Wer sich ein wenig mit der Unternehmensstrategie französischer Unternehmen auskennt, für den kommen die neuesten Nachrichten von Stellantis nicht wirklich überraschend: Das Unternehmen trennt sich von 102 Hektar Gewerbefläche und konzentriert die Produktion.


Rüsselsheim Oberbürgermeister Udo Bausch

Gleichzeitig löst sie diese aus dem Opel-Unternehmensverbund, der Opel Automobile GmbH. „Auf unsere Stadt kommen jetzt große Herausforderungen zu“, so Oberbürgermeister Udo Bausch. „Wir müssen dafür sorgen, dass unser Know-how im Automobilbau erhalten bleibt und wir die neuen Chancen der Elektromobilität nutzen können. Dazu brauchen wir ein neues industriepolitisches Leitbild, zu dessen Erstellung wir bereits die ersten Schritte unternommen haben“, so Bausch.

Bereits im Februar 2020 hatte der Oberbürgermeister zu einem ersten Initiativgespräch ins Rathaus eingeladen. Mit dabei waren:

  • Vertreter der Geschäftsführung der Opel Automobile GmbH
  • Geschäftsführer der HA Hessen Agentur GmbH
  • Projektleiter IMPACT RheinMain, Hochschule RheinMain

Die Beteiligten waren sich einig, das Projekt zügig anzugehen und vereinbarten folgendes:

  • Bei Opel interne Abstimmung der Beteiligung an einer Strategieerarbeitung für den Technologie- und Produktionsstandort Rüsselsheim.
  • Die Hessen Agentur prüft die Verfügbarkeit von Fördermitteln.
  • Nach Klärung der oben genannten Punkte Vorbereitung eines Konzeptvorschlags für die Strategieumsetzung (Opel, Hochschule, Stadt).
  • Die Stadt wird mit einem finanziellen Eigenbeitrag zu Strategieerarbeitung beitragen und die Erarbeitung koordinieren.

Das ist ein Anfang, aber das reicht noch nicht: Hier sind weiterhin das Land Hessen und der Bund gefragt, an einer solchen Zukunftsstrategie für den Erhalt der Automobilindustrie mitzuwirken. Deshalb hat sich Oberbürgermeister Bausch am 11. August an Bundesminister Peter Altmaier gewandt, in dessen Namen Staatssekretär Thomas Bareiß antwortete: „Ihr aktives Vorgehen und Engagement begrüße ich sehr. Aus meiner Sicht ist es ganz zentral, Fragen wie die zukünftige Nutzung großer freiwerdender gewerblicher Flächen für die Region frühzeitig strategisch anzugehen.“ Ein Treffen mit dem Hessischen Wirtschaftsminister ist angefragt.


Flächenentwicklung nur zusammen mit der Stadt

Die jetzt freiwerdenden Flächen (102 Hektar) sind in ihrer Größe, Lage und Geschichte prägend für das gesamte Stadtgebiet. „Daher erwarte ich eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadt und Unternehmen bei der Neunutzung, wie es im gemeinsamen Rahmenkonzept auch angelegt ist“, so der Oberbürgermeister. „Uns geht es unter anderem darum, die Flächen langfristig so zu entwickeln, dass die dort neu angesiedelten Unternehmen unsere Gewerbesteuereinnahmen steigern, qualifizierte Arbeitsplätze erhalten beziehungsweise schaffen, dass dort Raum für innovative forschungsorientierte Unternehmen entsteht, und dass neue Wohnungen für alle Bevölkerungsschichten gebaut werden können.“ Hinzu käme die Verfolgung von ehrgeizigen Zielen des Klima- und Naturschutzes.

„Außerdem dürfen sich die Pläne von Stellantis keineswegs negativ auf die Beschäftigten von Opel auswirken. Auch dafür werde ich in den Verhandlungen mit Stellantis kämpfen“, unterstreicht der Oberbürgermeister.

„Auf der EXPOreal, der größten Immobilienmesse Europas in München, die dort vom 11. bis 13. Oktober stattfand, konnte ich ein riesiges Interesse der Investoren am Standort Rüsselsheim und im Besonderen an den freiwerdenden Flächen auf dem Opel-Areal feststellen. Das gibt mir Mut und macht mich optimistisch, dass wir als Stadt maßgeblich dazu beitragen können, die Weichen für eine erfolgreiche und nachhaltige Neuausrichtung der Flächen zu stellen, den Automobilstandort Rüsselsheim am Main zu erhalten und neu auszurichten sowie einen modernen und innovativen Industriestandort zu schaffen.“

Manuela Matz und Dr. Oliver Franz

Die Mainzer Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz und der Wiesbadener Wirtschaftsdezernent Dr. Oliver Franz äußerten sich bereits am 12. Oktober zu dem Fall Opel. „Das Opel-Werk in Rüsselsheim hat eine enorme Stahlkraft nach Mainz. Durch eine Ausgliederung des Werks stehen für Mainzerinnen und Mainzer Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie enge Geschäftsbeziehungen auf dem Spiel und damit auch der wirtschaftliche Erfolg von Mainzer Unternehmen.“ „Dies alles erinnert doch sehr an die unrühmliche Fusion der Hoechst AG mit dem französischen Konkurrenten Rohne-Poulenc zu Aventis im Jahr 1999. Damals sollte ein großer deutsch-französischer Gemeinschaftskonzern entstehen und Aventis wurde dann im Jahr 2004 – mit Unterstützung der französischen Regierung, durch den Arzneimittelhersteller Sanofi übernommen“, so Matz und Dr. Franz und abschließend.


IG Metall und Betriebsrat entkräften Stellantis Argumente

Die Stellantis Manager argumentieren, ihr Vorgehen würde Arbeitsplätze sichern. Denn: „So soll auch sichergestellt werden, dass alle Stellantis-Produktionsstandorte für alle Stellantis-Marken produzieren können.“ Doch IG Metall und der Opel-Gesamtbetriebsrat zeigen auf, dass diese Argumente vorgeschoben sind: Um in allen Werken alle Fahrzeuge des Konzerns produzieren zu können, braucht es keine Herauslösung aus Opel − das belegt die Produktion des DS4 in Rüsselsheim. Der Kompaktwagen von Citroens Edelableger soll dort gefertigt werden. Die Hessen stecken bereits mitten im Produktionsanlauf.

Auch ist eine Vergleichbarkeit der Leistungsfähigkeit der Werke nicht abhängig davon, ob sie zu Opel Automobile GmbH gehören oder eine eigenständige Gesellschaft bilden. Vielmehr sind Gesamtbetriebsrat und IG Metall überzeugt, dass die Flexibilität unter den deutschen Standorten durch eine Ausgliederung in eigenständige Gesellschaften vermindert wird. Aus diesem Grund war zuletzt Eisenach auch wieder direkt in die Opel-Familie zurückgeführt und integriert worden. Eisenach war nach der Wende bis 2013 schonmal ein eigenständiges Werk.