Die Ausgangssperre vertreibt sie momentan von der Straße. Doch in der Notunterkunft in der Alten Ziegelei in Mainz treffen Obdachlose auf Zustände, die eher geeignet sind, die Pandemie zu befördern: Fünf Mann in einem Zimmer, ein Kommen und Gehen, aber keine Corona-Schnelltests und bedenkliche hygienische Bedingungen.


BYC-News war in der Nacht zum Mittwoch unterwegs. Rund um den Hauptbahnhof hat die Redaktion Obdachlose getroffen. Trotz der Rückkehr des Winters und trotz der Kontrollen wegen der nächtlichen Ausgangssperre bleiben einige lieber auf der Straße.

Die Situation in der Alten Ziegelei am Rande von Mainz-Bretzenheim sei nicht gut: In Fünf-Bett-Zimmern müssten sie schlafen. Sie kämen mit vielen Leuten in Kontakt. Auf Corona getestet würde aber niemand. Und auch sonst fehle es an Einfachstem – etwa an Toilettenpapier.

Kontrollen während der Bürozeiten

BYC-News fragt bei der Stadt nach: Gibt es an der Alten Ziegel regelmäßige Kontrollen, etwa Corona-Tests? Die Antwortet lautet: „Nein.“ Es gebe eine Corona-Verordnung, deren Einhaltung werde kontrolliert – „insbesondere während der Bürozeiten“. In Wort, Bild und Schrift würden die Bewohner über die jeweils gültigen Regelungen informiert.

Über die hygienischen Zustände hatte BYC-News am Rande bereits informiert. Mittlerweile ist es der Redaktion gelungen, sich ein genaueres Bild zu machen. Dazu gibt es unterschiedliche Sichtweisen: Wir sehen Essensreste auf dem Boden und Kotspuren in der Toilette – Toilettenpapier fehlt vor Ort, Putzmittel, Handtücher, Waschlappen auch. „Die Unterkunft befindet sich grundsätzlich in einem, der Nutzung entsprechenden, sauberen Zustand“, sagt indes die Stadt.

Die Obdachlosen schildern unserer Redaktion: Durch die Küche liefen Mäuse, in den Schlafräumen seien Mäusefallen aufgestellt, ein Großteil der Bewohner laufe barfuß durch die Bäder, Toiletten, Zimmer – und durch die Küche. Auf Nachfrage, ob es Desinfektionsmittel oder Putzmittel gebe, habe ein Hausmeister gesagt: Hier müsse niemand putzen, das mache eine Firma. Auch Corona-Masken gebe es keine.

Keine Laken für die Matratzen

Die Bewohner würden auf den Matratzen schlafen, ohne Laken – Bettzeug gebe es: Kissen und Decken. Aber keine Schutzbezüge. Einer habe seine Matratze mit einem Kreuz markiert. Die selbe Matratze war zwei Nächte später noch an der gleichen Stelle – aber es schlief jemand anderes drauf.

Ein Heizkörper sei über Nacht aus der Verankerung auf den Boden gefallen. Dann wurde er repariert. Notdürftig. Mit Kabelbindern und einem Tuch.

Für die Reinigung der Räume, der Flure und Küchen sind die Bewohner selbst zuständig, teilt die Stadt auf Nachfrage mit. Bad und Toiletten würden durch eine Reinigungsfirma „desinfektionsgereinigt“.


Die Alte Ziegelei gehört der Stadt Mainz. Zusätzliche Kosten entstünden durch die Unterbringung der Obdachlosen nicht. Eigentlich sind in der Alten Ziegelei Flüchtlinge untergebracht. Diese teilen sich jetzt die Räume mit den Obdachlosen.

Die Alte Ziegelei ist eine Notlösung, räumt die Stadt ein: „Es handelt sich um eine kurzfristige, vorübergehende Maßnahme, zu der wir uns mit Bekanntwerden der Verhängung einer Ausgangssperre entschieden haben.“ Die Container am Fort Hauptstein, mit denen über den Winter zusätzliche Schlafplätze geschaffen wurden, hatte die Stadt zuvor abgebaut.

Obdachlose entscheiden selbst

Über die Wohnumstände hinaus hatte es auch unterschiedliche Ansichten über den Ablauf der Nächte in der Alten Ziegelei gegeben. Die Malteser, die für die Stadt die Unterkunft betreuen, hatten anfangs die Position vertreten, dass in der Ziegelei nur unterkomme, wer von der Polizei oder dem Ordnungsamt gebracht werde – als Reaktion auf die nächtliche Ausgangssperre.

Das hat die Stadt nun in der Antwort an BYC-News richtiggestellt: Grundsätzlich würden die Betroffenen selbst entscheiden, ob sie um Unterkunft in der Alten Ziegelei bitten: „Alle anderen in der Betreuung tätigen Organisationen, Vereine und Ehrenamtliche können hier unterstützen.“