Zukunftsfähig durchstarten, das haben viele Unternehmerinnen und Unternehmer pandemiebedingt getan oder tun müssen. Entstanden sind zukunftsweisende Ansätze, was aus Krisen entstehen kann. Das macht Hoffnung, auch wenn wir aktuell in eine neue Krise geraten sind, die uns allen bewusst macht, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Wir können dennoch gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und Gutes voranbringen – hier vor Ort, in Europa und darüber hinaus.

In unserer mehrteiligen Serie „Zukunftspotenziale von Unternehmen in unserer Region“ zeigen die Interviewpartnerinnen und -partner wie sie trotz aller Herausforderungen, mit Tatkraft –immer wieder- zukunftsfähig durchstarten.

In dieser Folge sprachen wir mit Christian Wunsch, dem Gründer von The Pier, über neue Formen der Zusammenarbeit und Zukunftstrends

Mitten in einer Pandemie ein neues Unternehmen zu gründen, welches mit enormen Investitionen verbunden ist, ist für die meisten Menschen undenkbar. Nicht jedoch für Christian Wunsch. Zum 01. Februar 2021 startete er mit seinem Projekt „The Pier“ auf der Großen Bleiche in Mainz. Auf 3.000qm vermietet er 60 Büros in unterschiedlichen Größen, aber auch virtuelle Büros und Meetingräume.

Planung und Umbau begannen 2019, da war an Corona noch nicht zu denken. Doch dann der Start mitten im härtesten Lockdown der Pandemie. Da half nur positives Denken und die Veränderungen als Chance zu sehen.

Was hat sich aus Ihrer Erfahrung bei den Unternehmen in der Region in den letzten zwei Jahren verändert?

Das ganze Thema Büro ist seit dem ersten Lockdown auf dem Prüfstand. Wird das große Headquarter in der aktuellen Weise und Größe überhaupt noch benötigt? Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Muss ich täglich zwei Stunden aufwenden, um zu meinem Arbeitsplatz und zurückzupendeln?

Ich hatte hier große Mainzer Unternehmen am Tisch sitzen, die gesagt haben, dass sie kein Büro mehr wollen, was es denn bei uns für Möglichkeiten gibt. Die größte Company, mit 94 Mitarbeitern, hatte 2.000qm Bürofläche, der Mietvertrag lief aus, und den wollten sie nicht mehr verlängern. Die Mitarbeiter sind viel auf Projekten, im Home-Office, krank oder im Urlaub, sodass der Bedarf neu bewertet wurde, auch unter dem Aspekt, keine Mietvertragslaufzeit von 5 Jahren mehr akzeptieren zu wollen.

Man hat gemerkt, dass sich alle auf einmal mit diesem Thema beschäftigen. Home-Office galt vor der Pandemie noch als böses Wort, da man einen Kontrollverlust befürchtete. Aber die Leute sind 6-8% produktiver geworden. Und die Unternehmen haben sich von der „Das muss ich Besitzen Mentalität“ gelöst. Die sagen, ich brauche jetzt erstmal für ein Jahr Büroflächen, da das Projekt ein Jahr dauert und danach schaue ich weiter. Die wollen keine langfristigen Mietverträge abschließen und sind happy, dass sie sich hier um nichts kümmern müssen. Büroausstattung, High-Speed Internet, Nebenkosten, tägliche Reinigung, Community, gute Laune, Service und natürlich guter Kaffee, hier ist alles vorhanden, dass sich unsere Mieter wohlfühlen und gerne arbeiten.

Was hat sich für Sie konkret verändert?

Ich bin ganz froh, dass ich meinen Business Plan so geschrieben habe, dass wir wirtschaftlich recht unabhängig vom Bereich Co-Working und auch Meetingraum-Geschäft sind. Natürlich merke ich, dass wir keinen Umsatz durch die Buchung von Meetingräumen haben, aber diese Einbußen lassen sich verschmerzen und werden zum Teil von den Gästen aufgefangen, die in dieser Zeit gemerkt haben dass sie im Home-Office nicht arbeiten konnten, da es häufig von der räumlichen und familiären Situation nicht machbar war. Die haben nun Ihr neues Büro am Pier gefunden.

Welche Veränderungen sehen Sie kurz- oder auch langfristig?

Im Bereich Meetings gibt es zurzeit einen extremen Stau. Die Leute sind so satt, was das Thema Video-Call angeht und wollen sich auch wieder mehr persönlich sehen. In dem Moment, wo man sich gemeinsam an einen Tisch setzen muss, um gemeinsam Sachen zu besprechen oder kreativ zu arbeiten, ist digital nicht immer das Beste. Da wird dieses Jahr viel mehr passieren, da das im letzten Jahr noch sehr verhalten war.

