Die Lage in den Pflegeheimen ist kritisch, das Personal in Folge der Pandemie stark belastet. Auch aufgrund von Entwicklungen, die es schon vor Corona gab. Der Geschäftsführer der Lebenshilfe Mainz-Bingen, David Dietz, erzählt im BYC-Interview, wie den Heimen geholfen werden könnte, wenn der Fokus des Schutzes auf sie gelegt würden.

Die Situation rund um die Corona-Pandemie spitzt sich zu: Erste Krankenhäuser melden, dass sie die so genannte Triage anwenden müssen – also aufgrund der starken Belastung entscheiden, wen sie noch behandeln können und wen nicht. Wie sieht die Situation in Pflegeheimen aus?

Es ist richtig. Wir sehen fast täglich in zahlreichen Einrichtungen des Gesundheitswesen: Das Limit ist tatsächlich erreicht. Und das ist in sehr, sehr kurzer Zeit passiert. Bis Mitte November waren wir noch in der glücklichen Lage, in unseren Einrichtungen nicht einen Fall einer Corona-Infektion melden zu müssen. Mittlerweile steht eine Einrichtung komplett unter Quarantäne und in einer unserer Außenwohnstätten konnte die Quarantäne wieder beendet werden. Das stellt uns Verantwortliche vor Fragen, die nicht gerade einfach sind.

Welche?

Bei uns ist es nicht die Triage. Bei uns geht es nicht darum, ob jemand versorgt wird oder nicht.. Aber es stellt sich die Frage nach der Strategie: Durchmischen wir die Nicht-Infizierten mit den Infizierten, um eine Quarantäne schneller hinter uns zu haben, allerdings um den Preis das Geschehen nicht mehr kontrollieren zu können und damit die Versorgungslage zu gefährden? Oder entscheiden wir uns für den Weg, den wir am Ende gegangen sind: Wir versuchen eine Streuung des Virus, so weit es geht, zu verhindern. Das bedeutet zwar, dass die Quarantäne länger dauert. Es ermöglicht uns aber, die Situation unter Kontrolle zu halten – Dienste weiter zu besetzen und somit Bewohner weiter versorgen zu können.

Unversehrtheit ist gefährdet

Nun sagen Sie, nachvollziehbar, es gehe nicht um Leben und Tod bei Ihnen. Nicht unmittelbar. Aber ab wann ist der Punkt erreicht, dass schlecht oder gar nicht mehr leistbare Betreuung zur Lebensgefahr wird?

Das kommt auf den Unterstützungsbedarf an, den der jeweilige Bewohner hat – auch außerhalb von Corona. Wenn wir Dienste nicht besetzen könnten, hätten wir diese Gefahr immer. Jetzt wird sie halt noch durch einen aggressiven und letztlich tödlichen Virus ergänzt. Wenn du dann die Betreuung nicht gewährleisten kannst, ist die körperliche Unversehrtheit mit Sicherheit gefährdet.

Nun gibt es Vorschläge wie den des Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, statt auf allgemeine Kontaktsperren darauf zu setzen, die gefährdeten Gruppen gezielter zu schützen. Dazu gehören auch die Pflegeheime. Hat Palmer recht?

Ja und nein. Die Fixierung auf diese Gruppen halte ich für relevant und wichtig. Per se. Aber du darfst dabei auch nicht vergessen, dass du in den Heimen auch Leute hast, die nicht da leben. Das sind nicht nur die Pfleger. Das sind auch Ärzte, Friseure, Physiotherapeuten oder medizinische Fußpfleger. Diese Menschen können natürlich auch Infektionsbrücken sein. Trotzdem ist es absolut notwendig, einen besonderen Fokus auf den Schutz der Heime zu legen.

Wie sähe das dann aus?

Es geht etwa um die Teststrategie. Für diese brauchst du geschultes Personal. Das Rote Kreuz oder die Diakonie sagen schon jetzt, dass das Testen für sie nicht zu stemmen ist. Denn dafür braucht es staatlich examinierte Krankenpfleger. Die haben wir in unseren Einrichtungen nicht. Und so droht eine massive Lücke – es gibt sie auch tatsächlich schon.

Prostituierte in die Pflege

Wie ließe sich diese Lücke füllen?

Wir brauchen einen Pool aus Pflegekräften, die nicht im Dienst sind – etwa weil sie schon im Ruhestand sind – und die sich jetzt freiwillig melden. Solche Pools werden jetzt auch schon gebildet. Nur: Corona ist ja nicht das einzige Problem. Der Fachkräftemangel, den es vor der Pandemie gab, den gibt es ja immer noch. Schon jetzt ist die eigentliche Pflegeleistung schwer zu stemmen, wenn jetzt noch das Testen dazu kommt, dann kommt die Belastungsgrenze schneller als uns lieb ist..

