Zukunftsfähig durchstarten, das haben viele Unternehmerinnen und Unternehmer pandemiebedingt getan oder tun müssen. Entstanden sind zukunftsweisende Ansätze, was aus Krisen entstehen kann. Das macht Hoffnung, auch wenn wir aktuell in eine neue Krise geraten sind, die uns allen bewusst macht, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Wir können dennoch gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und Gutes voranbringen – hier vor Ort, in Europa und darüber hinaus.

In unserer mehrteiligen Serie „Zukunftspotenziale von Unternehmen in unserer Region“ zeigen die Interviewpartnerinnen und -partner wie sie trotz aller Herausforderungen, mit Tatkraft –immer wieder- zukunftsfähig durchstarten.

In dieser Folge haben wir mit Bianca Wagner über die Veränderungen in der Künstler-Branche und ihren Blick darauf gesprochen.

Bianca Wagner ist freischaffende, bildende Künstlerin, Illustratorin, Grafikerin und Designerin aus Mainz. Im März 2021 brachte sie ihr erstes Modelabel „Bianca Wagner Fashion“ auf den Markt.

Was hat sich mit der Pandemie bei Ihnen verändert? 

Vor Corona hatte ich eine Ausstellung geplant, da waren die Flyer schon bestellt und die Plakate gedruckt. Das war sehr viel Arbeit, weil die Ausstellung mit einem rumänischen Künstler zusammen geplant war und er dann auch eigentlich nach Deutschland gekommen wäre. Zu dieser Zeit hatte ich außerdem an einer Schule gearbeitet und dort die Kunst-Betreuung nachmittags geleitet. Freiberuflich arbeitete ich auch als Grafikerin im Kulturbereich und habe beispielsweise Plakate designend, aber auch hin und wieder das Veranstaltungsmanagement übernommen.

Als dann Corona kam, fiel der Unterricht an der Schule aus und da ich als Honorarkraft beschäftigt war, bin ich da komplett durch das Raster gefallen und bekam kein Honorar mehr. Auch die Ausstellung ist der Pandemie zum Opfer gefallen ebenso wie ein Großteil meiner Arbeit als Grafikerin.

Ich bin dementsprechend erstmal in ein Loch gefallen, weil wirklich fast alles weg gebrochen ist. Ich habe mich dann aber wieder gefangen und etwas gemacht, das ich schon lange machen wollte, nämlich einen Online-Shop für meine Produkte ins Leben zu rufen. Für den Shop habe ich dann Mainzer Postkarten gemalt und diese als erstes Produkt über den Shop verkauft. Von Freunden und in den sozialen Medien wurde ich im weiteren Verlauf immer wieder gefragt, ob ich nicht auch Kleidungsstücke entwerfen könnte. So hat sich für mich ein neues Feld eröffnet , da ich dadurch eine eigene Fashion-Linie mit T-Shirts, Leggins und Jacken ins Leben gerufen habe. Auch meine Gemälde sind im Online-Store erhältlich. Natürlich haben die Kunden auch die Möglichkeit, einen Termin zu buchen und sich die Sachen bei mir live anzuschauen.

Der Online-Shop startete gut, wobei ich viel Unterstützung durch Bekannte hatte, aber auch durch Mundpropaganda und Eigenwerbung einige Neukunden, sogar aus Berlin, gewinnen konnte. Mittlerweile ist es allerdings schon wieder abgeebbt, weil jetzt auch wieder alle Geschäfte geöffnet haben und die Leute wieder vermehrt in der Stadt einkaufen gehen. Nach rund einem Jahr hat sich eine Mischung entwickelt. Ein kleiner Kundenstamm kommt regelmäßig zum Stöbern auf die Seite, der andere Teil kommt nach gezielter Werbung auf den Sozialen Medien dorthin. Es ist wichtig präsent zu sein und immer wieder für die eigenen Produkte zu werben. Ich bin sehr froh und dankbar, dass mein Mann, Andreas Toschka, mich tatkräftig unterstützt, wenn er Zeit findet neben seinem Beruf. Gemeinsam entwickeln wir Ideen für Werbemaßnahmen, oder neue Produkten teilen uns die Arbeit für die Posts.

Hatten Sie in der Zeit konkrete Unterstützung? 

Ich war ja nicht alleine mit der Situation, denn es ging meinen Kollegen genauso. Konkret waren wir drei Kunst-Kollegen, mit denen ich privat schon vorher befreundet war. Gegenseitig haben wir uns in der Zeit sehr viele Anregungen gegeben und uns ausgetauscht. Daraus ist dann auch die Idee mit den Mainzer Postkarten entstanden. Anfangs habe ich einen Teil des Erlöses durch die Postkarten für den guten Zweck an den Förderverein für Tumor- und Leukämiekranke Kinder Mainz e.V. gespendet. Dem Verein ging es natürlich durch die Pandemie ebenfalls schlechter und da wollte ich einfach durch die Postkarten Aktion darauf aufmerksam machen.

Wie war die allgemeine Stimmung in der Künstler-Szene? 

Ich habe mit ganz vielen Kollegen gesprochen, darunter auch Schauspieler und Musiker. Wir waren wirklich alle sehr sauer, weil wir komplett durch das Raster gefallen sind und bei uns die ganzen Soforthilfen eigentlich nicht gegriffen haben. Viele haben kein Büro oder Atelier, sodass wir die Kosten gar nicht hätten angeben können, um die Hilfen zu bekommen.

