Die Wut war groß im Mainzer Winterhafen: Rund 60 meist jüngere Menschen waren am Donnerstagabend (31. März 2022) auf die Wiesen am Rhein gekommen, um gegen die geplanten Verbote der Stadt Mainz zu protestieren. Jusos Mainz, Grüne Jugend und Junge Liberale wollen nicht hinnehmen, dass die Stadt Mainz das Freizeittreiben auf den Wiesen durch rigorose Verbote gegen Glasflaschen und Musik-Lautsprecher einschränken will. BYC-News war vor Ort.


„Plätze sollen zu Prestigeobjekten ohne Seele werden“

„Mainz lebt auf seinen Plätzen? Offensichtlich scheint man sich daran zu stören“, kritisierte Jonas Wittner von den Mainzer Jusos. Er warf der Stadt Mainz vor, junge Erwachsene von den Plätzen der Stadt zu vertreiben, und zwar, ohne ihnen Alternativen zu bieten.  „Plätze sollen zu Prestigeobjekten ohne Seele werden“, sagte Wittner, „am besten ohne Menschen, die diese Plätze nutzen.“

Die Stadt Mainz hatte überraschend Anfang März Verbote für die Wiesen am Winterhafen angekündigt: Zwischen 18:00 Uhr und 6:00 Uhr morgens soll auf den Wiesen am Mainzer Winterhafen Glasbehältnisse jeder Art verboten werden, ebenso alle Geräte, „die der Erzeugung oder Wiedergabe von Schall“ dienen – also vor allem Lautsprecher oder Bluetooth-Boxen. Auch Spiele wie Bier-Pong auf Tischen will die Stadt untersagen, Verstöße sollen mit Strafzahlungen in Höhe von 50 Euro geahndet werden.

Die Stadt Mainz argumentiert, die Regelungen seien nötig, weil gerade während der Corona-Pandemie die Treffen am Mainzer Winterhafen ausgeartet seien: Es würden enorme Mengen an Müll und vor allem auch an Glas hinterlassen, Anwohner durch Lärm bis in die frühen Morgenstunden gestört.

„Wo sollen die Menschen denn hingehen?“

Die Verbote würden die Probleme doch gar nicht lösen, schimpfte Wittner, denn: „Wo sollen die Menschen denn hingehen?“ Nirgends in Mainz gebe es doch alternative Flächen zum Abhängen und Feiern. „Will man so lange Verbote aussprechen, bis die Menschen da sind, wo man sie haben will“, empörte sich der Juso. Die Stadtoberen wollten „eine sterile Stadt“, in der sich nichts mehr bewege. Unterhaltung zum Selbstkostenpreis werde zunehmend ungern gesehen. „Man will Studentenstadt sein, aber wo diese Studierenden hinsollen, dafür hat man dann weder Plan noch Idee“, kritisierte er. Es sei ein Unding, wenn Menschen mit Haus am Stadtrand und Garten jetzt mit solchen Gesetzen „die Freiheit einschränken“ wollten.

„Wir wollen die Maßnahmen so nicht hinnehmen“, unterstrich auch Katharina Kuhn für die Jungen Liberalen. Der Winterhafen sei ein Treffpunkt auch für den Austausch von Menschen, das dürfe nicht eingeschränkt werden. Das bestätigte denn auch gleich ein Mitglied des Rudervereins, der sein Bootshaus auf der Winterhafen-Mole hat: „Es ist so schön, wenn man von einer Paddeltour zurückkommt und sieht, wie das hier lebt“, sagte der Paddler, der sich selbst al Till vorstellte: „Wir haben hier so was Schönes am Rhein, es wäre echt Scheiße, wenn das kaputt gemacht wird.“


„Lärmproblem? Nie gehört!“

„Wir haben mal Passanten und Anwohner gefragt: wie finden Sie das Verbot“, berichtete Till Walter von der Grünen Jugend von einer kleinen und spontanen Straßenumfrage am Winterhafen. Zu seinem Erstaunen hätten viele Leute, die hier wohnten, gesagt: „Lärmproblem? Nie gehört! Wieso gibt es dann eine so radikale Linie der Stadt?“, fragte Walter. „Wir behaupten nicht, dass es nicht auch mal lauter wird“, sagte er weiter: „Aber wir behaupten, dass die Lösungen nicht helfen, die man uns präsentiert.“

Die jungen Parteivertreter forderten alle gemeinsam, die Stadt müsse die jungen Menschen einbeziehen und anhören. Die Stadtverwaltung will aber schon kommenden Mittwoch einen Teil der Verbote über eine Änderung der Grünsatzung im Mainzer Stadtrat abstimmen lassen. „Wenn Sie uns einbeziehen wollen – wieso wird dann nächste Woche schon abgestimmt“, kritisierte die Mainzer Juso-Vorsitzende Antonia Rosskopp.

