StartIngelheimMichael Ehresmann und Mirko Gauer zur Situation auf der A60 bei Heidesheim

Michael Ehresmann und Mirko Gauer zur Situation auf der A60 bei Heidesheim

Frust auf der A60 zwischen Heidesheim und dem Dreieck Nahetal

Es ist das tägliche Schreckensszenario für Tausende Berufspendler auf der A60: Sobald sich der Verkehr zwischen Heidesheim und dem Dreieck Nahetal staut, geht oft nichts mehr. Unter den Autofahrern wächst der Frust, und regelmäßig steht der Vorwurf im Raum, die gesetzlich vorgeschriebene Rettungsgasse funktioniere im Bereich Ingelheim überhaupt nicht, häufig verbunden mit der pauschalen Schuldzuweisung an den Schwerlastverkehr. BYC-News hat bei den Feuerwehren in Ingelheim und Mainz sowie dem Verband des Verkehrsgewerbes nachgefragt – diese zeichnen ein völlig anderes Bild.

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Der bauliche Engpass auf der A60 bei Heidesheim: Wenn der Standstreifen fehlt

Dass es auf der Pendlerachse zu massiven Zeitverlusten kommt, bestätigt die Feuerwehr. Das Problem liegt jedoch selten an einer bewussten Blockade. „Eine nicht gebildete Rettungsgasse kommt selten vor. Meist ist sie unzureichend gebildet, was teilweise längeres Rangieren zur Folge hat“, erklärt Mirko Gauer, Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Ingelheim am Rhein, deren Einsatzkräfte für den kritischen Abschnitt zwischen Heidesheim und Bingen zuständig sind.

Als Hauptursache benennt Gauer ein baubedingtes Nadelöhr auf der A60 bei Heidesheim: Abschnitte, auf denen kein Standstreifen vorhanden ist. Wenn hier die Rettungsgasse nicht sofort beim Entstehen des Staus gebildet wird, fehlt es den Fahrzeugen schlicht an der nötigen Rangierfläche, um nachträglich Platz für die schweren Löschfahrzeuge zu schaffen.

Der „Denkfehler“ im Stau: Zu dicht aufgefahren

Ein weiteres Problem ist ein grundlegendes Missverständnis vieler Verkehrsteilnehmer darüber, wann gehandelt werden muss. Laut Gesetz ist die Gasse bereits bei stockendem Verkehr zu bilden. In der Praxis warten viele jedoch, bis alles steht. „Allerdings kann man bekanntermaßen ja nur mit einem noch rollenden Fahrzeug zur Seite fahren“, stellt Wehrleiter Gauer klar. Wer stattdessen Stoßstange an Stoßstange zum Stehen kommt, kann nicht mehr rangieren.

Berufskraftfahrer unter der Lupe: Professionalität statt Pauschalkritik

Der Vorwurf von Pendlern, dass zunehmend Lkws den Rangierabstand verkürzen und Gassen blockieren, wird von den Experten vehement zurückgewiesen. Ingelheims Wehrleiter Gauer stellt klar, dass oft einzelne Pkw-Fahrer das größere Problem seien, weil sie sich nicht richtig einordnen.

Rückendeckung erhält er hierbei vom Verband des Verkehrsgewerbes. Im Gespräch wies Heiko Nagel, Sprecher des Verbandes, die Pauschalvorwürfe gegen die Logistikbranche entschieden zurück. Deutsche Berufskraftfahrer seien in der Regel „sehr gewissenhaft“ und würden sich strikt an die Verkehrsregeln halten. Sie wüssten genau, wie eine Rettungsgasse zu bilden ist.

Der Verband verweist hierbei auf ein starkes Argument, das den wenigsten Autofahrern bekannt sein dürfte: die gesetzliche Weiterbildungspflicht nach dem Berufskraftfahrerqualifikationsgesetz (BKrFQG). Um gewerblich fahren zu dürfen, müssen Lkw-Fahrer alle fünf Jahre eine 35-stündige Weiterbildung nachweisen, um die sogenannte „Schlüsselzahl 95“ im Führerschein zu verlängern. „Da sind in der Regel immer auch Themen wie Verkehrssicherheit und das richtige Verhalten im Straßenverkehr mit dabei“, so der Verbandssprecher,.

Zudem sorge das drohende Punktesystem dafür, dass Fahrer extrem vorsichtig agieren: „Wer auf den Führerschein angewiesen ist, achtet gewissenhaft darauf, sich bei der Rettungsgasse keinen Punkt einzuhandeln.“

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Internationaler Transitverkehr als Herausforderung

Woher kommen also die Probleme auf der A60 bei Heidesheim, wenn nicht von den heimischen Brummis? Der Verkehrsverband lenkt den Blick auf einen anderen, strukturellen Faktor: den enorm hohen Anteil an ausländischen Fahrzeugen auf den deutschen Autobahnen.

Gerade bei dreispurigen Autobahnen komme es immer wieder zu Missverständnissen, da nicht jeder ausländische Fahrer mit den detaillierten nationalen Regelungen in Deutschland vertraut sei – etwa mit der Frage, ob man sich an der ganz linken Spur oder den mittleren Fahrstreifen orientieren muss. Während Lkw-Fahrer im Stau meist versuchen, so weit wie möglich nach rechts auf den Standstreifen auszuweichen, stranden sie zuweilen unverschuldet auf den mittleren Spuren, wenn der Verkehrsfluss abrupt abreißt. Michael Ehresmann, Pressesprecher der Feuerwehr Mainz ergänzt hierzu: „Ein Pkw kann naturgemäß einfacher seinen Fehler ausbügeln als ein Lkw.“

Dashcams zur Beweissicherung? Ein technischer Irrläufer

Auf der Suche nach Lösungen wird oft der Ruf nach Dashcams in Einsatzfahrzeugen laut. Die Experten erteilen dem jedoch eine Absage. „Eine Dashcam ist nicht zielführend, da das Nichtbilden der Rettungsgasse kein Halterverstoß ist“, erklärt Michael Ehresmann (Feuerwehr Mainz). Da der konkrete Fahrer überführt werden muss, wäre eine hochkomplexe, geeichte Kameraausrüstung für Front und Heck nötig – ein enormer Aufwand, der in Pilotprojekten bereits als unpraktikabel verworfen wurde. Zudem gilt: Retter müssen Leben retten und können während der Fahrt keine Beweise sichern.

Die Forderung: Aufklärung und harte Sanktionen

Die Beteiligten sind sich einig: Es hilft nur konsequente Aufklärung und das Ausnutzen des bestehenden Rechtsrahmens. Wehrleiter Gauer fordert die „konsequente Anwendung der bereits vorhandenen Rechtsmittel unter Ausschöpfung der bereits vorhandenen Maximalstrafen“. Auch der Verkehrsverband betont, dass die scharfen Sanktionen zu Recht existieren. Die Feuerwehr Mainz schlägt zudem ein pragmatisches Vorgehen vor: Extreme Blockierer sollten von den Einsatzkräften dokumentiert werden, damit die Polizei diese Fahrzeuge, wenn möglich, direkt an der Einsatzstelle herausziehen und sanktionieren kann.

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