen oder das Fahren ohne Licht bei Dunkelheit – zu einem angespannten Klima beitragen. Doch der entscheidende Unterschied liegt in der physischen Verletzlichkeit. Während ein Autofahrer im Blechmantel geschützt sitzt, zahlt ein Radfahrender jeden Fehler – den eigenen wie den des anderen – im Ernstfall mit der eigenen Gesundheit.

Mainz braucht daher dringend eine Kultur der Entschleunigung und des echten Respekts. Infrastrukturprojekte, gepflegte Radspuren und bauliche Veränderungen sind wichtig, aber sie verpuffen wirkungslos, wenn sich das Mindset im Kopf der Menschen nicht ändert. Sicherheit entsteht nicht durch Verbotsschilder oder gegenseitige Schuldzuweisungen, sondern durch das Bewusstsein, dass der Straßenraum allen gehört und nur gemeinsam sicher genutzt werden kann. Wir müssen aufhören, den Verkehr als eine Arena zu betrachten, in der das eigene Fortkommen um jeden Preis gegen die Interessen anderer durchgesetzt werden muss.

Ich wünsche mir von allen Mainzerinnen und Mainzern – ganz gleich, ob sie hinter dem Lenkrad eines Autos oder auf dem Sattel eines Fahrrads sitzen –, dass wir im Alltag wieder etwas mehr Geduld aufbringen. Eine Minute Zeitverlust an einer engen Engstelle oder beim Warten hinter einem Radler ist kein verlorenes Leben, aber riskantes Überholen kann genau das sein. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass Mainz eine lebenswerte Stadt bleibt, in der man sich auf der Straße wieder mit Respekt, Fairness und Augenmaß begegnet.

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