Die Stadt habe sehr viel versucht in den vergangenen zwei Jahren

Die Verbote waren von Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD), Gründezernentin Janina Steinkrüger (Grüne) und Ordnungsdezernentin Manuela Matz (CDU) gemeinsam auf den Weg gebracht worden, nur Matz allerdings stellte sich den Protestierenden im Winterhafen zum Dialog. Die Stadt habe sehr viel versucht in den vergangenen zwei Jahren, um die Situation am Winterhafen zu entschärfen, sagte Matz: „Wir haben Grillscouts, Müllscouts und Sommernachtsscouts ins Leben gerufen, die Reinigungsintervalle verkürzt, größere Müllbehälter aufgestellt – es hat alles nichts geholfen.“ Die neuen Maßnahmen seien geeignet, ein Stück weit das Lärmlevel zu reduzieren.

Die Anwohner klagten noch immer über erhebliche Lärmbelästigung, „über Party bis morgens um 4:00 Uhr“, berichtete Matz. Und jetzt würden die Anwohner mit Klagen drohen. Dann aber drohten noch ganz andere Maßnahmen, etwa ein komplettes Verweilverbot für alle und für die ganze Nacht. „Wir wollen, dass Mainz auf seinen Plätzen lebt, aber dazu gehören auch Spielregeln“, betonte die Dezernentin. Spaß sei okay, „aber Spaß mit Maß wäre gut.“

Im Interview mit BYC-News bekannt Matz dann aber auch, es handele sich nur um einige wenige Anwohner, die sich massiv beschwerten. Einen Runden Tisch gebe es auch, an dem würden die Anwohner gemeinsam mit dem Hyatt Hotel sowie verschiedenen Ämtern der Stadt zusammensitzen. Erst kürzlich sei auch der Ortsvorsteher der Mainzer Altstadt dazu gebeten worden.

„Wenn wir hier mit Verboten anfangen, dann müssten wir für die gesamte Altstadt Verbote verhängen.“

Der Ortsbeirat Mainz-Altstadt sei zu den Sitzungen aber nicht zugelassen, kritisierte der Mainzer Stadtratsmitglied Andreas Behringer (SPD) – und auch junge Leute seien in dem Gremium gar nicht vertreten. „Wir setzen uns seit Jahrzehnten für Lärmschutz ein und gegen Vermüllung“, betonte Behringer. Mit den neuen Verboten drohe nun aber eine Verlagerung der Probleme in die Altstadt.

„Wir haben immer gesagt, der Lärm muss aus den Wohnquartieren raus – geht doch bitte an den Rhein“, sagte Behringer. Mit den Verboten würde der Lärm „direkt vor die Schlafzimmer“ der Menschen getragen. „Hier an der Mole wird die Musik verboten, an der Wohnbebauung aber nicht, das finden wir absurd“, kritisierte Behringer: „Wenn wir hier mit Verboten anfangen, dann müssten wir für die gesamte Altstadt Verbote verhängen.“

„Die Idioten“, die sich nicht benehmen könnten, die wolle hier am Winterhafen keiner, sagte Behringer noch. „Aber wir wollen hier auch mal Streetworker, und warum stellen wir nicht auch Glastonnen auf?“, fragte er. Auch andere Vorschläge kamen auf, so seien etwa die Müllscouts nur bis 20.00 Uhr unterwegs – die Probleme fingen aber erst danach an, sagte Till Walter. „Das hier darf nicht am 6.4. entschieden werden, ohne dass wir geredet haben“, forderte er: „Wer diese Debatte ignoriert, ignoriert die Stimme der jungen Leute insgesamt. Und das gilt für den gesamten Stadtrat.“

Jusos, JuLis und Grüne Jugend wollen kommenden Mittwoch (6. April 2022) noch einmal protestieren: Um 14:00 Uhr vor der Stadtratssitzung in der Rheingoldhalle.