Zukunftsfähig durchstarten, das haben viele Unternehmerinnen und Unternehmer pandemiebedingt getan oder tun müssen. Entstanden sind zukunftsweisende Ansätze, was aus Krisen entstehen kann. Das macht Hoffnung, auch wenn wir aktuell in eine neue Krise geraten sind, die uns allen bewusst macht, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Wir können dennoch gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und Gutes voranbringen – hier vor Ort, in Europa und darüber hinaus.

In unserer mehrteiligen Serie „Zukunftspotenziale von Unternehmen in unserer Region“ zeigen die Interviewpartnerinnen und -partner wie sie trotz aller Herausforderungen, mit Tatkraft –immer wieder- zukunftsfähig durchstarten.

In dieser Folge sprachen wir mit Antje Schubert, Inhaberin vom ´s Fachl in Mainz, über ihre Erfahrungen bei der Gründung in der Pandemie.

Antje Schubert hatte schon lange den Traum, sich im Bereich Einzelhandel selbstständig zu machen. Sie wollte regionale und authentische Produkte vertreiben und hat dafür einen guten Partner gesucht. Das österreichische Franchiseunternehmen `s Fachl überzeugte sie mit einem nachhaltigen Konzept und ausgereiften Warenwirtschaftssystem. Sie eröffnete ihr Geschäft in Mainz im August 2021. Aktuell beschäftigt sie drei Mitarbeiter/-innen in verschiedenen Anstellungsformen.

Wie funktioniert das Konzept von ´s Fachl?

Das Unternehmen stellt auf der einen Seite kleinen Manufakturen aus der Region eine stationäre Vertriebsmöglichkeit zur Verfügung. Häufig sind das Start-Ups, Nebenerwerbler und Hobby-Künstler, die noch in den Anfängen stecken und meist bei großen Handelsketten und etablierten Einzelhändlern keinen Fuß in die Tür bekommen. Diese schließen mit uns einen Mietvertrag und präsentieren ihre Waren in ihrem eigenen „Fachl“. Das sind schöne Holzkisten, die den Kern unseres Ladenbaukonzept darstellen. Wir bringen auf unserer Fläche also viele Produkte von unterschiedlichen Unternehmen und Einzelpersonen zusammen und sind für die Hersteller Fach für Fach eine Verkaufsplattform. „Retail as a service“ ist das Stichwort.

Auf der anderen Seite ist da der Endkunde, der hier zum Einkaufen in den Laden kommt. Der findet bei uns mitten in der Innenstadt einen permanenten Kunsthandwerkermarkt, einen permanenten Hofladen, Wochenmarkt, Vinothek, Design-Markt. Je nachdem wie unsere Sortimente gerade aufgebaut sind und die Fläche aktuell von unseren Mietern bespielt wird, ändert sich für die Kunden das Angebot aber auch immer wieder ein wenig, so dass es jederzeit spannend und attraktiv bleibt, dem Laden einen Besuch abzustatten. Dabei ist unser Anspruch immer „mit den Händen gemacht oder dem eigenen Kopf erdacht“. Auch das Thema Nachhaltigkeit wird bei unseren Produzenten sehr groß geschrieben.

Sie haben mitten in der Pandemie gestartet. Inwiefern haben Sie erlebt, dass Ihre Anbieter durch Corona beeinflusst wurden?

Für die ganzen Künstler und Produzenten waren die letzten zwei Jahre ein absoluter Albtraum und für einige sind sogar massive existenzielle Probleme entstanden. Viele investieren neben viel Energie und Zeit ihr gesamtes freies Budget in die Rohstoffe und Materialien und möchten dann auf Sommer- oder Adventsmärkten ihre Waren verkaufen. Der ganz überwiegende Teil dieser Märkte und Events hat nicht stattgefunden und infolge haben die Anbieter volle Lager und leere Portemonnaies.

Die Verlagerung auf den Online-Handel wie beispielsweise die Plattform Etsy ist nicht für alle Produkte möglich und auch die Reichweite und Auffindbarkeit unter den sich dort tummelnden tausenden Verkäufern ist ein großes Problem. Einige lehnen diesen Distanzhandel mit ihren Erzeugnissen ohnehin auch aktiv ab, sodass dann am Ende praktisch gar kein Absatz mehr stattfindet.

