In den vergangenen Tagen gab es massive Diskussionen um die sechsköpfige obdachlose Familie aus Rumänien am Bahnhof in Mainz-Kastel. Unter anderem auch aufgrund der Berichterstattung von BYC-News und den Kommentaren in den sozialen Medien, die verlauten ließen, dass die Familie das Angebot der Stadt Wiesbaden zur Unterbringung in einer Unterkunft abgelehnt hätte. BYC-News hat mit Christoph Manjura, Sozialdezernent der Stadt Wiesbaden gesprochen.


Die Familie lag mehrere Tage schon am Bahnhof

Nach Recherchen von BYC-News lag die Familie bereits seit dem 9. April 2021 am Bahnhof Kastel. Erst nach der Berichterstattung vom 12. April wurde das Thema offensichtlich von der Stadt aufgegriffen oder bekannt. Ob das Ordnungsamt in diesem Zeitraum nicht am Bahnhof vorbeigefahren ist oder eine Polizeistreife, ist unserer Redaktion nicht bekannt.

Familie soll die Unterbringung zunächst abgelehnt haben

Unter anderem hat Christoph Manjura, Sozialdezernent der Landeshauptstadt Wiesbaden in einem Facebook-Beitrag von BYC-News zu dem Thema mitgeteilt, dass Mitarbeiter der Stadt vor Ort gewesen seien und die Familie das Angebot einer Unterbringung abgelehnt hatte. Dies äußerte er auch gegenüber dem Wiesbadener Kurier in einem Beitrag vom 14. April 2021, der das Thema nach der Berichterstattung von BYC-News ebenfalls aufgegriffen hatte. Die Anfrage, die BYC-News bereits am 12. April 2021 an die Pressestelle der Stadt Wiesbaden gestellt hatte, blieb indes unbeantwortet.

Erneute Anfrage bei der Stadt Wiesbaden

BYC-News hat sich daraufhin am 14. April erneut und mit weiteren Fragen an die Pressestelle mit einer kurzen Frist zur Rückmeldung gewandt. Die Antwort kam dann am 14. April vom Wiesbadener Sozialdezernent, Christoph Manjura persönlich. Dieser teilte mit, dass die Familie am Dienstag, den 13. April 2021 gegen 9:00 Uhr vom Leiter des Sachgebietes Unterbringungsmanagement sowie einer Mitarbeiterin der Wohnungsnotfallhilfe am Bahnhof in Kastel befragt wurde.

Dolmetscherin am Telefon und nicht vor Ort

Bei diesem Gespräch sei nicht wie zuvor mitgeteilt eine rumänisch sprechende Kollegin anwesend gewesen. Diese wurde telefonisch zur Unterstützung involviert. Diese habe dabei überwiegend mit der Mutter des minderjährigen Kindes am Telefon gesprochen und zwischendurch die beiden Mitarbeiter der Stadt darüber informiert. Vor Ort anwesend waren bei dem Gespräch zwei Mitarbeiter der Stadt Wiesbaden und sieben Obdachlose. Ob die siebte Person ebenfalls zur Familie gehörte, ist nicht bekannt.

„Sowohl die Kollegen vor Ort als auch die übersetzende Kollegin am Telefon haben der Familie und den dabeistehenden Verwandten mitgeteilt bzw. durch Zeichen vermittelt, dass die Pässe vorgelegt werden sollen damit sie abfotografiert werden können. Dies wurde auch verstanden, weil 4 Pässe vorgelegt wurden, aber es beim Abfotografieren zur Unruhe kam. Es war deutlich erkennbar, dass dies nicht gewollt ist. Auf mehrmaliges Nachfragen wollten dann alle Personen nicht untergebracht werden“, teilte Manjura weiter mit.

Der Verein Rheinhessenhilft bei der obdachlosen Familie am Bahnhof Kastel wenige Tage zuvor | Foto: BYC-News

Kosten der Rückreise nach Rumänien werden übernommen

Wie der Sozialdezernent Manjura mitteilt, wurde der Familie neben der Unterbringung auch die Kostenübernahme für Zugfahrkarten zurück nach Rumänien angeboten. Diesen Wunsch hatte die Familie bereits zuvor gegenüber BYC-News geäußert. Im Gespräch mit den Mitarbeitern der Stadt sei ein Ort namens Toplita gewesen. Zwischendurch soll die Familie auch nach Fahrkarten nach Frankfurt gefragt haben. Manjura vermutet, um innerhalb der Region weiterzuziehen, ohne das Problem der Wohnungslosigkeit damit zu lösen.

Schließlich wurde das Angebot der Kostenübernahme für die Rückreise nach Rumänien angenommen. Diese könne allerdings erst am 24. April erfolgen, teilte der Sozialdezernent mit, da die Mutter der Familie, die bereits gegenüber BYC-News über Zahnschmerzen geklagt hatte, am 23. April einen Termin bei einem Zahnarzt in Deutschland hat.

Herr Manjura, wurde Ihnen ein Termin vom Kältebus vor Ort angeboten?

Nein. Weder dem Leiter des Sachgebietes Unterbringungsmanagement noch den Mitarbeiterinnen des Teams Wohnungsnotfallhilfe wurde ein Termin angeboten.

Marcio Demel (Kältebus) teilt gegenüber BYC-News mit: „Es wurde ein Termin persönlich beim Sozialdezernent angefragt, dieser wurde nicht angenommen.“ Die Terminanfrage erfolgte am Dienstag den 13. April 2021.

Wurde beim Kältebus von der Stadt Wiesbaden angefragt aufgrund der Situation?

