Leserbrief von Salim Cosic zum Thema Facharztmangel: Mit großem Interesse, aber auch mit zunehmender Frustration verfolge ich die Berichterstattung über die Situation im regionalen Gesundheitswesen. Als Betroffener und genauer Beobachter der Lage in Mainz und ganz Rheinhessen möchte ich mich zu dem Problem „Facharztmangel“ äußern, das mittlerweile existenzbedrohliche Ausmaße angenommen hat: dem akuten Mangel an zeitnahen Facharztterminen, insbesondere in den Bereichen der Pneumologie und der Psychotherapie. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass das System krankt, doch die Realität vor unseren Haustüren schlägt dem Fass den Boden aus. Wartezeiten von sechs bis acht Monaten für einen dringenden Termin sind in unserer Region keine Seltenheit mehr, sondern trauriger Alltag.
Wenn man in Mainz oder im Umland von Rheinhessen versucht, einen Termin bei einem Lungenfacharzt zu vereinbaren, gleicht dies einem bürokratischen Spießrutenlauf
Wer unter chronischen Atembeschwerden, anhaltendem Husten oder dem Verdacht auf Schlafapnoe leidet, braucht keine Diagnose im nächsten Jahr, sondern sofortige Gewissheit und Linderung. Ein Patient, der monatelang auf eine fachärztliche Untersuchung warten muss, verschleppt im schlimmsten Fall eine schwerwiegende Erkrankung. Hausärzte tun ihr Bestes, um die Erstversorgung abzufangen, stoßen jedoch verständlicherweise an ihre diagnostischen Grenzen. Es darf nicht sein, dass Menschen in einer wohlhabenden Region wie Rheinhessen gezwungen sind, monatelang in Angst zu leben, ob ihre Lungenfunktion dauerhaft Schaden nimmt, nur weil das Angebot an Facharztsitzen künstlich verknappt oder schlichtweg völlig unterdimensioniert ist.
Noch dramatischer stellt sich die Situation im Bereich der Psychotherapie dar. Psychische Krisen, schwere Depressionen oder Angsterkrankungen halten sich nicht an administrative Wartezeiten. Wer den schweren Entschluss fasst, sich einzugestehen, dass er professionelle Hilfe benötigt, befindet sich oft schon an einem absoluten Tiefpunkt. Wenn dieser Person dann bei der telefonischen Odyssee durch die Praxen in Mainz und ganz Rheinhessen stereotyp mitgeteilt wird, dass die Wartelisten geschlossen sind oder die nächste Erstberatung in acht Monaten stattfinden kann, ist das ein Schlag ins Gesicht. Diese Ignoranz des Systems gegenüber seelischen Leiden ist unmenschlich. Eine monatelange Wartezeit bei psychischen Erkrankungen führt unweigerlich zu einer Chronifizierung der Symptome. Betroffene verlieren im schlimmsten Fall ihren Arbeitsplatz, isolieren sich vollständig oder geraten in akute Lebensgefahr. Dass Akutfälle dann oft in den ohnehin überlasteten Notaufnahmen der Kliniken landen, ist die logische und teure Konsequenz dieser strukturellen Fehlplanung.
Die Politik und die Kassenärztliche Vereinigung verweisen in diesem Zusammenhang gerne auf theoretische Vergabestellen oder die Notdienstnummer 116117
Wer diese Optionen in Rheinhessen jedoch einmal praktisch ausprobiert hat, weiß, dass dies oft nur Pflaster auf offenen Wunden sind. Man erhält vielleicht nach langem Hin und Her ein Erstgespräch oder einen Einmaltermin, oft meilenweit entfernt vom eigenen Wohnort, doch eine kontinuierliche, therapeutische Betreuung oder eine fundierte Facharztbehandlung wird dadurch nicht ersetzt. Das Problem liegt tiefer: Die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigungen basiert auf veralteten Schlüsseln, die den tatsächlichen Zuwachs der Bevölkerung und den gestiegenen Bedarf in Ballungsräumen wie Mainz und den umliegenden Landkreisen in Rheinhessen überhaupt nicht mehr abbilden.
Facharztmangel: Zudem krankt das System an einer zunehmenden Zweiklassengesellschaft
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Privatversicherte oder Selbstzahler oft innerhalb weniger Tage oder Wochen einen Termin erhalten, während gesetzlich Versicherte am Telefon abgekanzelt werden. Das zersetzt das Vertrauen in unseren Sozialstaat. Wenn der Zugang zu lebenswichtiger Medizin vom Versicherungsstatus oder dem Geldbeutel abhängt, haben wir als Gesellschaft versagt. Die Ärztinnen und Ärzte vor Ort treffen oft keine Schuld – viele arbeiten am Limit und rotieren im Hamsterrad von Budgetierungen und überbordender Bürokratie. Die Strukturreformen müssen endlich von oben kommen. Es braucht eine ehrliche Reform der Bedarfsplanung, mehr Kassensitze für dringend benötigte Fachrichtungen in der Region Rheinhessen und eine Entlastung der Mediziner von administrativen Aufgaben, damit wieder mehr Zeit für die eigentliche Patientenversorgung bleibt.
Wir Bürgerinnen und Bürger in Mainz und Rheinhessen dürfen diese Zustände mit dem „Facharztmangel“ nicht länger stillschweigend hinnehmen. Gesundheit ist keine Ware, und eine zeitnahe fachärztliche Versorgung ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht. Wenn sich an den unhaltbaren Wartezeiten bei Pneumologen und Psychotherapeuten nichts ändert, kollabiert die ambulante Versorgung vor unseren Augen. Es ist höchste Zeit für die Verantwortlichen in den Ministerien und Verbänden, aufzuwachen und spürbare Erleichterungen für die Patienten in unserer Region zu schaffen, anstatt das Problem weiterhin auszusitzen.
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