StartSportDer SC Freiburg greift nach dem Europa-League-Titel

Der SC Freiburg greift nach dem Europa-League-Titel

Es ist das größte Spiel der Vereinsgeschichte. Am heutigen Abend trifft der Sport-Club am Bosporus auf Aston Villa. Wie aus dem einstigen „Fahrstuhl-Team“ ein Titelanwärter wurde und warum die Freiburger heute an das Wunder glauben

Ich kann es gar nicht begreifen. Wir im Europa-League-Finale. Wir, der kleine SC Freiburg.“ Diese Worte von Routinier Nicolas Höfler nach dem furiosen 3:1-Halbfinalsieg gegen Sporting Braga fassen das Gefühl im gesamten Breisgau perfekt zusammen. Wenn am Mittwochabend, den 20. Mai 2026, im Istanbuler Tüpras Stadyumu um 21 Uhr der Anpfiff ertönt, steht der SC Freiburg im Finale der UEFA Europa League. Der Gegner heißt Aston Villa. Was für viele Fußballromantiker wie ein wundersames Märchen wirkt, ist in Wahrheit das Resultat von jahrelangem, strategischem Wachstum und harter Arbeit.

Vom Abstiegskandidaten zum finanziellen Schwergewicht

Um zu verstehen, warum der SC Freiburg heute in einem europäischen Finale steht, muss man einen Blick in die jüngere Vergangenheit werfen. Als Nicolas Höfler im August 2013 sein erstes Bundesliga-Spiel absolvierte, war der heutige Trainer Julian Schuster noch sein Kapitän auf dem Feld. Damals hieß die Realität des Sport-Clubs oft Abstiegskampf, graues Mittelfeld oder sogar 2. Bundesliga. Eine Europapokal-Qualifikation löste im Umfeld fast schon Angst aus: „Oh nein, Europacup! Jetzt geht es bestimmt wieder bergab“, war ein geflügeltes Wort im Schwarzwald, da dem Verein meist die Kaderbreite fehlte und Leistungsträger regelmäßig von der Konkurrenz weggekauft wurden.

Doch die Freiburger Führungsebene um Sportvorstand Jochen Saier, Finanzvorstand Oliver Leki und den damaligen Cheftrainer Christian Streich setzte auf Kontinuität und Eigengewächse. Aus Talenten wie Christian Günter, Matthias Ginter oder Philipp Lienhart wurden Führungsspieler, die heute junge Wilde wie Noah Atubolu oder Philipp Treu anleiten. Ein absoluter Meilenstein war zudem der Umzug in das neue Stadion im Oktober 2021. Die neue Arena brachte wirtschaftliche Strahlkraft. Heute gilt der SC Freiburg als einer der am solidesten finanzierten Clubs der Bundesliga – mit einem Eigenkapital von satten 152 Millionen Euro, völlig ohne Investoren.

Als Christian Streich im Sommer 2024 nach zwölf Jahren sein Amt niederlegte, drohte kein Zusammenbruch. Stattdessen übernahm Julian Schuster nahtlos, führte das Team auf Platz fünf, wurde Trainer des Jahres und bewies: Die DNA des SC Freiburg ist unabhängig von einzelnen Personen extrem widerstandsfähig geworden.

Der magische Weg bis ins Finale

Diese gewachsene Stabilität und Qualität spiegelte sich in der aktuellen Europapokal-Saison wider. Die Breisgauer traten nicht mehr als nervöser Außenseiter auf, sondern als gefestigte Einheit. In einer mitreißenden K.o.-Phase räumte das Team von Julian Schuster namhafte Gegner aus dem Weg. Nach Erfolgen über KRC Genk und Celta Vigo folgte das furiose Halbfinale gegen Sporting Braga.

„Wir haben uns dahin gearbeitet, dass wir uns das vornehmen dürfen und auch können“, erklärt Rückkehrer und Abwehrchef Matthias Ginter das neue Selbstverständnis. Der SC Freiburg hofft nicht mehr nur auf Glück, sondern verlässt sich auf sein Können und die viel zitierte Gier, immer das Maximale herauszuholen.

Das große Finale Abend

Am Abend des 20. Mai 2026 in Istanbul wartet mit Aston Villa jedoch die ultimative Bewährungsprobe. Die Rollenverteilung ist klar: Der englische Premier-League-Club geht als haushoher Favorit in das Endspiel. Der Kader der Mannschaft aus Birmingham ist fast dreimal so viel wert wie der der Freiburger. Zudem trifft Trainer-Novize Julian Schuster auf der Gegenseite auf Unai Emery – den unumstrittenen „Mister Europa League“, der den Wettbewerb bereits viermal gewinnen konnte. Schuster nimmt es gelassen: „Wenn man im Finale spielt, wäre es vermessen, nicht auf Qualität zu treffen.“

Doch der SC Freiburg weiß um seine Stärken. Angreifer Igor Matanovic bringt es auf den Punkt: „Jeder hatte gegen uns Probleme, und wir werden auch Aston Villa vor Probleme stellen.“ Die Freiburger setzen dabei auch auf die Unterstützung von den Rängen. Zwar beträgt das offizielle Ticket-Kontingent für den SC nur 11.000 Karten, doch in der Metropole am Bosporus werden weit mehr Fans aus Südbaden erwartet. Sie sollen das Finale für die auswärtsschwachen Engländer zu einem gefühlten Auswärtsspiel machen. „Es ist für uns ein Ansporn, wenn man sieht, was die Fans an Zeit und Urlaubstagen geopfert haben. Wir werden für sie alles geben“, verspricht Kapitän Christian Günter.

Zudem zieht die Mannschaft Motivation aus der Vergangenheit. Die bittere Niederlage im DFB-Pokalfinale 2022 gegen RB Leipzig hat Spuren hinterlassen. „Auf keinen Fall wollen wir ein zweites Endspiel verlieren“, gibt sich Lukas Kübler kämpferisch. Für Nicolas Höfler geht es heute Abend um noch mehr: Der 36-Jährige beendet nach dem Finale seine Karriere. Er will sich mit dem größtmöglichen Triumph verabschieden.

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