Zukunftsfähig durchstarten, das haben viele Unternehmerinnen und Unternehmer pandemiebedingt getan oder tun müssen. Entstanden sind zukunftsweisende Ansätze, was aus Krisen entstehen kann. Das macht Hoffnung, auch wenn wir aktuell in eine neue Krise geraten sind, die uns allen bewusst macht, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Wir können dennoch gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und Gutes voranbringen – hier vor Ort, in Europa und darüber hinaus.

In unserer mehrteiligen Serie „Zukunftspotenziale von Unternehmen in unserer Region“ zeigen die Interviewpartnerinnen und -partner wie sie trotz aller Herausforderungen, mit Tatkraft –immer wieder- zukunftsfähig durchstarten.

In dieser Folge haben wir mit Ilka Waßmann über die Veränderungen in der Veranstaltungsbranche gesprochen.

Ilka Waßmann ist seit dem Jahr 2016 bei der Halle 45 beschäftigt. Dort übernahm sie die Leitung Kommunikation & Marketing, wo schließlich auch die Idee der Unternehmer-Netzwerkmesse KONEKT entstand, bei der sie als Prokuristin ebenfalls den Bereich Öffentlichkeitsarbeit verantwortet.

Was verändert sich aktuell für Unternehmen in unserer Region?

Ich glaube, grundsätzlich mussten Anfang 2020 nahezu alle Betriebe feststellen, dass die digitale Transformation mit riesigen Sprüngen auf uns zukam. Wir sprechen schließlich schon lange in der deutschen Wirtschaft darüber, dass in diesem Bereich Nachholbedarf besteht. Mit Beginn der Pandemie 2020 standen dann alle plötzlich vor genau diesem Problem. Ich denke, dass genau das für viele ein Antrieb war. Man hat sich durch Corona plötzlich damit auseinandersetzen müssen und sich gefragt, was für eine erfolgreiche Digitalisierung im eigenen Unternehmen notwendig ist.

Vorgesetzte und Mitarbeiter mussten sich dafür natürlich überlegen, wie man Prozesse möglichst schnell und effektiv verändern kann. Wen man dafür braucht und wer der richtige Ansprechpartner ist. Ich glaube, hier hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, die passenden Dienstleister und Partner mit der entsprechenden Expertise zu finden. Wenn man es dann noch schafft, regionale Partner an seiner Seite zu haben, können solche, für viele einfach hoch komplexen Prozesse sehr viel einfacher erfolgreich umgesetzt werden. Schließlich ist es immer eine Vertrauensbasis und durch die regionale Verbundenheit entsteht oft auch eine ganz besondere Dynamik.

Aufgrund der Rückmeldungen, die ich zu diesem Thema bekommen habe, glaube ich aber, dass das bei vielen Unternehmen sehr gut funktioniert hat. Natürlich auch deshalb, weil beispielsweise die IHK sehr gute Angebote hat, um Firmen den Zugang zur Digitalisierung zu erleichtern. Und das schon ganz früh als der Lockdown begann.

An welchen Stellen wurden für Sie die Veränderungen besonders deutlich?

Für uns selbst war es mit Beginn der Pandemie im März 2020 so, dass die 5. KONEKT, das Jubiläum unserer Netzwerkmesse, am 2. April ins Haus stand. Plötzlich kam dann der Lockdown. Aufgrund des Veranstaltungsverbotes war es also völlig klar, dass die KONEKT nicht stattfinden konnte, weshalb wir die Veranstaltung erstmal auf unbestimmte Zeit verschieben mussten. Zeitgleich kam es auch bei den anderen Events, die in der Halle 45 geplanten waren, zu zahlreichen Verschiebungen oder auch Absagen.

Da hat sich dann auch für uns zum ersten Mal gezeigt, wie wichtig ein starkes Netzwerk an Geschäftspartnern und Dienstleistern ist. Wir haben eigentlich sofort gemeinsam mit unserem Technikdienstleister, der Firma Soundline aus Mainz, beschlossen, nicht tatenlos bleiben zu wollen. Und wir hatten die besten Voraussetzungen. Wir haben eine tolle Location und Soundline sind die Experten in Sachen Veranstaltungstechnik. Das war die Geburtsstunde unserer Streamingplattform H45.TV – Das Kulturwohnzimmer. Noch vor Mitte April 2020 sind wir gestartet und wollten so einen kleinen Beitrag liefern, um das kulturelle Leben aufrecht zu erhalten. Das Ziel: Ein kostenfreies Kulturprogramm auf die heimischen Bildschirme zu transportieren und den Menschen zuhause ein bisschen Freude und Abwechslung zu bieten.

