BYC-News-Serie Teil 2 | Rinaldo Roberto, Leiter der Pressestelle der Polizei Mainz, war für die Dauer von einer Woche im Krisenstab im Ahrtal eingesetzt. BYC-News sprach mit ihm darüber, wie er persönlich die Situation und die Menschen vor Ort erlebte.

Der erste Eindruck an der Einsatzstelle

Nachdem Rinaldo Roberto mittwochs im Krisenstab ankam, schaffte er es erst freitags (23. August 2021) in die betroffenen Ortschaften Bad Neuenahr, Ahrweiler und Walporzheim zu fahren. „Das Zentrum des Krisenstabs liegt etwas außerhalb von Bad Neuenahr. Weil in den ersten beiden Tagen so viel zu tun war, habe ich es leider erst am dritten Tag geschafft, direkt in die betroffenen Gebiete zu fahren. Als erstes waren wir in Bad Neuenahr selbst“, erklärt er.

„Ich bin dann mit einer Kollegin aus dem Krisenstab zusammen in Richtung Ahr gefahren. Dafür mussten wir einige Zeit bergab fahren, also haben wir als erstes die Bereiche gesehen, wo das Regenwasser durchgeflossen ist. Die wirkliche Zerstörung wartete ja erst unten auf uns. Aber schon während der Fahrt wurde die Luft immer staubiger und der Dreck auf den Straßen hat sich immer mehr verdichtet, sodass wir unsere Masken wegen der Staubbelastung in der Luft  anbehielten. Je weiter wir fuhren umso mehr habe ich gemerkt, dass mir das Atmen schwerer fällt und der Puls sich beschleunigt. Es war einfach ein mulmiges Gefühl, das sich in mir breitgemacht hat obwohl ich natürlich durch die Arbeit im Krisenstab schon einiges wusste und gehört hatte“, erklärte er.

Vor Ort angekommen seien die ersten Eindrücke riesige Schutthaufen, Dixitoiletten und Frischwassertanks, die überall standen. Was er vorher zwar wusste, nämlich dass die Menschen keine Strom- und Frischwasserzufuhr hatten und nichts funktionierte, habe er dort dann auch gesehen. Erst vor Ort werde einem wirklich bewusst, was die Menschen mitgemacht haben, berichtet der Polizist. „Zu sehen, dass die Menschen zum Teil alles verloren haben traf selbst mich hart, obwohl ich als Polizist schon einiges gesehen habe. Die Leere in den Augen der Menschen, die pure Zerstörung, die das Wasser angerichtet hat und das Wissen, dass es tausenden Menschen so geht sind erschütternd. Egal in welcher Ortschaft wir waren, es war überall das gleiche Bild.“

Bilder vermitteln nicht das Gefühl

„Natürlich habe ich bevor ich dort ankam schon Bilder und Videos gesehen. Doch nichts davon kam an das heran, wie es vor Ort wirklich aussah. Ich selbst fotografiere sehr gerne und ich denke, dass es mir auch häufig gelingt, Momente einzufangen und Emotionen zu transportieren. Ich habe vor Ort natürlich auch Bilder gemacht und eben das versucht, doch es ist mir bei keinem Bild wirklich gelungen die Wirklichkeit darzustellen.“

Wer nicht selbst vor Ort gewesen sei der wisse nicht, wie es wirklich im Ahrtal ist. Die staubige Luft und die Atmosphäre, der Geruch, der Blick der Betroffenen und Helfer, das alles werde durch Bilder und Videos niemals transportiert werden können. „Das ist natürlich keine Aufforderung, um hin zu fahren und davon rate ich auch ab. Die Bilder und Eindrücke wird man nie wieder los“, betont er.



