Versorgung: Energiekrisen, Inflation, Versorgungsengpässe: Entwicklungen wie diese haben in den vergangenen Jahren das Vertrauen vieler Menschen in die globalen Lieferketten erschüttert.
Sowohl in Städten als auch in ländlichen Gebieten der Rhein-Main-Region wächst vor diesem Hintergrund das Interesse an dem Thema Selbstversorgung – vom eigenen Gemüsebeet bis hin zur autarken Energiegewinnung. Was lange als Nischenthema galt, ist für viele mittlerweile Teil einer ernstgemeinten Lebensstrategie.
Zwischen Preisdruck und Selbstbestimmung
Allein 2023 stiegen laut Statistischem Bundesamt die Preise für Nahrungsmittel um durchschnittlich 12,4 Prozent – ein Wert, der besonders Menschen mit geringem Einkommen stark trifft.
Der Versuch, sich zumindest teilweise unabhängig zu machen, hat in der Region viele Gesichter: In Wiesbaden wächst beispielsweise die Zahl privater Hochbeete auf Balkonen und Innenhöfen stetig. In Frankfurt pflegen über 200 Menschen gemeinschaftlich den „Interkulturellen Garten“ in Bornheim zur Versorgung. Und auch in den Landkreisen Groß-Gerau, Mainz-Bingen und Hochtaunus werden wieder häufiger Hühnerställe aufgestellt oder Solarpaneele zur Notstromversorgung installiert.
Autarkie zwischen Idealismus und Alltag
Die Motivation dafür liegt nicht nur in dem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit begründet – auch ökologische Vorteile spielen eine Rolle. Die Selbstversorgung reduziert die Transportwege, den Verpackungsmüll und die Lebensmittelverschwendung.
In Gesprächen mit mehreren Gemeinschaftsprojekten zeigt sich jedoch auch: Generell hat die Rückbesinnung auf alte Techniken Konjunktur. Wer sich mit alternativen Lebensmodellen beschäftigt, landet schnell bei traditionellen handwerklichen Verfahren, etwa zur Konservierung von Lebensmitteln oder zur Selbstherstellung von Werkzeug. Dabei greifen immer mehr Menschen auch auf historische Ausrüstung zurück, die sich etwa auf dem Flohmarkt oder in einem spezialisierten Mittelalter Shop finden lässt.
Gusseiserne Töpfe oder einfache Handmühlen werden jedoch nicht aus purer Romantik angeschafft, sondern vor allem, weil solche Objekte robust, reparierbar und unabhängig vom Stromnetz sind.
Urban Gardening: Mehr als nur ein Trend
Städte wie Mainz und Offenbach fördern den Trend des Urban Gardenings aktiv. Die Stadt Mainz stellt beispielsweise im Rahmen des Programms „Essbare Stadt“ öffentliche Flächen für den Gemüseanbau zur Verfügung. Laut Umweltdezernat wurde das Projekt 2022 auf zusätzliche Flächen erweitert, weil die Nachfrage deutlich gestiegen ist. Auch in Rüsselsheim und Darmstadt entstehen neue Nachbarschaftsgärten – teilweise auch mit Workshops zu den Themen Kompostierung, natürlicher Pflanzenschutz und Wasserspeicherung.
Neben der ökologischen Komponente geht es vielen Teilnehmenden auch um Gemeinschaft und Bildung. Gerade Kinder lernen bei den Projekten, wo ihr Essen herkommt. Viele Gärten werden ehrenamtlich betrieben. Das Saatgut stammt meist aus regionalem Tausch und die Ernte wird unter den Beteiligten aufgeteilt.
Physische und rechtliche Grenzen
Die Selbstversorgung ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer völligen Unabhängigkeit. Wer glaubt, sich komplett selbst versorgen zu können, stößt schnell an physische und rechtliche Grenzen.
In dicht besiedelten Regionen wie dem Rhein-Main-Gebiet sei die Vollautarkie laut Experten weder praktikabel noch gewollt. Aber eine partielle Selbstversorgung – etwa mit Kräutern, Salaten oder Eiern – sei dennoch für viele realistisch und sinnvoll.
Dazu kommt: Der Einstieg ist niederschwellig. Viele starten mit Kräutertöpfen auf der Fensterbank oder einem kleinen Tomatenstrauch auf dem Balkon. Mit wachsendem Wissen und Erfahrung entstehen daraus dann oft größere Projekte.
Der Blick in die Zukunft
Immer mehr Kommunen im Rhein-Main-Gebiet reagieren inzwischen. Einige bieten Beratung oder Unterstützung an, andere fördern Flächen oder Initiativen. Auch im schulischen Bereich werden vermehrt Projekte zur Ernährungssouveränität und Umweltbildung integriert.
Angesichts der aktuellen globalen Krisen wird klar: Selbstversorgung ist keine Rückwärtsgewandtheit. Sie ist eine pragmatische Ergänzung zu den modernen Lebensformen – und das lokal, gemeinschaftlich und zukunftsfähig.
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