Insgesamt haben wir 35 Shows produziert, immer live aus der HALLE 45 – zumindest was die Protagonisten angeht. Die Zuschauer konnten bequem auf dem heimischen Balkon einschalten. Es stand fest, dass es ein kostenfreies Angebot sein sollte, unsere Künstler aber natürlich auch in einer schwierigen Situation waren. Also beschlossen wir, es spendenbasiert anzubieten. Und hier hat sich gezeigt, dass das geht. Die eingegangenen Spenden der jeweiligen Show wurden dann zu gleichen Teilen zwischen den Künstlern, Soundline und uns aufgeteilt. Ich glaube, wir waren damals die ersten Anbieter solch einer Plattform, nach und nach kamen weitere Kollegen hinzu.

Diese Kombi aus live und digital hatte natürlich nicht nur Vorteile. Für uns aber ohne jeden Zweifel, weil wir unsere Partnerschaft mit Soundline noch weiter intensiviert haben. Dies führte dazu, dass wir jetzt auch noch eine zusätzliche Location direkt gegenüber der Halle 45 dazu genommen haben, in der sich nun ein festes Streaming-Studio befindet. Das war gerade in der letzten Zeit ein großer Vorteil, so konnten wir unseren Kunden komplette Streaming-Pakete anbieten. Das ging allerdings nur, weil wir mit Soundline auch den passenden Partner an unserer Seite wissen.

Durch H45tv kamen wir außerdem auf die Idee, unsere verschobene Netzwerkmesse KONEKT zumindest in abgeschwächter Form online stattfinden zu lassen. Eine Diskussionsrunde, in der wir unsere Aussteller gefragt haben, wie sie die KONEKT und deren Weiterentwicklung zukünftig sehen. Zum Hintergrund, wir haben langfristig immer geplant, die Live-Veranstaltung digital zu verlängern. Eine Art Unternehmerplattform, auf der jede Firma ihr eigenes Profil besitzt und dies pflegen kann. Nennen wir es regionales Google, denn natürlich sollen die Unternehmen mit Ihren Dienstleistungen auch gefunden werden. Und auch hier ging es schneller als geplant, wir haben die passenden IT-Agentur gefunden und mittlerweile stehen 50% des Vorhabens. Vor allem ist dies aber der Vorbau für die Unternehmensplattform. Ohne Corona wären wir jetzt noch nicht in diesem Stadium. Ich freu mich, wenn es so weit ist und dann der KONEKT-Live-Spirit auch digital erlebbar wird und überregionales Netzwerken ermöglicht.

Wie schätzen Sie die Situation der Künstler aktuell ein?

Die Künstler haben es während der Pandemie sehr schwer gehabt. Natürlich nehmen vor allem größere Musiker, die nochmal ganz andere Möglichkeiten haben, auch weiterhin Alben auf. Das machen sie normalerweise auch aus dem Grund, weil man dann anschließend auf Tour geht und nach Möglichkeit Geld verdient. In Zeiten von Spotify und Napster ist das nur allzu verständlich.

Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es für kleinere Bands oder Unterhaltungskünstler sein muss. Wenn man ohnehin schon zu kämpfen hatte, um Auftritte zu bekommen, wurde das während Corona noch viel schwieriger. Das macht viel mit den Menschen und muss einen immensen Druck aufbauen, ob es jetzt die Künstler, die Einzelunternehmer als Freelancer, die Agenturen oder die Rowdys auf Konzerten sind. Das ist Wahnsinn, wie viele Schicksale da dranhängen. Ich bin gespannt, wo wir in vier Jahren stehen, wie viele Künstler noch da sind, wie viele Menschen noch in dieser Branche tätig sind oder wie viele sich umorientiert haben, weil sie in der Pandemie dazu gezwungen wurden.

Welche Entwicklungen sehen Sie kurz- und langfristig?

Wir, als Team der HALLE 45 glauben nicht, dass die Veranstaltungsbranche nach Corona die gleiche sein wird, wie davor. Das ist aber in gewisser Weise auch gut so. Denn besonders in der Veranstaltungsbranche ist Nachhaltigkeit und Umweltschutz ein großes Thema. Das fängt schon beim Catering und dem Einweggeschirr an und setzt sich mit teilweise sehr langen Anreisewegen fort. Ich glaube in dieser Branche wird künftig vor allem bei großen Konferenzen, bei denen viel internationales Publikum zusammengezogen wird, öfter die Frage gestellt, ob das wirklich sein muss. Dank der, plötzlich dann doch sehr schnellen, technischen Entwicklung im Bereich Streaming, werden internationale Teilnehmer sicher vermehrt digital dazugeschaltet. Ich denke, das wird ein riesen Trend und das ist gut und vernünftig.

