Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert Bundesregierung, EU-Kommission und EU-Parlament auf, die derzeit erlaubte Massenmedikation mit Reserve-Antibiotika in der industriellen Tierhaltung schnellstmöglich zu beenden. Die aktuelle Rechtslage hat gefährliche Konsequenzen, warnt der Umwelt- und Verbraucherschutzverband und präsentiert eine Stichprobenuntersuchung von Putenfleisch aus den Regalen der Discounter Aldi und Lidl.



Die Deutsche Umwelthilfe beauftragte Labortests

So ist es legal, in Deutschland Fleisch zu verkaufen, auf dem sich antibiotikaresistente Keime befinden, Grenzwerte für diese Belastungen gibt es keine. Ihren Ursprung haben die Keime in der industriellen Massentierhaltung. Dort werden die Antibiotika den Tieren unter anderem in die Tränke oder ins Futter gemischt. Das trägt dazu bei, dass sich Resistenzen gegen die Medikamente bilden. Seit Jahren werden auch bei staatlichen Untersuchungen auf dem Fleisch von Puten aus der intensiven Tiermast resistente Keime gefunden. Dennoch ist diese Praxis weiterhin gesetzlich erlaubt, ebenso wie der Verkauf von derartig belastetem Fleisch.

Neue Labortests im Auftrag der DUH zeigen nun, wie massiv teilweise die Belastung mit multiresistenten Krankheitserregern bei Putenfleisch ist. Die DUH hat dazu in verschiedenen Regionen Deutschlands 62 Testkäufe bei Discountern durchgeführt, jeweils 31 in Lidl-Filialen und 31 in Aldi-Filialen. Gekauft wurde immer Putenfleisch der Haltungsstufe 2 (Stallhaltung Plus). Die Proben wurden am Institut für Pharmazie und Pharmazeutische Mikrobiologie der Universität Greifswald unter Leitung von Frau Professor Schaufler untersucht. Das Ergebnis: Jede dritte Putenfleischprobe von Lidl und jede vierte Probe von Aldi war mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Auf jeder vierten Lidl-Putenfleischprobe (26 Prozent) fand das Labor sogar besonders gesundheitsgefährliche Erreger, die gegen die für Menschen wichtigen Reserve-Antibiotika resistent sind.

Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH

„Geflügel in Massentierhaltung wird vollgepumpt mit Antibiotika, bei der Putenmast sogar zu einem erheblichen Teil mit Reserve-Antibiotika. Das ist besonders dramatisch, da hier resistente Erreger entstehen, gegen die uns dann möglicherweise keine Medikamente mehr zur Verfügung stehen. Dieses katastrophale System muss beendet werden. Kommission und Parlament müssen auf EU-Ebene Reserve-Antibiotika als Massenmedikation in der industriellen Tierhaltung verbieten und nur noch für die Einzeltierbehandlung beispielsweise von Haustieren erlauben.“

In Europa infizieren sich jährlich rund 670.000 Menschen mit antibiotikaresistenten Erregern, weit über 245.000 Infektionen stammen aus Quellen außerhalb der Gesundheitsversorgung, dazu zählt die Massentierhaltung. Für Infektionen mit resistenten Erregern, bei denen viele Antibiotika nicht mehr greifen, sind Reserve-Antibiotika überlebenswichtig. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt deshalb, Reserve-Antibiotika Menschen vorzubehalten, sie nur in Ausnahmefällen bei Haustieren und gar nicht bei Tieren in der Fleischwirtschaft einzusetzen.

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Europäischen Union und Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes

„Die EU droht zwei große Chancen zu verpassen: Erstens Menschenleben zu retten, durch das Verhindern weiterer Antibiotikaresistenzen und zweitens das Tierwohl und die artgerechte Haltung von Nutztieren zu verbessern. Wir brauchen die Beschränkung der Reserve-Antibiotika auf den Einsatz beim Menschen, damit schwerstkranke Menschen eine Chance auf Heilung bekommen. Und auch den Tieren ist mit der aktuellen Politik nicht gedient. Antibiotika werden in der Tierhaltung eingesetzt, um Mängel auszugleichen in nicht-artgerechten Haltungsformen. Es ist jetzt am EU-Parlament, bei seiner Abstimmung im September den Weg der Vernunft und der Menschlichkeit zu gehen und den Änderungsvorschlag des Umweltausschusses zur Tierarzneimittelverordnung anzunehmen.“

Reinhild Benning, Agrarexpertin bei der DUH

„Lidl, Aldi und Co. kündigen vollmundig an, bis 2030 bessere Haltungsformen umzusetzen. Es darf aber nicht sein, dass sie den Menschen noch neun Jahre lang Fleisch mit mehrfach resistenten Keimen verkaufen dürfen. Wir fordern einen sofortigen Ausstieg aus den Haltungsstufen 1 und 2. Der Handel muss langfristige Verträge mit bäuerlichen Betrieben mit Haltung 3 und 4 zu fairen Erzeugerpreisen schließen. Gesunde Tiere brauchen keine Antibiotika. Puten aus Ökolandbau sind erheblich weniger belastet mit resistenten Erregern als Puten aus konventioneller Massentierhaltung.“

Katharina Schaufler von der Universität Greifswald, die die Labortests durchgeführt hat

„Unsere Laborergebnisse belegen, dass die routinemäßige Massenmedikation nicht ohne Folgen bleibt. Putenfleisch mit Belastung von multiresistenten Krankheitserregern gefährdet die Gesundheit von Verbraucherinnen und Verbrauchern.“