Wenn am Ostersonntag die Kirchenglocken in Bad Kreuznach läuten, wird Malik genau sagen können, wann die Pauluskirche einsetzt. Denn Malik ist Experte für Kirchenglocken. Er liebt den Klang und kann sie aus vielen Kilometern Entfernung zuordnen. Malik ist 13 Jahre alt – und Autist. Am Freitag ist Weltautismustag und das Sozialpädiatrische Zentrum Bad Kreuznach weist aus diesem Grund auf die Situation der Betroffenen hin. Conny Pala erzählt anlässlich des Weltautismustags, wie besonders ihr Sohn Malik den Alltag macht. Dass ihr Kind anders sei, habe sie schon wenige Monate nach der Geburt festgestellt: „Und je älter der Junge wurde, desto mehr klaffte die Schere im Vergleich zu anderen Kindern auf.“

Schon früh habe sie mit Malik das Sozialpädiatrische Zentrum in Bad Kreuznach aufgesucht. Eine verzögerte Entwicklung sei typisch für „Autismus-Spektrum-Störungen“, sagt Dr. Susanne Metzger, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin am Zentrum. So hätten die Mitarbeiter mit Malik das Sitzen und Krabbeln geübt. „Er hat spät angefangen zu laufen und als er es konnte, hatte man das Gefühl, er müsste all die Zeit, in der es noch nicht konnte, durch seinen Bewegungsdrang ausgleichen“, erzählt Conny Pala.

Nicht nach Kontakten gesucht

Doch neben der verzögerten Entwicklung bemerkte seine Mutter noch etwas bei Malik: Ihr Sohn suchte nicht den Kontakt zu anderen Kindern. „Autisten können oft Gefühle anderer Menschen nicht interpretieren“, sagt Dr. Susanne Metzger. Deswegen böte das Zentrum  Sozialkompetenztraining an: Mit Bildkarten, auf denen Menschen mit verschiedenen Gesichtsausdrücken zu sehen sind, lernen die Kinder, wie ein trauriges oder ein lachendes Gesicht aussehen. Auch, was in solchen Momenten von ihnen erwartet wird.
Die Autisten selbst hätten wiederum eigene Bedürfnisse: So müsse Maliks Wunsch nach Ruhe und festen Strukturen berücksichtigt werden. Aus Conny Pala hat das selbst, wie sie sagt, eine Kommunikationsexpertin im Umgang mit ihrem Sohn gemacht. Wenn sie ihn zum Beispiel beim Namen ruft, winkt sie ihn heran: „Ich muss Sprache für ihn oft zusätzlich visualisieren.“

Bitte um Sensibilität

Anlässlich des Weltautismustages bitten Conny Pala und das Sozialpädiatrische Zentrum um Sensibilität. So sei es etwa wichtig, nicht von einer Behinderung zu reden, unter der die Betroffenen litten: „Sie leben mit, sie leiden nicht“, müsse es richtig heißen.
Auch sei das Vorurteil falsch, Autisten hätten keine Gefühle oder seien stumpf: „Malik spürt und registriert jede Veränderung“, beobachtet seine Mutter. Viel aufmerksamer als andere Kinder.

Freude über Schranke

Der Besuch der Bethesda Schule der Stiftung kreuznacher diakonie helfe Malik sehr: Er hat Lesen, Schreiben und vieles mehr gelernt. Seine Mutter wünscht sich für ihn einen Arbeitsplatz, an dem er „nicht stur immer nur einen Handgriff machen muss. Er liebt Tiere. Ein Bauernhof wäre ideal.“ Sie ist fasziniert von seiner Detail-Verliebtheit, die ihren eigenen Blick verändert und geschärft hat.
Neben den Kirchenglocken hat Malik noch ein zweites Spezial-Gebiet: „Er kennt jeden Zug und sämtliche Zugverbindungen. Mein Kind ist wohl der einzige Mensch, der sich total darüber freut, wenn am Bahnübergang in der Rheingrafenstraße in Bad Kreuznach die Schranke runter geht und wir warten müssen.“

Sozialpädiatrie in Rheinland-Pfalz unterversorgt

Das Sozialpädiatrische Zentrum Bad Kreuznach ist nach eigenen Angaben wie die meisten Zentren in Rheinland-Pfalz seit Jahren unterfinanziert. Deshalb hätten die Kinderärzte in Bad Kreuznach und in Simmern eine Petition gestartet und fast 1700 Unterschriften gesammelt, weil sie die ambulante Versorgung von Kindern mit sozial- oder neuropädiatrischem Behandlungsbedarf im Landkreis Bad Kreuznach als akut gefährdet sehen.