Zukunftsfähig durchstarten, das haben viele Unternehmerinnen und Unternehmer pandemiebedingt getan oder tun müssen. Entstanden sind zukunftsweisende Ansätze, was aus Krisen entstehen kann. Das macht Hoffnung, auch wenn wir aktuell in eine neue Krise geraten sind, die uns allen bewusst macht, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Wir können dennoch gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und Gutes voranbringen – hier vor Ort, in Europa und darüber hinaus.

In unserer mehrteiligen Serie „Zukunftspotenziale von Unternehmen in unserer Region“ zeigen die Interviewpartnerinnen und -partner wie sie trotz aller Herausforderungen, mit Tatkraft –immer wieder- zukunftsfähig durchstarten.

In dieser Folge haben wir mit Kim Reuter über die Veränderungen im Galli Theater und seinen Blick auf die Kunst- und Kultur-Branche gesprochen

Das Galli Theater ist ein kleines Wohnzimmer-Theater in Mainz Gonsenheim, das im Sommer 2018 eröffnet wurde. Das Theater legt seinen Fokus besonders auf den Bereich Kinder-Theater, ist aber auch im Abend-Theater tätig. Zudem werden Kurse in Schulen und in den eigenen Räumlichkeiten für Kinder und Erwachsene angeboten. Kim Reuter ist Schauspieler und Regisseur und leitet das Theater gemeinsam mit Anna Hinrichs, die ebenfalls Schauspielerin und Regisseurin ist. Zum Team des Unternehmens gehören fünf weitere Akteure.

Wie haben Sie die Pandemie erlebt? 

Ich glaube die Kulturbranche allgemein war zwei Jahre im Lockdown. Das was jetzt mittlerweile wieder ermöglicht wird, ist schön. Aber ich denke viele Unternehmen sind immer noch nicht wirtschaftlich unterwegs und können die Kosten im Rahmen des aktuell Möglichen kaum decken. Wir selbst hatten nun zwei Jahre geschlossen, unter anderem auch, weil wir so ein kleines Theater sind. Normalerweise passen rund 30 Personen in unsere Räumlichkeiten, mit den aktuellen Regelungen hätten wir maximal 12 Personen rein lassen können. Da hätten wir die Preise enorm anheben müssen, um kostendeckend zu arbeiten und das geht natürlich nicht. Außerdem macht es auch den Zuschauern und den Schauspielern weniger Spaß, wenn kaum Zuschauer da sind.

Am 13. März konnten wir wieder öffnen, nach rund zwei Jahren in denen wir geschlossen hatten. Da wurde uns auch wieder bewusst, dass das Theater in Summe länger geschlossen war, als zuvor seit Gründung geöffnet. Während dieser Zeit waren wir aber nicht untätig. Im ersten Jahr der Pandemie haben wir viel im Internet gemacht. Von Live-Streams über Hörspiele haben wir vieles versucht. Das war uns auch ganz wichtig für die Psyche, dass wir einfach weiterhin tätig sein konnten und die Kunst und Kultur zu den Menschen nach Hause brachten. Daraus sind auch viele schöne Ideen entstanden aber man muss schon sagen, dass die wenigsten davon wirklich Geld eingebracht haben. Die Streams haben wir beispielsweise auf Spendenbasis angeboten. Das lief anfangs richtig gut, hat aber mit der Zeit natürlich nachgelassen, weil das Angebot im Netz auch einfach größer wurde.

Im Sommer haben wir dann viel Open Air gearbeitet und sind unter freiem Himmel aufgetreten, beispielsweise in einem Freibad oder dem Innenhof eines Restaurants. Zeitgleich haben wir ein weiteres Standbein ausgebaut, das für uns vor der Pandemie eher ein Nebengeschäft war, nämlich das mobile Theater für Kitas und Schulen. Wir sind also in Kitas und Schulen im Umkreis von rund 70 Kilometern aufgetreten, je nach Möglichkeit vor einzelnen Klassen oder auch vor mehreren Klassen. Das war natürlich super und hat uns sehr viel gegeben, dass wir wieder Live vor Publikum spielen und die Kinder erfreuen konnten. Wir waren da auch in einem ganz tollen Förderprogramm, wodurch die Auftritte mitfinanziert wurden und die Kitas und Schulen selbst somit weniger zahlen mussten. Finanziell war das mobile Theater, neben dem staatlichen Zuschuss, unser rettender Halm an den wir uns jetzt zwei Jahre lang geklammert haben.

