In einem ungewöhnlichen und spannungsgeladenen Video-Format des Kanals „marcant“ stellte sich der bekannte Meeresbiologe und Tierschützer Robert Marc Lehmann einer besonderen Herausforderung: Einer gegen zehn. In einer Arena-Situation diskutierte der prominente Zoo-Kritiker mit zehn Befürwortern der Wildtierhaltung über die ethische Vertretbarkeit, den wissenschaftlichen Nutzen und die Zukunft zoologischer Einrichtungen. Das Ergebnis ist ein fast anderthalbstündiges Dokument eines tiefen gesellschaftlichen Risses, der weit über die Frage von Gittern und Glaswänden hinausgeht.
Ein ungleicher Kampf unter schwierigen Vorzeichen
Schon die Einleitung des Videos lässt aufhorchen. Laut dem Moderator gab es im Vorfeld massive Versuche seitens des Verbands Zoologischer Gärten (VDZ), die Teilnahme von Experten zu verhindern. Von einer „Rundmail“ ist die Rede, die potenzielle Teilnehmer vor dem Format warnen sollte. Dennoch fanden sich sieben (statt der ursprünglich geplanten zehn) Mutige, die bereit waren, das Fokus auf die Argumente der Pro-Zoo-Seite zu lenken.
Robert Marc Lehmann, der selbst eine Vergangenheit als Tierpfleger und Aquariumleiter hat, betont zu Beginn seine Wandlung. Er sei heute überzeugt: „Wer Tiere liebt, der sperrt sie nicht ein.“ Sein Gegenüber in der Arena wechselte alle zehn Minuten, wobei rote Fahnen der Zuschauer signalisierten, wenn ein Argument der Pro-Seite nicht überzeugte.
Die Säulen des Zoos auf dem Prüfstand
Die Debatte gliederte sich in verschiedene thematische Blöcke, die die klassischen Aufgaben eines Zoos – Bildung, Forschung und Artenschutz – hinterfragten.
Bildung oder reine Unterhaltung? Der Teilnehmer Luke, ein CDU-Politiker aus Erfurt, vertrat die emotionale Schiene. Er berichtete von seinem ersten Erlebnis mit einem Elefanten als Kind, das ihn tief geprägt habe. Für ihn ist der Zoo ein Ort der Empathiebildung. Lehmann konterte scharf mit Verweis auf die Wissenschaft: Studien zeigten, dass der Lerneffekt in Zoos marginal sei und oft ein falsches Bild vermittelt werde. Er kritisierte die „30-Sekunden-Regel“, nach der Gehege so gebaut seien, dass der Mensch das Tier immer sehen müsse, was den natürlichen Rückzugsbedarf der Tiere ignoriere.
Artenschutz: Alibi oder Rettungsanker? Marcel, ein Nachhaltigkeitsstudent, und Erasmus, ein Biologiestudent, versuchten die wissenschaftliche Relevanz zu untermauern. Sie verwiesen auf die „One Plan“-Strategie der Weltnaturschutzunion (IUCN), die Zoos als wichtige Ex-situ-Partner (Erhaltung außerhalb des natürlichen Lebensraums) sieht. Lehmann hielt dagegen: Von tausenden Arten in Zoos seien nur ein Bruchteil wirklich bedroht, und noch weniger seien erfolgreich ausgewildert worden. Er bezeichnete die finanzielle Unterstützung von Projekten vor Ort durch Zoos oft als „lächerlichen Furzbetrag“ im Verhältnis zu den Millionenumsätzen durch Besucherattraktionen wie Eisbärenbabys.
Das Duell mit Robert Marc Lehman: Freiheit gegen Sicherheit
Den Höhepunkt erreichte die Diskussion beim Aufeinandertreffen mit Marcel Alaze, dem Kommunikationsleiter des Zoos Dortmund. Hier standen sich zwei Männer mit tiefer Fachkenntnis gegenüber. Alaze provozierte mit der These, dass es einem Tier im Zoo faktisch „besser“ gehen könne als in der unerbittlichen Natur. Er argumentierte mit medizinischer Versorgung, garantierter Nahrung und dem Schutz vor Fressfeinden. Er zitierte Studien, nach denen Zootiere oft explorativer und neugieriger seien, weil sie „Freizeit“ hätten.
Lehmann reagierte fassungslos auf die Definition von Natur als „Gegenteil von Freiheit“. Er argumentierte, dass die Abwesenheit von Selbstbestimmung – die Unfähigkeit, Partner, Nahrung oder den Zeitpunkt des Aufstehens selbst zu wählen – die schwerste Form der Grausamkeit sei. Er verwies auf Stereotypien (Weben bei Elefanten, Hin- und Herlaufen bei Raubkatzen), die als eindeutige Zeichen von psychischem Stress und Verhaltensstörungen in Gefangenschaft gelten.
Reform statt Abschaffung?
Interessanterweise gab es auch Momente der Annäherung. Der Teilnehmer Anton schlug vor, die Debatte nicht über das „Ob“, sondern über das „Wie“ zu führen. Zoos müssten sich radikal wandeln: Weg von der bloßen Zurschaustellung, hin zu echten Forschungs- und Schutzzentren, die ihre Existenzberechtigung allein aus dem messbaren Nutzen für die bedrohte Art ziehen. Kris aus Basel forderte sogar ein Umdenken der staatlichen Subventionen. Anstatt hunderte Millionen Euro in neue Elefantenhäuser zu investieren, sollten diese Gelder direkt in den Schutz der Lebensräume in Afrika und Asien fließen.
Ein Protokoll der Unversöhnlichkeit
Das Video endet mit einem Fazit von Robert Marc Lehman, der den Mut der Teilnehmer lobte, aber in der Sache hart blieb. Er sieht in der Zoo-Industrie ein veraltetes System, das sich hinter dem Deckmantel des Artenschutzes selbst erhält. Die Gegenseite wiederum sieht im Zoo das letzte Bollwerk gegen das Aussterben vieler Arten in einer vom Menschen zerstörten Welt.
Der Fokus dieses Formats liegt weniger auf einer endgültigen Lösung als vielmehr auf der Sichtbarmachung der Argumente. Es verdeutlicht, dass die moderne Gesellschaft den Zoo nicht mehr als selbstverständliches Ausflugsziel akzeptiert, sondern als eine Institution hinterfragt, die sich moralisch rechtfertigen muss. Das Video ist ein flammendes Plädoyer für den Diskurs, lässt den Zuschauer jedoch mit der beklemmenden Frage zurück: Ist unser Vergnügen das Leid der eingesperrten Kreatur wert?






