Am Montagabend (17. Januar 2022) waren wieder zahlreiche Spaziergänger in Bingen unterwegs, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Zeitgleich waren mehrere Gegendemonstrationen an unterschiedlichen Orten angemeldet. BYC-News war bei der Gegendemo auf dem Neff-Platz in Bingen vor Ort.


Kundgebung blieb friedlich

Alle Gegendemonstrationen wurden von Mitgliedern des Zusammenschlusses „Buntes Bingen“ angemeldet. Buntes Bingen besteht aus Mitgliedern verschiedenster Organisationen, Parteien und Initiativen und steht für Toleranz, Demokratie und Solidarität der Bürger der Stadt. Gegen 18:10 Uhr begann sich der Neff-Platz zu füllen und immer mehr Gegendemonstranten kamen. Als gegen 18:30 Uhr die Kundgebung begann, befanden sich rund 50 Personen auf dem Neff-Platz, um gegen die Spaziergänger Stellung zu beziehen. Ausgerüstet waren sie mit Schildern auf denen beispielsweise stand „Kein Schritt nach rechts“ oder „Wer mit Nazis spaziert, hat nix kapiert“.

Nach kurzer Begrüßung und Stellungnahme des Initiators der Veranstaltung, hielt die Sprecherin des Jugendzentrums Bingen eine Rede. Vorab erklärte sie, dass die Rede nicht von ihr, jedoch von einer ihr bekannten Pflegekraft geschrieben wurde.

Die Zeilen einer Pflegefachkraft:

„Nass geschwitzt komme ich aus dem Isolierzimmer raus. Und nass geschwitzt liege ich abends zuhause im Bett mit den ganzen Ängsten von der Arbeit. Sorgen, den Bedürfnissen der Patienten nicht gerecht zu werden, Verlust, Trauer und die ständige Angst, seine Liebsten und sich zu gefährden. Von Außen hört man oft nur Fallzahlen, Todesraten und Intensivkapazitäten. Die Pflegenden und die Mitarbeitenden in den Krankenhäusern allerdings beschäftigen sich mit den Menschen hinter diesen Zahlen. Wir sind die, die viele der tausenden Erkrankten rund um die Uhr begleiten und versorgen. Für zu viele auch die letzten Menschen, die sie zu Gesicht bekommen. Es war schön zu sehen, als die Menschen, die nicht in den Positionen waren etwas zu ändern für uns klatschten und Solidität zeigten. Nicht schön zu sehen war es, wie sich Politiker und Menschen mit Reichweite beim Klatschen filmen ließen und dachten, damit sei es getan. Mit diesen Heucheleien können wir keine Menschen pflegen. Diese Symbolakte – und seien sie noch so nett gemeint – retten keine Menschenleben oder entlasten mich und meine Kollegen. Wie beschissen ist es denn bitte immernoch an dem gleichen Punkt zu stehen wie vor einem Jahr. Als hätte man nichts dazugelernt. Als wäre der Ernst der Lage nicht offensichtlich. Ich habe auch langsam keine Lust mehr aufmerksam zu machen. Alles ist gesagt und alle Missstände aufgedeckt. Jetzt wäre es Zeit zu handeln und auch mal zu halten, was man immer wieder verspricht. Aber ich weiß, dass Wandel Zeit braucht und dieser nicht von heute auf morgen geschieht. Aber die Zeit war da. Den Notstand in unserer Pflege gibt es schon seit Jahrzehnten. Die Pandemie seit 2,5 Jahren. Ich frage mich, wie viele Tote und Schwerkranke müssen noch im Krankenhaus liegen, um den Ernst der Lage wahrzunehmen. Wie viele ausgebrannte und überlastete Pfleger und Mediziner, die um Hilfe rufen, muss es noch geben, um der Realität ins Auge zu sehen. Wie laut sollen Pfleger, Intensivmediziner, Wissenschaftler euch noch warnen, bis ihr uns glaubt und nicht den Schmutz aus Telegram und der Springer-Presse? Wie lange müssen Krankenhäuser noch zu Grunde privatisiert werden, um auf dem Rücken von Kranken und Arbeitern Gewinne zu erzielen, bis endlich wieder der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht das verdammte Kapital und der Profit. Wir sind wütend, frustriert und ermüdet. Trotzdem kämpfen wir jeden Tag mit voller Kraft gegen das Versagen beim Infektionsschutz. Wir brauchen kein Mitleid. Wir möchten echten Respekt und ehrliche Anerkennung für unsere Leistungen. Denn das Wichtigste ist, dass endlich gehandelt wird von Politik, Betrieben, Industrie und Gesellschaft. Denn das Nichthandeln ist das Schlimmste, was in dieser Pandemie getan werden kann“

Die Gegendemonstration auf dem Neff-Platz war die gesamte Zeit über sehr ruhig. Alle Personen trugen Masken und hielten die vorgeschriebenen Mindestabstände ein. An anderen Stellen im Stadtgebiet Bingen war dies allerdings nicht der Fall.

Auseinandersetzungen an anderen Stellen in Bingen

Wie die Polizei mitteilt, versammelten sich im Stadtgebiet Bingen rund 150 Corona-Aktivisten. Im Stadtteil Bingen-Büdesheim waren ebenfalls 150 Corona Aktivisten unterwegs. Der an verschiedenen Örtlichkeiten angemeldete Gegenprotest setzte sich aus insgesamt rund 115 Teilnehmenden zusammen. Die Corona-Aktivisten und Personen des Gegenprotestes musste die Polizei zwischenzeitlich mit einer Polizeikette voneinander trennen. Die Aufzüge der Corona Aktivisten wurden an mehreren Stellen immer wieder von Personen des Gegenprotestes blockiert. Es wurden insgesamt 10 Personenkontrollen durchgeführt. Ein Polizeibeamter wurde durch den Einsatz einer „Gashupe“ am Gehör verletzt. Der Täter konnte identifiziert werden. Es wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.