Veranstaltungen abseits dieser eher kleineren Auftritte zu planen war auch für uns aber sehr schwer. Größere Veranstaltungen müssen natürlich immer mit ein paar Monaten Vorlauf geplant werden. Das war in der Pandemie kaum möglich, da man nie wusste, welche Maßnahmen bis dahin von der Politik beschlossen werden. Wir selbst mussten auch größere geplante Veranstaltungen absagen. Beispielsweise hatten wir uns in eine Location eingemietet für recht viele Veranstaltungen im Herbst / Winter 2020. Dafür waren wir fast ausverkauft mit je 100 Tickets pro Veranstaltung. Aufgrund neuer Beschlüsse mussten wir das alles absagen. Die Rückbuchungsgebühren von den bereits verkauften Tickets haben damals über 1.000 Euro betragen, was finanziell, aber auch für die Psyche schmerzlich war, weil wir so vielen Menschen absagen mussten. Dennoch haben wir daraus gelernt und planen seitdem nur noch recht kurzfristig.

Glauben Sie, dass man in Ihrer Branche künftig verstärkt auf kurzfristige Planung setzen wird? 

Ich glaube schon, dass man in unserer Branche zumindest in der aktuellen Situation anders und kurzfristiger planen muss. Auch bei den Besetzungen und den Stücken die man spielt, muss man vorsichtiger und kleiner planen, denn mit jeder weiteren Person steigt natürlich auch das Risiko, dass jemand vorher erkrankt und der Auftritt dann ausfällt. Zumal uns auch einige Aushilfen während der Pandemie natürlich weggebrochen sind, weil sie sich verständlicherweise einen neuen Nebenjob gesucht haben. Wir fangen jetzt also so ein bisschen auch wieder von vorne an.

Auch von vielen Kollegen habe ich gehört, dass sie sich im Laufe der Pandemie etwas Anderes gesucht haben, um Geld zu verdienen. Als Künstler ist es sowieso kein sicheres Boot auf dem man fährt und ich glaube da ist es besonders in stürmigen Zeiten wichtig, dass man ein zweites Standbein hat wodurch man sich absichern kann.

Welche Veränderungen in der Branche sehen Sie langfristig durch Corona? 

Ich glaube, dass aus der Pandemie bestimmt viele gute Ideen entstanden sind, die auch in die weitere Arbeit der Branche mit einbezogen werden. Wir werden beispielsweise das mobile Theater weiterführen und mit diesem zweiten Standbein weiterhin arbeiten. Ich denke daher schon, dass die Branche auch künftig flexibler wird als sie es früher war.

Gleichzeitig hoffe ich auch, dass sich die Szene besser organisiert, dass man mehr zusammenarbeitet und sich vernetzt. Denn letztlich sitzt man doch zusammen in einem großen Boot und hat das gleiche Ziel.

Viele Menschen haben während der Pandemie meines Erachtens auch bemerkt, wie wichtig die Kunst und Kultur ist und dass man sich danach sehnt, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist. Es gab da ja eine lange Diskussion über die Systemrelevanz und ich glaube es ist wichtig, dass wir jetzt wissen: Ja die Kunst und Kultur ist ein wichtiger Bestandteil, auch für die Wirtschaft. Da ist zu hoffen, dass diese Wichtigkeit auch weiterhin gesehen wird und die Branche dementsprechend von der Politik gefördert wird.

Ich möchte daher auch abschließend appellieren, dass die Menschen, jetzt wo die Möglichkeit besteht, wieder die Theater, Kinos und andere Einrichtung besuchen und somit die Branche unterstützen. Wir sind alle gut vorbereitet und haben ein sicheres Hygienekonzept. Genau jetzt braucht die Szene die Bürger als Zuschauer und Unterstützer.


Kommentar von Anke Schiffer-Chollet

Anke Schiffer-Chollet, Coach bei Restart

 

„Im Tun bleiben war für Kim Reuter und seine Kolleginnen und Kollegen vom Galli Theater die Devise der letzten zwei Jahren – mit Erfolg. Die Kulturszene steckt voller Potentiale und ist in mehrfacher Weise ein sehr relevanter Faktor für unsere Gesellschaft.“

 

 

 


Über Restart

Sie sind selbständig oder haben ein kleines Unternehmen und stecken gerade auch mitten in Veränderungen oder Schwierigkeiten? Gerne sortieren wir mit Ihnen gemeinsam Ihre Fragen, Ideen und Themen und erarbeiten Wege, damit Sie (wieder) zukunftsfähig durchstarten können. Möchten Sie mitmachen? Sie erreichen das Team unter www.restart.vision, per Mail an restart@mki-ev.de oder telefonisch unter 06131 217 11 92.

Die Teilnahme an „Restart – zukunftsfähig durchstarten“ ist für Selbständige, Freiberufler/-innen und Kleinstunternehmen in Rheinland-Pfalz kostenfrei. Dies wird ermöglicht durch die Förderung im Rahmen der Arbeitsmarkt­initiative #rechargeRLP. Sie wird durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz aus Mitteln des EU-Hilfsprogramms REACT-EU über den Europäischen Sozialfonds (ESF) umgesetzt.