Dann kamen nach einiger Zeit die Stipendien vom Kulturministerium. Das klang zwar erstmal gut aber die Beträge waren nicht sonderlich hoch. Ich selbst hatte damals alle drei Stipendien beantragt und auch alle erhalten. Nachdem die Stipendien ausbezahlt waren, hat es aber wieder niemanden interessiert, was mit den Künstlern passiert. Da hat einfach die Wertschätzung gefehlt. Ich glaube nach dem großen Aufschrei, den wir damals verursacht haben, ist es aber bei vielen Menschen angekommen, was Künstler leisten und dass das auch Wertschätzung verdient hat. Wenigstens bleibt dies zu hoffen.

Wie hat sich die Künstler-Szene verändert? 

Viele sind auf Online-Shops umgestiegen. Es gibt natürlich trotzdem Einige, die das nicht wollten oder konnten. Gerade bei Musikern habe ich das verstärkt mitbekommen, dass sie sich deshalb umorientiert haben. Ein befreundeter Musiker ist beispielsweise nun Geschäftsführer in einem Eiscafe und hat das bis jetzt gemacht. Nun möchte er sich aber auch langsam wieder in Richtung Musik orientieren.

Durch Corona hatten viele von uns das Gefühl, zum ersten Mal die Möglichkeit zu haben, gehört zu werden. Vorher wurde oft am runden Tisch über die Künstler gesprochen aber nicht mit den Künstlern. Das hat sich während Corona geändert und wir wurden auch mal eingeladen, um unsere Sicht zu präsentieren.

Welche Veränderungen sehen Sie kurz- und langfristig für die Branche? 

Ich denke schon, dass der Online-Auftritt jetzt bei fast jedem Künstler mit dazu gehört und künftig mit dazugehören wird. Ich bin in einer Illustratoren-Organisation, mit der wir regelmäßig Online-Stammtische veranstalten. Dabei unterstützen wir uns gegenseitig und besprechen unterschiedlichste aktuelle Themen. Auch im Rahmen dieser Stammtische bemerke ich, dass das Thema Online immer präsenter wird.

Was die Ausstellungen angeht, glaube ich, dass es künftig eine Art Mischform geben wird. Dass man sowohl digitale Ausstellungen haben wird aber auch weiterhin die Ausstellungen vor Ort, wie wir sie vor Corona kannten. Deshalb freut es mich umso mehr, dass nach und nach wieder mehr Galerien auftauchen, die vor Corona ja fast ausgestorben waren.

Was ich außerdem festgestellt habe ist, dass Kleinunternehmer sich wieder mehr miteinander vernetzen. Ich selbst arbeite zum Beispiel mittlerweile mit einem Kosmetikstudio in Mainz-Hechtsheim zusammen, das mitten in der Pandemie eröffnet wurde. Die Inhaberin stellt meine Kunstwerke in ihrem Schaufenster aus und zum Weltfrauentag hatten wir eine gemeinsame Aktion gestartet. Sich als Unternehmer gegenseitig zu unterstützen, finde ich für die Zukunft sehr wichtig.

Was ich mir deshalb künftig in der Künstler-Szene wünschen würde, wäre eine Art Vermittlerperson, damit sich Künstler untereinander noch besser vernetzen können. Es gab mal einen Kultur- und Entwicklungsprozess in Mainz, an dem auch ich beteiligt war. Das Projekt wurde dann aber irgendwann eingestampft. Wenn ein solches Netzwerk wieder zwischen Künstlern, Musikern, Schauspielern und allen anderen Kleinunternehmern möglich wäre, würde mich das sehr freuen.


Kommentar von Nevin Urunc

Restart Nevin Urunc
Restart Nevin Urunc

„Im Gespräch mit Bianca Wagner fällt sofort ihre Willensstärke auf, durch Veränderungen Neues zu schaffen. Sie betont, wie wichtig dabei ist, ein Netzwerk zu haben, indem man sich gegenseitig unterstützt.

Frühere Impulse der Stadt Mainz für noch mehr Austausch und Vernetzung in der Künstlerszene untereinander und darüber hinaus, fände sie – und wir auch – sehr begrüßenswert.“

 

 


Über Restart

Sie sind selbständig oder haben ein kleines Unternehmen und stecken gerade auch mitten in Veränderungen oder Schwierigkeiten? Gerne sortieren wir mit Ihnen gemeinsam Ihre Fragen, Ideen und Themen und erarbeiten Wege, damit Sie (wieder) zukunftsfähig durchstarten können. Möchten Sie mitmachen? Sie erreichen das Team unter www.restart.vision, per Mail an restart@mki-ev.de oder telefonisch unter 06131 217 11 92.

Die Teilnahme an „Restart – zukunftsfähig durchstarten“ ist für Selbständige, Freiberufler/-innen und Kleinstunternehmen in Rheinland-Pfalz kostenfrei. Dies wird ermöglicht durch die Förderung im Rahmen der Arbeitsmarkt­initiative #rechargeRLP. Sie wird durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz aus Mitteln des EU-Hilfsprogramms REACT-EU über den Europäischen Sozialfonds (ESF) umgesetzt.