Sehr beliebt ist der Vorschlag, irgendwelche Gruppen einfach in die Pflege zu schicken und so die Unterversorgung mit einem Schlag zu beheben. Den Vorschlag gab es schon mit Flüchtlingen, Inhaftierten, Mitarbeitern der Gastronomie und besonders hübsch: Prostituierten. Ist es so einfach? Müssen wir einfach nur Prostituierte zum Pflegedienst einberufen?

Wir müssen differenzieren. Es gab in Mainz den Vorschlag, Mitarbeiter der Gastronomie zur Unterstützung in der hauswirtschaftlichen Unterstützung zu rekrutieren. Doch ist das nicht die Stelle, an der der Fachkräftemangel das Riesenthema ist. Für diesen Bereich gibt es eigentlich genug Menschen, deren Job das auch ist.

Also keine Prostituierten in die Pflege?

Es gibt Gründe, warum examinierte Pflegekräfte eine dreijährige Ausbildung absolviert haben – mit entsprechend anspruchsvollem Abschluss. Gerade das Testen ist keine einfache Aufgabe: Du gehst mit einem Stäbchen weit in den Rachen rein. Wenn das Menschen machen, die nicht geschult sind, ist das Risiko relativ hoch, den Bewohner zu verletzen. Das wäre ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Und deswegen braucht es dafür professionell qualifizierte Fachpersonen.

„Wir haben im Sommer viel Zeit verschlafen“

Gibt es denn überhaupt eine Reserve, die groß genug wäre, wenn sich deren Mitglieder freiwillig melden würden?

Aufgrund des oben beschriebenen Aufwands, die Betreuung auch ohne Virus zu organisieren, muss man sagen: Wenn jetzt noch die Testung oben drauf kommt, wird es verdammt schwer.

Sie haben den Pool an Hilfskräften erwähnt, der aufgebaut wird. Hätte der nicht – wie vieles andere – schon im Sommer aufgebaut werden können?

Das wurde ja durchaus versucht. Doch leider muss man generell sagen: Wir haben im Sommer viel Zeit verschlafen. Im Frühjahr waren wir noch erfolgreich mit der Strategie, die Infektionskurve abzuflachen, um Kapazitäten in den Intensivbereichen der Krankenhäuser freizuhalten. Dafür brauchst du aber auch eine Nachvollziehung der Infektionsketten. Und damit waren die Gesundheitsämter schon im Sommer überfordert. In den Jahren vor der Pandemie ist in diesen Ämtern zu viel Personal eingespart worden – und jetzt waren wir nicht schnell genug in der Lage, es wieder aufzufüllen.

Auch Pfleger müssen mal raus

Sie haben gesagt, dass Mitarbeiter die Brücke aus dem Leben draußen in die Heime sind. Reicht es denn jetzt, wenn wir nach der Gastronomie auch die Geschäfte schließen. Mit Bussen, privaten Feiern, Supermärkten oder Gottesdiensten bleiben doch noch genug Ansteckungsquellen übrig?

Ich teile die Intention, die Kontakte zu reduzieren, um die Gefahr von Infektionsbrücken zu verringern. Diese Absicht ist nachvollziehbar. Und in der Pflegebranche arbeiten Profis. Sie wissen um die Gefährdung und sie verhalten sich sicher verantwortlicher als manch anderer. Aber auch sie müssen irgendwann mal Einkaufen gehen oder zum Arzt – das übrigens deutlich häufiger als andere. Etwa wenn sie Bewohner begleiten müssen. Und bei aller – gegebenen – Professionalität: Du kannst als Pfleger auch nicht aufhören, zu leben. Deswegen kriegst du die Gefahren nicht ganz abgestellt.

Nun hat in Berlin eine grüne Politikerin den Pflegern vorgeschlagen, sie könnten ja statt dem Bus das Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit nehmen. Das wurde zurecht als zynisch empfunden. Aber der Gedanke, Pflegern in ihrer wertvollen Arbeit zu helfen, ist ja an sich nicht abwegig. Könnte man etwa für Pfleger Shuttle-Busse einsetzen, damit sie der Gefahr der Ansteckung im Stadtbus entgehen?

Wir können ja über alles reden. Und wenn Pflegekräfte entlastet werden können, sollten wir uns das wirklich auch überlegen. Doch am Ende bleiben sie Menschen. Und wenn du den ganzen Tag arbeitest, dann musst du mal raus. Und sei es zum Einkaufen. Die Arbeit von Pflegern ist so schon eine mentale Belastung. Mit Regelungen, die diese Menschen noch in gesonderter Weise aussondieren würden, wäre nichts gewonnen. Das geht nicht. Ich kann Pflegern anbieten, ihnen Einkäufe oder andere Wege abzunehmen. Ja. Aber du musst Pflegern auch mal die Möglichkeit geben, raus zu kommen und dich darauf verlassen, dass es Profis sind, die wissen, wie sich Profis verhalten.