Kommentar von Meikel Dachs zu der Zukunft der Schausteller: Es riecht nach gebrannten Mandeln, Zuckerwatte und frisch gebackenem Hefeteig, im Hintergrund dröhnen die satten Bässe aus den Boxen des Autoscooters, und bunte Lichter zerschneiden die einbrechende Abenddämmerung. Seit Generationen ist ein Volksfest weit mehr als nur eine Ansammlung von Fahrgeschäften und Imbissbuden. Solche Jahrmärkte sind emotionale Anker im Jahreskreislauf, ein vertrauter Zufluchtsort, der Besucher für ein paar Stunden aus der grauen Tretmühle des Alltags reißt. Hier sind alle gleich, hier duftet es nach Kindheitserinnerungen, hier schaltet der Kopf ab und das Herz schlägt im Takt der Drehorgeln und High-Tech-Gondeln. Doch über diesem bunten Treiben liegt ein dunkler Schatten, der von Jahr zu Jahr länger wird. Die Krise auf dem Festplatz ist längst keine Randnotiz mehr, sondern eine fundamentale Existenzfrage – sowohl für die Betreiber als auch für die Kunden.
Die Kostenspirale im Schaustellergewerbe
Um die Dimension des Problems zu verstehen, muss man hinter die Kulissen blicken, dorthin, wo die Romantik aufhört und die nackte Buchhaltung beginnt. Die Schausteller in Deutschland stehen seit Jahren unter einem massiven wirtschaftlichen Druck. Die Rahmenbedingungen für das reisende Gewerbe haben sich drastisch verschlechtert. Da ist zunächst die enorme Energieabhängigkeit: Große Fahrgeschäfte, Riesenräder und Laufgeschäfte benötigen gewaltige Strommengen, deren Preise in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Hinzu kommt die Mobilität – das Markenzeichen der Branche. Bis zu zwanzig- oder fünfundzwanzigmal im Jahr ziehen die Betreiber mit ihren schweren Transporten, Wohnwägen und gigantischen Stahlkonstruktionen von Stadt zu Stadt.
Jeder einzelne Transport schlägt mit stark verteuertem Kraftstoff zu Buche. Gleichzeitig explodieren die Einkaufspreise für Rohstoffe und Lebensmittel an den Imbiss- und Süßwarenständen: Ob Frittierfett, Fleisch für die Bratwurst, Mehl oder die Zuckerglasur für den Liebesapfel – die Einkaufskörbe der Schausteller sind dramatisch teurer geworden. Verschärft wird diese Situation durch steigende kommunale Standgelder und teils ausufernde Auflagen bei Sicherheit und Logistik. Wer als Schausteller überleben will, muss investieren, modernisieren und transportieren. Doch das finanzielle Polster, das viele Betriebe ohnehin schon durch die massiven Einbußen vergangener Krisenjahre verloren haben, ist bei den meisten längst aufgebraucht.
Zwischen Preisanpassung und leerem Karussell
Genau an diesem Punkt beginnt das Teufelskreis-Dilemma, das dem traditionellen Volksfest die Luft abzuschnüren droht. Die Schausteller können und wollen die gestiegenen Kosten nicht gänzlich allein tragen; sie müssen sie zwangsläufig über den Ticketpreis oder den Bratwurstpreis an das Publikum weitergeben. Doch hier stoßen sie an eine harte Schmerzgrenze. Wenn eine Fahrt auf der Achterbahn plötzlich acht oder zehn Euro kostet und wenn die Tüte Mandeln den Gegenwert eines halben Wocheneinkaufs annimmt, bleibt das Publikum aus.
Und genau das ist der Kern des gesellschaftlichen Problems: Auf der anderen Seite der Buden stehen die Kunden, die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. Auch deren Geldbeutel ist durch die allgemeine Teuerungswelle, gestiegene Mieten und Energieabrechnungen im privaten Bereich stark strapaziert. Die Reallöhne hinken den Lebenshaltungskosten vielerorts hinterher, und das frei verbleibende Einkommen schrumpft. Ein Familienausflug auf die Kirmes, der früher ein spontanes und unbeschwertes Vergnügen für zwischendurch war, mutiert heute zu einer budgetintensiven Großinvestition.
Wenn Eltern am Kassenhäuschen stehen und schlucken müssen, weil sie ihren Kindern nicht mehr jede Fahrt finanzieren können, schlägt die unbeschwerte Stimmung in Frustration um. Der Besuch verliert seine Leichtigkeit. Er wird vom unbeschwerten Freizeitvergnügen zum finanziellen Stresstest.
Wenn der Festplatzbesuch zum Rechenschieber wird
Es ist ein trauriger Wendepunkt, wenn das Verlassen des Alltags plötzlich selbst zum Rechenexempel wird. Die Psychologie auf einem Volksfest lebt von der Sorglosigkeit – vom Schlendern ohne Ziel, vom spontanen Impuls. Wenn jedoch jede Runde im Karussell im Kopf sofort in Euro-Beträge umgerechnet und gegen andere Haushaltsausgaben aufgewogen werden muss, bricht das Grundprinzip der Veranstaltung in sich zusammen.
Bleiben die Kunden dem Festplatz ganz fern oder schränken sie ihren Konsum drastisch ein, geraten die Schausteller in eine Existenznot, die ganze Familiendynastien hinwegfegt. Bleiben die Betreiber aber fern, weil sich ein Gastspiel wegen zu hoher kommunaler Abgaben nicht mehr rechnet, veröden die Innenstädte und die Plätze verlieren ihre kulturelle Identität. Ein Volksfest ist kein luxuriöses Elite-Event, sondern gehört seit Jahrhunderten in die Mitte der Gesellschaft. Es ist ein Stück gelebte Kultur und soziale Heimat.
Ein Kulturgut in Gefahr
Die Schere zwischen den betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten der Schausteller und den schrumpfenden finanziellen Spielräumen der Kunden öffnet sich immer weiter. Wenn ein traditionelles Kulturgut wie das Volksfest zum reinen Luxusgut verkommt, das sich nur noch gut betuchte Haushalte leisten können, stirbt Stück für Stück der soziale Klebstoff, der Städte und Gemeinden zusammenhält. Die Rettung dieses Kulturguts verlangt deshalb ein Umdenken auf allen Ebenen – von maßvollen kommunalen Standgeldern bis hin zu partnerschaftlichen Lösungen, damit der Zauber der bunten Lichter nicht endgültig im grauen Alltag erlischt.








