Wer in Mainz oder Umgebung einen Termin beim Lungenfacharzt oder in einer psychotherapeutischen Praxis braucht, verliert oft die Nerven: Wartezeiten von sechs bis acht Monaten sind für gesetzlich Versicherte mittlerweile trauriger Alltag. Nachdem der Mainzer Bürger Salim Cosic diesen unhaltbaren Zustand in einem Leserbrief bei BYC-News öffentlich anprangerte, haben wir beim rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium nachgehakt. Die Antwort aus Mainz zeigt, wie tief der Karren im bürokratischen Dschungel steckt.
Das Ministerium sagt: „Wir sind nicht zuständig“
Wer hofft, dass die Landespolitik das Problem der langen Wartelisten schnell löst, sieht sich getäuscht. Das Ministerium verweist sachlich auf die Gesetze. Für die Organisation der Praxen und Termine ist demnach allein die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz verantwortlich. Sie hat den sogenannten „Sicherstellungsauftrag“, muss also dafür sorgen, dass genügend Ärzte für Kassenpatienten da sind.
Das Ministerium selbst darf weder bestimmen, wer wo eine Praxis eröffnet, noch wer wann einen Termin bekommt; das regeln unabhängige Ausschüsse. Zwar gibt das Ministerium offen zu, dass die Lage gerade in der Psychotherapie für die Betroffenen „hoch belastend“ und absolut unzufriedenstellend ist.
Da die Regeln für die Bedarfsplanung aber auf Bundesgesetzen beruhen, kann das Land selbst keine eigenen Gesetze dazu erlassen. Man könne nur in Berlin für Reformen werben und von der KV vor Ort verlangen, dass sie alle bestehenden Spielräume nutzt, um die Terminvergabe zu verbessern.
Der Statistik-Irrsinn: Auf dem Papier herrscht „Überversorgung“
Besonders unverständlich wird es für die Patienten beim Blick auf die Zahlen der Lungenärzte (Pneumologen). Während Betroffene mit Atemnot monatelang auf Untersuchungen warten, sagt die offizielle Statistik des Ministeriums für die Region Rheinhessen-Nahe: Wir haben einen Versorgungsgrad von stolzen 167,1 Prozent!
Weil wir laut dieser mathematischen Formel also mehr als genug Lungenärzte haben, ist die Region für neue, reguläre Praxis-Zulassungen komplett gesperrt.
Und was sagt das Ministerium zu den langen Wartezeiten der Patienten trotz dieser Traumquote? Es verweist auf Urteile des Bundessozialgerichts. Demnach sei es Patienten bei so speziellen Fachärzten schlichtweg zumutbar, auch weitere Wege und längere Anfahrten in Kauf zu nehmen.
Zwei-Klassen-Medizin: Hoffen auf Bundesreformen
Auch das Problem, dass Privatversicherte oft bevorzugt werden, ist im Ministerium bekannt.
Eine Terminvergabe solle sich gefälligst nach der medizinischen Dringlichkeit richten, nicht nach der Versicherung. Aber auch hier hat das Land keine direkte Handhabe, um Praxen zu kontrollieren. Man hofft stattdessen auf geplante Reformen des Bundes für ein sogenanntes „Primärversorgungssystem“.
Dabei sollen Hausärzte oder die Hotline 116117 die Dringlichkeit feststellen und den Patienten eine feste Termingarantie für den Facharzt geben.
Für ländliche Regionen setzt das Land zudem auf einen „Masterplan“ mit über 30 Maßnahmen. Dazu gehören Fördergelder für Ärzte, die Praxen auf dem Land übernehmen, und ein Beratungssystem für junge Mediziner.
Wenn die Notaufnahme zum Hausarzt-Ersatz wird
Weil viele Menschen schlicht keinen Facharzttermin bekommen, gehen sie im Akutfall immer öfter direkt in die Notaufnahmen der Krankenhäuser und überlasten diese völlig. Das Ministerium betont, dass Notaufnahmen eigentlich nur für schwere, lebensbedrohliche Fälle da sind.
Als Lösung verweist das Land auf den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Telefon 116117), der Patienten besser lotsen soll. Zudem sollen in Zukunft an den Kliniken „Integrierte Notfallzentren“ entstehen.
Das Prinzip: Am Eingang gibt es einen gemeinsamen Tresen. Dort wird sofort eingeschätzt, wie dringend der Fall ist, und der Patient wird direkt entweder in die ambulante Praxis oder stationär ins Krankenhaus weitergeleitet.
Die Antwort aus dem Ministerium macht das Kernproblem unseres Gesundheitssystems überdeutlich: Die bürokratische Theorie und die Wirklichkeit der Patienten passen überhaupt nicht zusammen.
Während auf dem Papier eine rechnerische „Überversorgung“ von über 167 Prozent gefeiert wird, hängen die Menschen in der Praxis monatelang in der Warteschleife. Und wenn es hakt, schieben sich Politik und Selbstverwaltung gegenseitig die Zuständigkeit zu.
BYC-News bleibt für Sie am Ball: Die Redaktion hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) bereits mit diesen Aussagen konfrontiert und nachgefragt, wie sie den Widerspruch zwischen Statistik und Warteliste erklärt.