Auf Rückfrage, weswegen die Stadt Wiesbaden nicht zunächst beim Kältebus nachgefragt habe, teilte der Sozialdezernent mit: „Aus dem Artikel des Erstberichterstatters ergaben sich alle notwendigen Informationen um zu erkennen, dass die Wohnungsnotfallhilfe schnell handeln muss. Daher wurde unmittelbar nach Dienstbeginn organisiert, wo  die Familie untergebracht werden kann und anschließend die Fahrt zum Kasteler Bahnhof angetreten. Dass ein derart niederschwelliges Angebot (es sollten lediglich die Pässe zum Abfotografieren vorgelegt werden und dann wären wir gemeinsam in die nahegelegene Notunterkunft für Wohnungslose gelaufen) nicht angenommen wird, haben wir nicht erwartet“

Anwohner teilten gegenüber BYC-News mit, das sie mit der Familie gesprochen hätten und diese eine Unterkunft möchten. Der Wunsch zurück nach Rumänien zu kommen, war ebenfalls wie auch gegenüber weiteren Personen nochmals geäußert worden. Die Ausweise wollten sie wieder zurück und nicht abfotografieren lassen, da sie aufgrund der wirren Situation mit der Dolmetscherin und der Zeichensprache der städtischen Mitarbeiter misstrauisch wurden.

Gegenüber der Polizei hatte die Familie, im Beisein unserer Redaktion, in der Nacht am 12. April 2021 die Ausweise problemlos ausgehändigt.



Am 14. April räumte die Deutsche Bahn den Bahnhofsvorplatz

BYC-News wollte am Abend des 14. April erneut mit der Familie sprechen und warme Kleidung bringen und machte sich auf den Weg zum Bahnhof in Kastel. Von der Familie fehlte allerdings jede Spur. Da der Bahnhofsvorplatz sehr aufgeräumt war und auch schwere Gegenstände weg waren, konnte man da schon einen freiwilligen Abzug der Familie ausschließen. Noch in der Nacht wurde beim Ordnungsamt und der Polizei angefragt. Die Polizei in Kastel und die Stadtpolizei Wiesbaden konnten auf Nachfrage nichts zum Verbleib der Familie sagen. Die Suche in der näheren Umgebung sowie am Hauptbahnhof Wiesbaden und Frankfurt in der Nacht verliefen erfolglos.

In einem Telefonat am 15. April teilte Manjura dann gegenüber BYC-News mit, dass die Familie von der Deutschen Bahn am 14. April einen Platzverweis ausgesprochen bekam und daraufhin die Örtlichkeit verlassen hatte. Eine Anfrage bei der Deutschen Bahn wurde gestellt und eine zeitnahe Antwort wird erwartet.

Die Familie sei nun unter der Theodor-Heuss-Brücke.

Die Familie hat sich nach dem Platzverweis einen Platz unter der Theodor-Heuss-Brücke gesucht. Dort seien am 15. April nochmal Mitarbeiter des Diakonischen Werks gewesen, um mit der Familie zu sprechen, teilte Manjura mit.

Das Ergebnis: Die Familie wird versuchen, den Zahnarzttermin der Mutter beim Verein Medinetze Mainz, einer medizinischen Vermittlungsstelle für Flüchtlinge, Migranten und Menschen ohne Papiere, vorzuziehen und somit schneller zurück nach Rumänien zu können. Bis dahin wird sie in einer Notunterkunft in Mainz-Kastel unterkommen. Dort sollte sie bereits am Abend des 15. April hin gebracht worden sein.

„Selbst wenn es nicht möglich ist den Arzttermin nach vorne zu verlegen, kann die Familie natürlich bis zum 24. April in der Notunterkunft verbleiben. Dort haben sie dann zwei Zimmer und ausreichen Betten, sodass sie zusammen bleiben können bis sie zurück reisen“, sagte Manjura gegenüber unserer Redaktion.

Hierzu Marcio Demel, Vorsitzender des Vereins zur Förderung sozial und gesundheitlich benachteiligter Menschen in Mainz und Umgebung e.V. (Projekt „Rheinhessen hilft!“):

„Durch das Zusammenspiel der Behörden und verschiedenen Stellen, unter anderem des Wiesbadener Sozialdezernenten Christoph Manjura, der Redaktion von BYC-News, dem Ausländerbeirat Wiesbaden und uns als Kältebus ist es uns gelungen, eine für die obdachlose rumänische Familie angenehme und menschenwürdige Lösung zu finden. Dies war mir insbesondere deshalb besonders wichtig, weil sich Kinder mit auf der Straße befanden. Die Obdachlosigkeit aller Beteiligten konnte somit durch Bereitstellung von Notunterkünften bis zur freiwilligen und selbst gewünschten Rückkehr nach Rumänien abgewendet werden.“

„Uns fällt ein Stein vom Herzen, da dieses Problem innerhalb weniger Tage gelöst werden konnte. Wir wären froh, wenn andere Städte dies nachmachen und ebenfalls so schnell im Handeln und agieren wären, wie die Stadt Wiesbaden. Ein großer Dank geht auch an alle Bürgerinnen und Bürger, die der Familie aufgrund der Berichterstattung Lebensmittel, Kleidung und Weiteres zur Verfügung gestellt und vorbeigebracht haben. Hier hat sich gezeigt, dass eine Stadt auch zusammenhalten kann, wenn Not herrscht. Auch unseren Verein haben viele Zuschriften vielfältiger Art erreicht, über die wir sehr dankbar waren. Insbesondere möchte ich mich bei der Firma Auto King in Nierstein bedanken, die regelmäßig mit uns zusammenarbeitet und einen Dolmetscher schicken wollte. Widerlich fanden wir ausländerfeindliche und rechtsextreme Kommentare unter den Artikeln zur Familie, die wir aufs schärfste verurteilen.“, teilte Marcio Demel abschließend mit.

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