Zukunftsfähig durchstarten, das haben viele Unternehmerinnen und Unternehmer pandemiebedingt getan oder tun müssen. Entstanden sind zukunftsweisende Ansätze, was aus Krisen entstehen kann. Das macht Hoffnung, auch wenn wir aktuell in eine neue Krise geraten sind, die uns allen bewusst macht, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Wir können dennoch gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und Gutes voranbringen – hier vor Ort, in Europa und darüber hinaus.

In unserer mehrteiligen Serie „Zukunftspotenziale von Unternehmen in unserer Region“ zeigen die Interviewpartnerinnen und -partner wie sie trotz aller Herausforderungen, mit Tatkraft –immer wieder- zukunftsfähig durchstarten.

In dieser Folge sprachen wir mit Peter Hähner, dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Rheinhessen, über neue Formen der Zusammenarbeit und Zukunftstrends

Bereits seit fast 225 Jahren, seit 28. Januar 1798, existiert die IHK für Rheinhessen. Als Selbstorganisation mit mehr als 40.000 Mitgliedsunternehmen agiert sie als kritischer Partner der Politik, als unabhängiger Anwalt des Marktes und als kundenorientierter Dienstleister der Wirtschaft. Die IHK Rheinhessen unterstützt die Mitgliedsbetriebe bei ihren Anliegen, fördert ihre Kompetenzen und sichert ihre Qualifikation durch gezielte Fort- und Weiterbildung.

Was hat sich aus Ihrer Erfahrung durch die Pandemie bei den Unternehmen in der Region verändert? 

Wir haben durch die Pandemie zwei extrem auseinandergehende Entwicklungen: Auf der einen Seite sind unsere Unternehmen in Rheinhessen in den vergangenen zwei Jahren sehr verhalten und vorsichtig unterwegs gewesen. Viele sind massiv getroffen von Corona, von Lieferengpässen und dem Fachkräftemangel. Entsprechend vorsichtig sind viele auch in das aktuelle Geschäftsjahr gestartet.

Auf der anderen Seite haben wir auch viele Unternehmen, die eigentlich gar nicht von Corona betroffen sind. Diese Unternehmen haben zu Beginn der Pandemie Anfang 2020 ihren Standort bestimmt und dann überlegt, was Corona für ihren Betrieb bedeutet. Sie sind dann auch sehr schnell von der Reaktion in die Aktion gewechselt, haben schnell angefangen zu testen, für die Teams Masken besorgt, sich sortiert und dann auch weitergemacht.

Wir haben also auf der einen Seite die, die massiv getroffen und betroffen sind und auch heute noch an dem Thema arbeiten. Das sind, je nach Branche, auch viele kleinere Unternehmen. Aber wir haben auch den guten und stabilen deutschen Mittelstand, der gut aufgestellt und finanziert ist, und der ein erfahrenes Management hat. Corona ist hier quasi ein Brennglas und ein Katalysator. Für diejenigen, die vor Corona ohnehin Probleme hatten, wurde es noch schwerer. Aber es gab auch Unternehmen und auch Menschen, die solche Themen generell dynamisch angehen können, die wurden dadurch nochmal positiv angetrieben und vorangebracht.

Was wird sich Ihrer Einschätzung nach in der kommenden Zeit kurzfristig verändern? 

Wir schauen alle nach Berlin, was dort entschieden wird, um dann erst darauf zu reagieren. Stattdessen ist mein Wunsch: Lasst uns nicht nur reagieren, sondern jetzt zusammen handeln. Vor allem die Branchen, die sehr stark von der Pandemie betroffen sind, haben mit viel Kreativität agiert und sollten so nach vorne gehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Solo-Unternehmer, die Gastronomie, die Veranstaltungsbranche und viele andere maßgeblich dazu beitragen können, zum Beispiel die Veränderungsprozesse in den Innenstädten mit voranzutreiben und zu begleiten. Wenn Unternehmer gemeinsam mit der Politik und der IHK zusammenarbeiten, können wir da viel bewegen. Deshalb möchte ich auch allen Mut machen, die Situation anzugehen und gemeinsam schon jetzt etwas zu verändern. Denn wir können nicht darauf warten, wo wir im kommenden Herbst stehen und ob es dann vielleicht wieder eine neue Variante gibt.