Alle geben ihr Bestes

Natürlich hat er vor Ort nicht nur einen Eindruck von der Situation vor Ort bekommen, sondern auch von den Menschen. Er sprach mit den Betroffenen und mit den Helfern. Besonders bei den von der Flut betroffenen Bürgern hatte Roberto den Eindruck, dass diese einfach nur funktionierten, arbeiteten und noch nicht groß über die Geschehnisse nachdachten. „Es gab sicherlich auch Menschen, die einfach nur in einer Schockstarre waren oder sind, was ich aber erlebt habe, waren Menschen, die hart arbeiteten und weit über ihre persönlichen Grenzen gingen, um das Chaos zu beseitigen und möglichst schnell wieder eine Lebensgrundlage zu erhalten. Viele davon werden vermutlich erst später an einen Punkt kommen, an dem sie das schreckliche Erlebte verarbeiten können.“

„Als ich vom Krisenstab direkt nach Bad Neuenahr fuhr, trug ich meine Polizeiuniform.  Das hätte ich nicht gemusst aber ich wollte erkennbar sein.  Viele Menschen kamen auf mich oder auch meine Kollegen zu. Sie stellten oft ganz banale Fragen, um ins Gespräch zu kommen. Das hat man schnell gemerkt. Man hat den Menschen auch angemerkt, dass sie einfach erzählen wollten, was ihnen persönlich passiert war. In den meisten Fällen hat es schon ausgereicht, ihnen 10 oder 15 Minuten zuzuhören, dass sie sich am Ende vielleicht ein wenig besser fühlen. Das ist enorm wichtig, es hilft ihnen aber auch uns Einsatzkräften. Und mir ist es besonders wichtig, dass die Menschen wissen, dass sie jederzeit jede Einsatzkraft vor Ort ansprechen können. Wenn wir können, hören wir zu und helfen.“, betont er.

Auch die Einsatzkräfte leisten vor Ort unglaubliche Arbeit und gehen über ihre Grenzen. „Jeder gibt sein Bestes, doch natürlich ist die Situation auch für die Einsatzkräfte belastend. Polizisten, die aus ganz Deutschland ankamen und in einer fremden Umgebung Höchstleistung abliefern mussten. Teilweise standen Beamte 8 bis 12 Stunden in der Hitze und dem Staub und haben den Verkehr geregelt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man so etwas in der ersten Stunde noch relativ entspannt macht. Wenn man dann aber weiß, dass man genau das noch 11 weitere Stunden machen wird, dann muss man an einem Punkt kommen, an dem man mental runterfährt. Der Blick der Polizisten ist nach einer solchen Schicht meist einfach nur leer. Das ist nur ein Beispiel von Vielen.“, berichtet der Polizist

Hilfe für Helfer und Betroffene

Bei einer solchen Katastrophe bleiben neben den körperlichen Schäden auch psychische nicht aus. Sowohl die Betroffenen, als auch die Helfer sehen und erleben vor Ort grauenhafte Dinge, die nur sehr schwer zu verarbeiten sind. Aus diesem Grund sind rund 150 Seelsorger vor Ort, die für Gespräche und Hilfe zur Verfügung stehen. „Die meisten, die vor Ort sind, haben so etwas noch nie gesehen und benötigen früher oder später Hilfe bei der Verarbeitung. Dafür sind die Seelsorger da. Sie sind ansprechbar, sprechen die Menschen aber auch aktiv an. Auf mich kam auch ein Seelsorger zu und fragte mich, ob es mir gut gehe. Er bot mir an, ihn kontaktieren zu können, sollte ich Gesprächsbedarf haben. Im gesamten Krisengebiet wurden Infopoints verteilt, wo die Menschen mit den unterschiedlichsten Anliegen hingehen konnten. Dort waren auch immer einige der Seelsorger zu finden. Diese Infopoints wurden durch uns mit den zur Verfügung stehenden Medien und Lautsprecherdurchsagen beworben“, berichtet Rinaldo Roberto.