Auf der anderen Seite bekommen wir von einigen Produzenten aber auch gesagt, dass die Pandemie sie erst geweckt habe. Dass sie dadurch viel mehr Zuhause gewesen sind, einen Ausgleich brauchten zum Home-Office und sie dadurch ihre kreative Ader entdeckt haben. So ist es beispielweise auch einigen Vätern und Müttern, welche die Elternzeit Zuhause unter Pandemie-Bedingungen verbracht haben, ergangen. Große Treffen mit anderen oder die ganzen Veranstaltungen und Kurse, die sonst das erste Lebensjahr des eigenen Kindes bestimmen, waren nicht möglich und so hat mancher sich selbst in den Blick genommen und begonnen seine Talente produktiv zu leben. Teilweise hören wir da wirklich spannende Geschichten.

Wann haben Sie sich entschlossen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen? 

Die konkrete Entscheidung habe ich ganz kurz nach Beginn der Pandemie getroffen, allerdings hatte ich den Wunsch schon sehr lange. Ich war vorher für einen europäischen Arbeitgeber tätig, weshalb Home-Office für mich sowieso schon immer die Regel war. Als ich mich aber mit der ganzen Familie, also drei Kindern und Partner, tagtäglich zuhause im Ausbalancieren von 2 Vollzeitobs und Home-Schooling befand, war das auch für mich eine sehr ungewohnte Situation. Das hat dann für mich den entscheidenden Initial-Kick gegeben, mich nochmal umzuschauen, was ich eigentlich will und wo die Reise hingehen soll. So war vielleicht auch gerade in der Krise genau der richtige Moment für meinen persönlichen Richtungswechsel entstanden.

Ich habe mich dann ganz aktiv auf die Suche nach einem nachhaltigen Franchiseunternehmen begeben. Franchise hat oft ein schlechtes Image. Wenn jemand sich schon mal die grundsätzlichen Probleme und Herausforderungen einer bestimmten Unternehmung überlegt und dafür schon eine Lösung implementiert hat, dann finde ich das gar nicht abschreckend. Im Gegenteil, ich finde Franchise ist einfach eine sichere Basis, auf der stehend man dann seine eigenen Fähigkeiten optimal einsetzen kann.

Der Kontakt war schnell hergestellt und die Rückmeldung aus Österreich war direkt sehr positiv. Es hat dann zwar noch vier Monate gedauert, bis ich die Gelegenheit hatte, mir das erste Geschäft live anzuschauen, eben wegen der Pandemiebedingungen und Quarantäneregeln. Als ich dann aber vor Ort im ´s Fachl stand war mir direkt klar, dass ich genau solch einen Laden und mit genau diesem Konzept auch für meine Heimatstadt Mainz haben will.

Inwiefern waren Sie von der Pandemie betroffen?

Wir selbst haben bislang noch keinen richtigen Lockdown erlebt, hatten aber natürlich trotzdem Einschränkungen was zum Beispiel das Thema Verkostungen angeht. Dabei wäre dies eigentlich sehr wichtig für die Anbieter, die aus dem Bereich der Kulinarik kommen. Da könnte man normalerweise schöne Events anbieten. Oder eben auch Kreativworkshops mit unseren Künstlern und Handwerkern. Das war alles leider jetzt nicht möglich und das schränkt uns schon deutlich ein. Dann hatten wir natürlich noch die 2G-Regel hier im Einzelhandel – das mitten im Vorweihnachtsgeschäft umzusetzen war wirklich eine extreme Herausforderung, vor allem personell. Generell sind wir aber extrem zufrieden mit dem Standort in der Mainzer Innenstadt in einer guten Lage, nahe zum Schillerplatz, dem Dom und den Fußgängerzonen.

Was ist ihr Ziel für die Zukunft? 

Mein Ziel ist es auf jeden Fall zu expandieren. Beispielsweise könnten wir unser Konzept mit „´s Fachl Eck“ als Mini-Version an Partner hier in der Region geben. Es ist natürlich super, wenn ich mir vorstelle, unten beim Köln-Düsseldorfer Schiffsanleger einen Turm aus acht Fächern hinzustellen, wo im Wechsel zum Beispiel die sechs Winzer die ich habe ihre Produkte anbieten können. Denkbar wäre auch eine kleine Ecke in einer Mainzer Hotel-Lobby, die unsere Anbieter immer wieder mit neuen handgemachten regionalen Mitbringseln bestücken. So etwas ist absolut mein Ziel.