Vor allem die Veränderungsprozesse in den Innenstädten sehe ich als ein großes Thema an. Auch hier können wir nicht warten, bis die Restaurants mal wieder ohne Auflagen auf machen können oder wie das mit den Kinos dann irgendwann wieder läuft. Wir müssen jetzt schon schauen, dass wir wieder Menschen in die Innenstädte bekommen und diese weiter entwickeln.

Wie spüren Sie als IHK für Rheinhessen die Veränderung in den Unternehmen?

Alles, was wir vor der Pandemie in Präsenz gemacht haben, fand in der Pandemie auch mit einem sehr starken Zulauf digital statt. Jetzt wollen wir unsere Veranstaltungen, wie die Beratungen zu Gründerthemen oder das Exportforum, natürlich mit der Zeit wieder live stattfinden lassen, damit wir auch persönlich mit den Menschen sprechen können.

Wir wollen aber auch ein weiteres Thema aufsetzen, nämlich das „agile Führen”. Ich bin mir sicher, dass das für sehr viele Unternehmer ein wichtiges Thema sein wird, wenn dann alle wieder in die Büros und die Produktion zurückkommen. Denn ich glaube, dass der Führungsstil dann ein ganz anderer sein wird und man die Kolleginnen und Kollegen viel mehr in Themen mit einbinden wird. Da wird sich vieles sehr stark verändern, sowohl im Arbeitsablauf, als auch im Miteinander. Das wird, bezogen auf die innerbetriebliche Thematik, einer der spannendsten Prozesse sein. Für mich wäre das ein Drama, wenn wir nach der Pandemie wieder in alte Muster zurückfallen würden.

Die Pandemie ist auch eine Riesenchance für uns, die Entwicklungsprozesse verantwortlich weiterzutragen. Dieser Prozess sollte auch nicht „top down” passieren, es sollten also nicht alle Entscheidungen nur vom Management getroffen werden. Stattdessen muss das von der gesamten Mannschaft gemeinsam mit der Geschäftsleitung entwickelt werden.

Was kann man tun, damit sich dieses Mindset in Unternehmen entwickelt? 

Eines muss klar sein: Mit einem Fingerschnipsen kann man nicht agil führen. Da ist ein großes Umdenken gefragt. Deshalb sind wir als IHK gerade dabei uns zu überlegen, wie wir besonders für die kleineren Unternehmen ein Angebot in diese Richtung entwickeln können. Denn das Thema digitales Führen und Veränderung im Mindset ist entgegen der geläufigen Meinung nicht nur in großen Unternehmen wichtig, sondern eben auch in den kleinen. Dieses Umdenken muss man lernen und dafür braucht es die Mitarbeit des gesamten Unternehmens und aller Beschäftigten.

Ein Beispiel hierfür ist, dass viele aktuell im Homeoffice ganz selbstverständlich mit Vertrauensarbeitszeit arbeiten. Da sticht niemand morgens mit der Karte ein und zu Feierabend wieder aus. Wenn die Arbeitskräfte aber zurück in die Firma kommen, dann müssen sie genau das wieder machen und ihre Arbeitszeit nachweisen. Da muss sich dringend etwas verändern und auch da arbeiten wir noch an vernünftigen Lösungsmöglichkeiten.

Was könnten Sie sich als Ideallösung vorstellen? 

Ideallösungen entstehen nur im Dialog, etwa an einem runden Tisch, an dem sowohl Leute aus dem Top-Management von großen Unternehmen sitzen, als auch kleinere und jüngere Unternehmen. Den Austausch über Themen wie die Veränderung der Zusammenarbeit während Corona, halte ich für enorm wichtig. So kommen die Unternehmen immer näher zusammen und jeder kann etwas von dem anderen lernen.

Aus einem solchen runden Tisch kann man dann beispielsweise auch Seminarreihen entwickeln für rheinhessische Unternehmen. Das kostet nicht viel Geld, sondern nur die Bereitschaft, Zeit in ein solches Projekt zu investieren. Da wäre die IHK auch jederzeit bereit, so etwas zu begleiten.

Was bedeutet der Erfolg von BioNTech für die Region? 