Besonders eng begleitet werden die Einsatzkräfte, die für die Identifizierung der Leichen zuständig sind. „Man muss sich vorstellen, dass sich in den Tagen nach der Flut tausende Menschen meldeten, die Personen vermissten. Gleichzeitig wurden sehr viele Leichen gefunden, die natürlich meist vollständig mit Schlamm bedeckt waren. Das bedeutet, dass die Leichen zunächst natürlich gesäubert werden müssen um diese dann  hoffentlich den Vermisstenmeldungen zuordnen zu können. Der Fundort der Leiche gibt beispielsweise Aufschluss über den wahrscheinlichen Wohnort, da die Leiche nur bergab gespült worden sein kann. Dann schaut man natürlich, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, nach dem Alter aber auch nach körperlichen Merkmalen wie dem Zustand der Zähne, Piercings, Tattoos oder Narben. Anhand dieser und noch vieler weiterer Punkte muss man dann die Leiche einer oder mehrerer Vermisstenmeldungen zuzuordnen. Das ist eine wahnsinnig belastende Aufgabe, die mit einem enormen Druck verbunden ist, auch weil wir den Angehörigen möglichst Gewissheit geben wollen.“, erklärt er.

„Ich hätte in der Nacht nichts tun können“

Rinaldo Roberto ist seit 34 Jahren Polizist und hat in seiner Laufbahn schon viele Dinge gesehen und erlebt, die nicht einfach zu verarbeiten waren. Doch auch er erklärt, dass die Erfahrung im Ahrtal für ihn eine ganz Neue war. Er berichtet, was ihm persönlich hilft, tragische Erfahrungen  zu verarbeiten:

„Ich selbst rufe mir immer wieder ins Gedächtnis, ob ich persönlich  etwas hätte tun können, um die Menschen zu retten. Das war im Ahrtal nicht der Fall. Was ich allerdings tun konnte war einen Teil dazu beizutragen, im Anschluss den Menschen zu helfen . Nach  tragischen Erfahrungen denke ich immer nochmal darüber nach, ob ich alles richtiggemacht habe oder ob es etwas gab, das ich hätte anders tun können. Natürlich helfen auch Gespräche und der Austausch mit anderen Kollegen.“

„Letztendlich bin ich zur Polizei gegangen wegen meines Gerechtigkeitssinns, um zu Helfen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Wenn mich jemand fragt, ob ich im Ahrtal nochmal helfen würde, dann würde ich sofort wieder zusagen. Vorausgesetzt natürlich, dass es hier mit meinem Job in Mainz vereinbar wäre. Aber ich finde es einfach sehr wichtig, den Menschen zu helfen.“, sagt er.

Zwei Wünsche für die Zukunft

„Die Schäden sind immens und den Menschen fehlt dort Vieles. Sie hatten ja nur noch was sie auf der Haut trugen. Ich wünsche all diesen Menschen, dass sie in den nächsten Wochen und Monaten wieder eine Bleibe finden, wo sie sich geborgen und sicher fühlen können, wo sie eine Grundlage finden, um wieder einen Lebensmittelpunkt zu erlangen und ein halbwegs alltagsorientiertes Leben führen können. Damit sie da schon mal weniger Sorgen mehr haben, um dann das Alles in Ruhe verarbeiten zu können.“ erklärt er.

Doch er hat noch einen zweiten Wunsch für die Bürger. „Mein zweiter Wunsch ist es, dass die Hilfe nicht abreißt. Nur das Geld ist eine Hilfe aber diese ganze private Hilfe, die die Menschen aus reiner Selbstlosigkeit geleistet haben, darf nicht abreißen. Damit die Menschen in den nächsten Monaten und Jahren merken, dass sie nicht vergessen werden. Dafür machen der Krisenstab und unzählige private Helfer viel und ich wünsche mir, dass die Menschen ganz ganz lange Hoffnung behalten“, sagt Rinaldo Roberto abschließend.

Weitere Teile der BYC-News Serie

BYC-News hat in dem Interview mit Rinaldo Roberto noch über weitere Themen gesprochen, die seinen Einsatz im Ahrtal betreffen.

Teil 2: Rinaldo Roberto: „Die Eindrücke aus dem Ahrtal wird man nie wieder los“

Teil 3: Rinaldo Roberto: „Die Schicksale aus dem Ahrtal bleiben im Gedächtnis“