Was wir auch planen, ist unseren Anbietern eine größere Reichweite über die Webseite zu ermöglichen. Im Frühsommer werden wir dafür auch einen eigenen Webshop für die einzelnen Franchise-Standorte anbieten. Die Kunden können sich darüber dann die Produkte reservieren oder kaufen und anschließend als Click & Collect abholen oder liefern lassen.

Ich kann mir auch noch ganz viele andere Nischen, Dienstleistungen und Produktbereiche vorstellen, in denen die Bündelung individueller Angebote möglich wäre. Wenn andere solche Ansätze und Ideen ebenfalls umsetzen, sehe ich das auch absolut nicht als Konkurrenz oder Gefahr an, sondern als gemeinsamen Spirit für die Innenstadt. Denn ich möchte hier wieder eine gemeinsame Kultur haben, die Einkaufen und Erleben in der City verbindet.

Gab es Unterstützung, die Sie während der Gründung erhalten haben? 

Ich habe tatsächlich ein Coaching-Angebot von Eule e.V. angenommen, welches für mich äußerst wertvoll war. Ich war in meiner Planung zu dem Zeitpunkt schon sehr fortgeschritten, was das Ganze zum Teil etwas erschwert hat, weil mein Coach natürlich im Prinzip wollte, dass ich nochmal an den Punkt Null zurückgehe. Im Nachhinein war das Coaching aber trotzdem sehr hilfreich. Ansonsten habe ich mich auch einfach viel in meinem Netzwerk umgehört und mit Menschen gesprochen, die irgendetwas produzieren, Märkte besuchen oder die sich schon mehr mit Werbung auf Social Media auseinandergesetzt hatten.

Natürlich war auch mein privates Umfeld komplett involviert und das ist auch im Coaching und bei der Beratung von Gründern etwas, das man nicht außer Acht lassen sollte. Ich denke es wäre gut, wenn man sich da auch immer mit anschaut, wo die Leute herkommen, welches private Umfeld sie haben und aus welcher Lebenssituation heraus da gerade gegründet wird. Das wäre etwas, das ich mir auch für andere Gründer noch wünschen würde, dass man die Persönlichkeit ganzheitlich betrachtet und das Training nicht nur auf das Unternehmerische, Finanzielle und die Skills reduziert.


Kommentar von Nevin Urunc

Restart Nevin Urunc
Nevin Urunc, Coach bei Restart

Mit dem `s Fachl setzt Antje Schubert ein neuartiges Konzept kreativ um: Mit dieser Art der „realen Marketing-Plattform“ wird dabei ein etwa von IHK-Präsident Peter Hähner im vorangegangenen Interview empfohlener Gedanke aufgegriffen: Durch Kooperationen zwischen Unternehmen zur Stärkung von Regionalität und der Innenstadtattraktivität beizutragen und dabei Chancen für alle gemeinsam zu stärken.

Antje Schubert berichtet, wie sie in der Home-Office Zeit mit Partner und drei Kindern den Mut und die Initiative aufbrachte, und schließlich ihren lang ersehnten Wunsch eines eigenen Geschäftes umzusetzen- und das mitten in der Pandemie. Wir finden es wichtig, dass ihr Beispiel anderen Unternehmern/-innen Mut macht, ihren individuellen Weg zu gehen.


Über Restart

Sie sind selbständig oder haben ein kleines Unternehmen und stecken gerade auch mitten in Veränderungen oder Schwierigkeiten? Gerne sortieren wir mit Ihnen gemeinsam Ihre Fragen, Ideen und Themen und erarbeiten Wege, damit Sie (wieder) zukunftsfähig durchstarten können. Möchten Sie mitmachen? Sie erreichen das Team unter www.restart.vision, per Mail an restart@mki-ev.de oder telefonisch unter 06131 217 11 92.

Die Teilnahme an „Restart – zukunftsfähig durchstarten“ ist für Selbständige, Freiberufler/-innen und Kleinstunternehmen in Rheinland-Pfalz kostenfrei. Dies wird ermöglicht durch die Förderung im Rahmen der Arbeitsmarkt­initiative #rechargeRLP. Sie wird durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz aus Mitteln des EU-Hilfsprogramms REACT-EU über den Europäischen Sozialfonds (ESF) umgesetzt.