Das Thema BioNTech ging ja in der vergangenen Zeit sehr stark durch die Presse. Ich sehe darin eine riesige Chance für Mainz, Rheinhessen und ganz Rheinland-Pfalz. Denn Mainz hat jetzt die Möglichkeit, zum Biotech-Hub und zum Wissenschaftsstandort zu werden. Wenn man das schafft, unter Einbeziehung von BioNTech, Wissenschaft und Wirtschaft, dann ist das eine große Chance.

Es ist auch eine Chance für junge Unternehmer, die bereit sind, diesen Prozess mit zu entwickeln und zu gestalten. Da rede ich nicht nur von der Medizinbranche, sondern auch von der Gastronomie, von Hotels, Kindertagesstätten und vielen weiteren, denn da kommen ja Menschen mit Familien, die in dem Umfeld leben wollen. Da sind wir als IHK auch in Gesprächen mit dem Land und der Stadt, um die Sicht der Wirtschaft entsprechend einzubringen.

Ich möchte auch nochmal betonen, dass der Erfolg von BioNTech hier am Standort entgegen mancher Behauptungen nicht einfach nur Glück war. Nein, BioNTech wurde in der Uni gegründet und entwickelt. Das war intensivste wissenschaftliche Forschung. Und genau da haben wir jetzt eine große Chance, etwas für die gesamte Region zu entwickeln.

Welche Auswirkungen hat die aktuelle Lage in der Ukraine auf die Unternehmen in Rheinhessen?

In unserer Region gibt es jahrzehntelang gewachsene, enge Wirtschaftsbeziehungen, sowohl zur Ukraine als auch nach Russland. Deshalb hat der Konflikt auch deutliche Folgen für Unternehmen in Rheinhessen, das hat eine Blitzumfrage unter unseren Mitgliedsbetrieben vom 8. März deutlich gezeigt. Teils sind Lieferungen nach Russland oder in die Ukraine unmöglich geworden, teils wurde die gesamte Geschäftsbeziehung eingestellt. Auch die Zulieferung von Spezialmaterialien aus diesen Ländern ist kaum realisierbar. Für viele sind die längerfristigen Folgen noch gar nicht abschätzbar.

Das Stimmungsbild zeigt aber auch: Trotz eigener wirtschaftlicher Betroffenheit hält die Mehrheit der Unternehmen die Sanktionen gegen Russland und Belarus für angemessen. Die Hilfsbereitschaft ist groß: So gibt mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen an, die Menschen in der Ukraine mit Spenden, Hilfsgütern oder auf andere Weise zu unterstützen. In der IHK stehen wir unseren Betrieben bei allen Fragen zur Seite. Sicher ist: Die Krise und ihre vielfältigen Auswirkungen werden uns noch eine sehr lange Zeit beschäftigen.


Kommentar von Anke Schiffer-Chollet

Anke Schiffer-Chollet, Coach bei Restart

„IHK-Präsident Peter Hähner zeigt ein zukunftsfähiges Bild, durch eine neue Art der Zusammenarbeit, bewusst auch mit kleineren Unternehmen. Er plädiert dafür, jetzt aktiv zu werden, Chancen zu ergreifen und Veränderungsprozesse selbst in die Hand zu nehmen. Sein Wunsch „Lasst uns jetzt zusammen handeln!“ könnte zu einem Motto unser Region werden.

Wir freuen uns sehr auf die folgenden Interviews dieser neuen Serie und die Unternehmen und Experten/-innen, die uns Wege in die Zukunft an ihren konkreten Beispielen zeigen.“

 

 

 


Über Restart

Sie sind selbständig oder haben ein kleines Unternehmen und stecken gerade auch mitten in Veränderungen oder Schwierigkeiten? Gerne sortieren wir mit Ihnen gemeinsam Ihre Fragen, Ideen und Themen und erarbeiten Wege, damit Sie (wieder) zukunftsfähig durchstarten können. Möchten Sie mitmachen? Sie erreichen das Team unter www.restart.vision, per Mail an restart@mki-ev.de oder telefonisch unter 06131 217 11 92.

Die Teilnahme an „Restart – zukunftsfähig durchstarten“ ist für Selbständige, Freiberufler/-innen und Kleinstunternehmen in Rheinland-Pfalz kostenfrei. Dies wird ermöglicht durch die Förderung im Rahmen der Arbeitsmarkt­initiative #rechargeRLP. Sie wird durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz aus Mitteln des EU-Hilfsprogramms REACT-EU über den Europäischen Sozialfonds (ESF) umgesetzt.