Im Bereich Büro habe ich immer Veränderung. Die Einen gehen raus, die Anderen erweitern. Das ist das Spannende, da sich dadurch auch die Community verändert, ergänzt und erweitert. Das andere Thema, was wir letztes Jahr noch gar nicht spielen konnten, ist der Event-Bereich. Wir haben im letzten November noch die Eröffnungsveranstaltung für die Gründungswoche mit knapp 80 Teilnehmern machen können, was ich hier sehr viel mehr sehen möchte. In ganz unterschiedlichen Formationen und für unterschiedliche Branchen. Ich möchte für die Mieter hier im Haus mehr Informationsaustausch anbieten, um noch mehr Miteinander zu schaffen.

Das Miteinander ist ein ganz großes Thema, was sich im Geschäftsbereich verändert hat und was sich auch weiter entwickeln wird. Jedes Unternehmen kann vom anderen profitieren und da findet gerade eine Veränderung statt. Die Mentalität in Mainz ist auch was ganz Besonderes, das erlebt man woanders eher selten. Das Miteinander ist hier einfach großartig. Auch die Bereitschaft etwas Neues dem Anderen mit Enthusiasmus einfach weiterzuempfehlen, habe ich in anderen Städten so noch nicht erlebt.

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich Co-Working durchsetzen wird. Auch auf dem Land. Die Notwendigkeit, Räumlichkeiten zum Arbeiten zu schaffen wird immer größer, da die Leute nicht mehr auf die Arbeit fahren wollen. Da wird der Ein oder Andere, der auf einmal freie Büroflächen hat, sich kurz- oder langfristig mit Anderen zusammentun und so die Flächen sinnvoll nutzen. Auch im Handwerks-Bereich beginnt es, dass Werkstätten von mehreren Betrieben genutzt werden. KFZ-Mechaniker teilen sich Hebebühnen mit Anderen, Schreiner teilen sich Werkbänke und andere Maschinen, die nicht ständig benutzt werden.

Dieser Trend wird sich klar verstärken. Man wird immer irgendwo Standorte haben, an denen das Headquarter sitzt, aber das Thema mit den geschlossenen Abteilungen wird es langfristig immer weniger geben. Es wird mehr Richtung Open-House gehen und Begegnungsstätten geschaffen.

Was können Sie anderen Unternehmern für die Zukunft empfehlen?

Qualität und guter Service zahlt sich aus und wird auch bezahlt, wenn man seine Dienstleistung mit Qualität und Passion erbringt und sich selbst treu bleibt. Baut Euch ein Team auf und traut diesem alles zu, was ihr Euch selbst zutraut, denn gemeinsam klappt es immer besser.


Kommentar von Anke Schiffer-Chollet

Anke Schiffer-Chollet, Coach bei Restart

„Im Interview stellt Christian Wunsch heraus, dass sich das Mit-Einander-Arbeiten im Wandel befindet. Die neu etablierten Remote-Arbeitsweisen und eine nachlassende Besitz-Mentalität öffnen die Möglichkeiten, neue Formen der Zusammenarbeit auch räumlich auszuprobieren.

The Pier und das Team um Christian Wunsch haben auf den richtigen Trend gesetzt. Ihr Erfolg in dieser unbequemen Zeit hat aber auch mit Ihrem „Geheimrezept“ zu tun: Qualität bieten in dem, was man gut kann. Chapeau, vor so viel Mut und Weitsicht!“

 

 

 


Über Restart

Sie sind selbständig oder haben ein kleines Unternehmen und stecken gerade auch mitten in Veränderungen oder Schwierigkeiten? Gerne sortieren wir mit Ihnen gemeinsam Ihre Fragen, Ideen und Themen und erarbeiten Wege, damit Sie (wieder) zukunftsfähig durchstarten können. Möchten Sie mitmachen? Sie erreichen das Team unter www.restart.vision, per Mail an restart@mki-ev.de oder telefonisch unter 06131 217 11 92.

Die Teilnahme an „Restart – zukunftsfähig durchstarten“ ist für Selbständige, Freiberufler/-innen und Kleinstunternehmen in Rheinland-Pfalz kostenfrei. Dies wird ermöglicht durch die Förderung im Rahmen der Arbeitsmarkt­initiative #rechargeRLP. Sie wird durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz aus Mitteln des EU-Hilfsprogramms REACT-EU über den Europäischen Sozialfonds (ESF) umgesetzt.