Für uns als Veranstalter ist es aber genauso toll zu sehen, dass der Wunsch nach Live-Events weiterhin ungebrochen ist. Denn bei Events geht es vor allem auch um das persönliche Zusammentreffen von Menschen und genau das kann man einfach nicht digitalisieren. Es ist daher auch ein persönlicher Wunsch von mir, dass sich das so schnell nicht ändert. Ich mag echte Begegnungen lieber, echte Mimik und Reaktionsfähigkeit

Welche Prozesse werden Sie auch künftig beibehalten?

Auch wir haben während der Pandemie zahlreiche Prozesse vereinfacht und nachhaltiger gestaltet. Wenn beispielsweise eine Hamburger Agentur bei uns ein Event plant, dann müssen die Verantwortlichen vorab nicht zwingend nach Mainz reisen, um die Räumlichkeiten zu besichtigen. Dafür haben wir auf unserer Webseite einen digitalen 360 Grad-Rundgang installiert, so kann man die Halle 45 besichtigen ohne sich aus dem Büro zu bewegen. Das Schöne ist, dass es echte Aufnahmen sind, die echten Räumen, die ich durchlaufen kann und nicht einfach nur ein computeranimiertes Modell. Hier sieht man alle Macken, alle nicht so schönen Ecken, was unsere Locations aber auch ausmacht. Nicht zuletzt war seit unserem Start 2016 unser Mottospruch „The worst crime is faking it“, den uns Kurt Cobain vermacht hat.

Insgesamt versuchen wir so gut es geht nachhaltig zu arbeiten. Das Video-Calls mittlerweile voll akzeptiert sind, ist eine tolle Entwicklung, denn auch das geht schneller, einfacher und schont die Umwelt. Umso schöner, wenn man dann auch noch in der Umsetzung der Events auf Regionalität setzt. Bei einer Großveranstaltung kommen derart viele Gewerke zusammen und mit unseren Preferred Partnern im Bereich Catering und Technik versuchen wir genau das zu unterstreichen. Messerich Catering und Soundline sind sozusagen direkte Nachbarn, näher dran ist fast nicht möglich.

Und ich bin sicher, dass es noch viel besser gemacht werden kann. Es gibt immer Dinge zu optimieren, aber dieser Prozess macht total Spaß und ich weiß, dass es meinen Kollegen da nicht anders geht und so freue ich mich sehr auf unseren weiteren Weg bei der Halle 45.


Kommentar von Anke Schiffer-Chollet

Anke Schiffer-Chollet, Coach bei Restart

„Ilka Waßmann sieht die „Pandemie als Beschleuniger“ für manche Trends wie Digitalisierung, (und daran gekoppelt) Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Durch die Corona Pandemie und das damit verordnete Veranstaltungsverbot entstand gemeinsam mit der Mainzer Veranstaltungstechnikfirma Soundline die Idee, Künstlern über eine Streaming-Plattform eine Bühne zu geben und somit ein Kulturangebot aufrecht zu erhalten.

Trotz vielseitiger und sinnvoller neuer Möglichkeiten steht eins für Ilka Waßmann im Mittelpunkt: Eine gute regionale Zusammenarbeit und ein vertrauensvolles Netzwerk an Partnern.“

 


Über Restart

Sie sind selbständig oder haben ein kleines Unternehmen und stecken gerade auch mitten in Veränderungen oder Schwierigkeiten? Gerne sortieren wir mit Ihnen gemeinsam Ihre Fragen, Ideen und Themen und erarbeiten Wege, damit Sie (wieder) zukunftsfähig durchstarten können. Möchten Sie mitmachen? Sie erreichen das Team unter www.restart.vision, per Mail an restart@mki-ev.de oder telefonisch unter 06131 217 11 92.

Die Teilnahme an „Restart – zukunftsfähig durchstarten“ ist für Selbständige, Freiberufler/-innen und Kleinstunternehmen in Rheinland-Pfalz kostenfrei. Dies wird ermöglicht durch die Förderung im Rahmen der Arbeitsmarkt­initiative #rechargeRLP. Sie wird durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz aus Mitteln des EU-Hilfsprogramms REACT-EU über den Europäischen Sozialfonds (ESF) umgesetzt.