StartÜberregionalKommentar zu Jens Spahn: Warum Glaubwürdigkeit nicht käuflich ist

Kommentar zu Jens Spahn: Warum Glaubwürdigkeit nicht käuflich ist

Wasser predigen, Wein trinken: Die bittere Doppelmoral im Fall Spahn

Kommentar von Stefan Heyde zu Jens Spahn: Machen wir uns nichts vor: Ein neugeborenes Kind ist ein Wunder und bringt pures Glück. Und natürlich wünsche ich dem kleinen Georg und seinen Eltern von Herzen nur das Beste für die Zukunft, das ist die rein private Seite.

Doch als jemand, der die Pflege und das Gesundheitssystem seit Jahren aus nächster Nähe kennt, kann ich die politische Dimension dieses Falls nicht einfach ausblenden. Der Politiker hat sich mit seinem Handeln in ein moralisches Abseits manövriert, aus dem es keinen anderen Ausweg als den Rücktritt von Jens Spahn gab.

Es geht hier nicht um Missgunst gegenüber Jens Spahn. Es geht um das unerträgliche Gefühl einer Doppelmoral, das bei vielen Menschen draußen im Land einen verdammt bitteren Beigeschmack hinterlässt.

Zwei Welten: Strenge Gesetze fürs Volk, teure Schlupflöcher für die Elite

Schauen wir uns doch mal die Realität an. In Deutschland ist die Leihmutterschaft verboten, aus guten Gründen. Unser Gesetz schützt Frauen davor, dass ihr Körper vermietet und zur Ware gemacht wird. Und was passiert nun? Wer wie Jens Spahn das nötige Kleingeld hat, und wir reden hier über Beträge zwischen 100.000 und 250.000 Dollar in den USA, fliegt einfach über den Atlantik und umgeht das hiesige Verbot komplett legal.

Das setzt ein verheerendes Signal an alle normalen Paare bei uns, die ungewollt kinderlos bleiben: Gesetze und moralische Tabus gelten in diesem Land anscheinend nur für diejenigen, die nicht das Geld haben, sich davon freizukaufen.

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Der moralische Kompass der Union im Sinkflug

Besonders bitter ist das Ganze für die CDU. Erst im Frühjahr hat die Partei auf ihrem Bundesparteitag mit viel Pathos beschlossen: Keine Aufweichung, kein Rütteln am Verbot der Leihmutterschaft. Und dann reist der eigene Fraktionschef in die USA und macht genau das, was seine Partei den Bürgern daheim aus tiefster moralischer Überzeugung verbieten will.

Die Ausrede aus dem Umfeld von Jens Spahn, das sei ja „privat“ und er wolle politisch am Verbot in Deutschland festhalten, setzt dem Ganzen die Krone auf. Das bedeutet übersetzt: „Für euch daheim halte ich die Praxis für ethisch so verwerflich, dass ich sie euch verbiete, aber ich selbst nutze sie im Ausland, weil ich es mir leisten kann.“  Das ist die pure Definition von Scheinheiligkeit.

Wasser predigen und Wein trinken funktioniert nicht mehr

Wenn Spitzenpolitiker das nächste mal im Bundestag emotionale Reden über Bioethik, den Schutz von Frauen oder gegen die Ökonomisierung des Lebens halten, wird ihnen niemand mehr zuhören. Wer im Inland den strengen Sittenwächter spielt, im Ausland aber die liberalen Früchte erntet, verliert jede politische Autorität.

Jens Spahn hat mit seinem schnellen Rücktritt vielleicht den nackten Schaden von seiner Fraktion abgewendet, aber das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Union liegt vorerst in Trümmern.

Denn politische Integrität lässt sich, im Gegensatz zu einer Auslandslösung, eben nicht einfach mit Geld kaufen.

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