Hier kommt das andere Ende der Leine zu Wort: der Don. 56 Jahre sind es jetzt beim Dicken, 59 Jahre bin ich in Deutschland. Und auch wenn ich permanent hungere, um meine Couch kämpfen und Spottnamen vom Dicken ertragen muss. Letztlich ist es doch nicht ganz schlecht hier.


„Stinkeviech“. Das ist der neueste Spitzname, mit dem der Dicke mich versieht. Er weiß es nicht besser, denke ich mir. Er kann es nicht besser, bin ich mir sicher. In 56 Jahren mit dem Dicken habe ich gelernt zu resignieren. Erwartest du gar nichts mehr von jemandem, kann er dich nur noch positiv überraschen.

Das gilt nicht auch für den Dicken. Das wurde für ihn erfunden. Und für mich. Denn mir hat es geholfen, 56 Jahre mit ihm zu ertragen, die diese Woche vollständig wurden. Gefeiert haben wir mit Leckerlis und ausführlichem Gassigehen. Darauf ist bei ihm Verlass. Da überrascht er mich dann positiv. Zum Beispiel.

Ich liebe Deutschland

Zumal die Latte niedrig liegt. Eigentlich. Denn bevor ich zu dem Dicken kam, lagen drei eher unerfreuliche Jahre hinter mir. Das fing damit an, dass ich in Bosnien in den Knast kam. Ohne Hofgang. Mit karger Verpflegung. Dann passierte Überraschendes.

Eine Pfote voll Menschen machte sich auf den fast 1300 Kilometer langen Weg. Sie holten mich aus dem Knast, gaben mir zu Essen, führten mich Gassi, ließen mich medizinisch verpflegen und flogen mit mir nach Deutschland. Ich meine. Die kannten mich ja nicht einmal. Da ist das doch schon erstaunlich.

Als noch Leute zum Dicken kamen, hieß es oft, wie kalt dieses Land sei. Das keiner dem anderen helfe. Also ich kann das nicht bestätigen. Zu mir waren hier immer alle gut. Auf der Straße treffen wir Leute, die den Dicken kritisieren, weil ich zu viel wiegen würde – und mir dann Leckerlis zustechen. Ich liebe Deutschland.

Vermisse meine Freunde

Viele, die für mich zu meiner Heimat gehören, vermisse ich. Seit Jahren sehen wir sie nicht mehr. Das gehe nicht wegen dem Virus, meint der Dicke. Mein Verdacht ist ja eher, dass sie ihn nicht mehr sehen wollen. Aber was weiß ich schon.

Der Dicke hat selten recht. Doch in dem Fall wünsche ich es mir, wie nichts anderes. Denn letztlich sind es doch Deine Freunde, die Dein Leben ausmachen. So war es in den letzten 56 Jahre immer.

Ich bin ein optimistischer Hund. Wenn der Dicke mal weggeht und ich zu Hause bleiben muss, weine ich nicht. Die Zeit im Knast hat mich gelehrt, nicht zu verzweifeln. Die Menschen sind gut. Und früher oder später kommen sie, holen Dich da raus, geben Dir zu Essen und vor allem: eine Heimat.

Hier findet Ihr weitere Folgen der Serie.

Der Dicke und ich, ich im Vordergrund. Selfie: Der Don