Der Bahnhof Mainz-Kastel in der Nacht zum Montag (12. April 2021). Es ist eisig kalt und regnerisch. Eine sechsköpfige Familie mit zwei Kindern liegt auf der breiten Treppe direkt am Bahnhofsgebäude in Richtung der Hauptstraße. Sie haben sich dort schon fast häuslich eingerichtet. Ihre Schuhe haben sie ordentlich unter eine dortige Bank gestellt. Die Hygienebedingungen vor Ort sind schlecht. Die Familie liegt jeweils zu zweit auf einer Matratze eng beieinander, um sich so gut es geht warm zu halten. Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen, haben sie nicht. Zudem klagt die Mutter der beiden Kinder über starke Schmerzen wegen einer Entzündung im Mund.


Der Kältebus und BYC-News vor Ort

Gegen 23:00 Uhr war der Kältebus aus Rheinhessen im Bereich Mainz-Kastel unterwegs. Der Verein versorgt jede Nacht Obdachlose in Rheinhessen, Wiesbaden und seit Kurzem auch im Kreis Groß-Gerau. Die beiden ehrenamtlichen Helfer Marcio Demel und Marlon Demel sahen die Familie durch Zufall am Bahnhof in Mainz-Kastel liegen und hielten an. Sie gingen zu der Familie und versuchten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Da es sich um eine rumänische Familie handelte, die nur sehr wenig Deutsch spricht, war die Sprachbarriere zunächst groß.

Weil die beiden auf ihren Touren auch Essen und Getränke an die Obdachlosen verteilen, hatten sie wie üblich warme Mahlzeiten mit dabei. Sie versorgten die wohnungslose Familie also zunächst mit etwas warmem zu Essen und heißen Getränken. Um die Familie vor der eisigen Kälte zu schützen, wurden Isomatten und Schlafsäcke ausgegeben. Damit sie sich am nächsten Tag Essen und Trinken kaufen können, bekam jeder von ihnen zudem fünf Euro aus der eigenen Tasche von den sozial Engagierten.

Dabei fiel den beiden auf, dass die Kinder der Familie augenscheinlich noch minderjährig waren. Aufgrund dieser Tatsache und wegen den Kommunikationsproblemen mit der rumänischen Familie baten sie die Polizei in Kostheim um Unterstützung. Da der Kältebus zunächst noch zu einem anderen Obdachlosen in Mainz musste, baten die Ehrenamtlichen BYC-News darum, zum Bahnhof in Kastel zu kommen und in der Angelegenheit zu unterstützen, bis die beiden selbst wieder vor Ort sein konnten.

Familie hat bereits versucht, Unterstützung zu bekommen

BYC-News machte sich nach dem Anruf von Marcio Demel auf den Weg zum Bahnhof, um ebenfalls zu helfen und versuchte ebenfalls mit der Familie ins Gespräch zu kommen. Die Kommunikation vor Ort gestaltete sich natürlich auch in diesem Fall zunächst schwierig. Mit Hilfe eines Handys und der Übersetzer-Funktion klappte die Kommunikation dann aber doch.

Die Familie berichtete, dass sie bereits seit sechs Monaten in Deutschland sind. Nach eigenen Angaben kamen sie nach Deutschland, um Arbeit und ein Zuhause zu finden. Sie wollten hier Geld verdienen und dann wieder zurück nach Rumänien, um damit ihrer Familie dort zu helfen, was ihnen allerdings nicht gelang. Nun haben sie nicht mal die finanziellen Mittel, um zurück nach Rumänien zu reisen. Das sei der Grund, weshalb sie nun auf der Straße leben. Auch finanzielle Unterstützung erhält die Familie nach eigenen Angaben nicht, sodass es für sie sehr schwierig ist, Lebensmittel oder Hygieneprodukte zu kaufen. Bevor sie nach Kastel kamen, haben sie rund zwei Monate lang in Mainz versucht, finanzielle Unterstützung und eine Unterkunft zu bekommen, sind jedoch auch dort gescheitert. Auf die Frage, ob sie immer noch in eine Unterkunft möchten, antworteten sie mit ja.

Die Kommunikation gestaltete sich schwierig und lief über einen Übersetzer am Smartphone | Foto: BYC-News

Die Polizei kam erneut zum Bahnhof

Die Polizei wurde also erneut angerufen und um Hilfe gebeten. Diese berichtete am Telefon, dass bereits eine Streife dort gewesen wäre und die Personalien überprüft habe. Weitere Maßnahmen seien zunächst vor Ort nicht getroffen worden, man werde aber in jedem Fall die Stadt Wiesbaden darüber informieren. Rund 10 Minuten nach dem Telefonat trafen erneut zwei Polizeibeamte am Bahnhof ein. Diese berichteten, dass sie selbst bereits kurz zuvor dort waren.

Gemeinsam mit den Polizeibeamten besprachen der Kältebus und BYC-News, ob und welche Möglichkeiten es zur Unterbringung der Familie gibt. Es wurden mehrere Notunterkünfte im Raum Mainz und Wiesbaden abtelefoniert und gefragt, ob dort Platz für sechs Personen sei. Allerdings wurde überall gesagt, dass es so spontan keinen Platz für so viele Personen gäbe und das dieses auch in der nächsten Zeit schwierig wäre. Schließlich wurde bei der Unterkunft an der alten Ziegelei in Mainz angerufen und mit dem Verantwortlichen, Herr Asadi gesprochen. Dieser zeigte sich sehr bemüht, musste allerdings auch mitteilen, dass für diese Nacht keine Unterbringung mehr möglich sei.

Die Polizeibeamten hatten allen Beteiligten gegenüber ein offenes Ohr und nahmen sich die Zeit, um das Ergebnis der Telefonate abzuwarten. Anschließend erklärten sie, dass die Familie vermutlich noch nicht lange dort am Bahnhof ist, da diese der Polizei sonst schon in den Tagen zuvor aufgefallen wäre. Zudem sagten sie, dass sie ab sofort während der Streifenfahrt noch genauer hinsehen und ein Auge auf die Familie haben werden. Der Kältebus wird im Rahmen seiner Touren auch weiterhin regelmäßig nach der Familie schauen. BYC-News hat im Laufe des Montags (12. April 2021) versucht, eine Unterkunft zu organisieren, was jedoch aufgrund der knappen Platzkapazitäten in den Unterkünften bislang noch nicht möglich war.

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