BYC-NewsIngelheimKultur IngelheimDie Geschichte der Burgkirche in Ingelheim

Die Geschichte der Burgkirche in Ingelheim

Einzigartige Wehrarchitektur und spätgotische Pracht: Die vollständige Chronik der Ingelheimer Burgkirche St. Wigbert

Geschichte der Burgkirche in Ingelheim – Die Burgkirche im rheinhessischen Ingelheim am Rhein (Landkreis Mainz-Bingen) ist weit mehr als ein sakrales Gebäude. Als ehemalige St. Wigbert-Kirche stellt sie eines der bedeutendsten Beispiele für spätgotische Wehrkirchen im süd- und westdeutschen Raum dar. Ihre Geschichte erstreckt sich über ein Jahrtausend und ist untrennbar mit dem Aufstieg des lokalen Adels und der strategischen Verteidigung des Ingelheimer Grundes verbunden.

Die frühe Geschichte der Burgkirche in Ingelheim: Von den Franken bis zur Romanik

Bereits im 7. Jahrhundert wurde an der exponierten Stelle am östlichen Ortsrand von Ober-Ingelheim eine Kapelle errichtet. Diese gehörte zu einem fränkischen Friedhof und war vermutlich eine Filiale der Nieder-Ingelheimer Remigiuskirche. Karl der Große übergab das Gebäude sowie die damit verbundenen Zehntrechte dem Kloster Bad Hersfeld.

Im 12. Jahrhundert wich der kleine Bau einem einschiffigen, romanischen Neubau mit flacher Decke. Aus dieser Zeit stammt der heute noch existierende, markante Turm. Ab 1051 war die Kirche dem Heiligen Wigbert, dem Schutzpatron des Klosters Bad Hersfeld, geweiht. Im Jahr 1296 veräußerte das Kloster das Patronat an das Mainzer Domkapitel, welches bis in die Reformationszeit hinein die Rechte behielt.

Die spätgotische Metamorphose (1404–1485)

Anfang des 15. Jahrhunderts begann die transformation in das heutige spätgotische Bauwerk. Die Bauphasen lassen sich exakt datieren:

  • Der Chor (1404): Der neue 5/8-Chor wurde über dem romanischen Vorgängerbau errichtet. Um Kosten zu sparen, ließ man Teile des alten Mauerwerks stehen und integrierte sogar alte Nadelholz-Dachbalken.

  • Das östliche Langhaus (bis 1431): Zunächst als Basilika geplant, erkennt man heute noch zugemauerte Obergadenfenster. 1434 änderte man das Konzept jedoch zugunsten einer Staffelhalle.

  • Das westliche Langhaus (1450–1462): Unter Werkmeister Peter Arnold aus Bingen wurde der Bau vollendet. Der Zimmermann Nikolaus Holzhauser schuf das gewaltige Satteldach, das heute alle drei Schiffe einheitlich umspannt.

  • Abschluss (1485): Mit der Verglasung der Fenster durch Hen Scherer galt der Ausbau als beendet.

Architektur und Wehranlage: Ein Bollwerk des Glaubens

Die Kirche liegt am Hang des Mainzer Berges, dem höchsten Punkt von Ober-Ingelheim. Sie ist von einer massiven Wehrmauer umgeben, die stellenweise bis zu zwei Meter dick und acht Meter hoch ist. Ein verstärkter Zwinger und Zinnen unterstreichen den defensiven Charakter.

Der romanische Turm

Der dreistöckige Turm ist ein Meisterwerk der Romanik. Er besitzt Zwillings- und Drillingsfenster sowie einen Rundbogenfries. Im 15. Jahrhundert wurden der wehrhafte Zinnenkranz und das Erkertürmchen aufgesetzt. Im Mittelalter war der Turm nur mittels einer Leiter zugänglich – ein klassisches Verteidigungsmerkmal. Das Erdgeschoss diente jahrhundertelang als Archiv der Ingelheimer Gerichte, wo Akten und die berühmten „Haderbücher“ (Prozessführungsakten) lagert wurden.

Die Westfassade

Charakteristisch sind die zwei Spitztürme der Westfassade. Der südliche beherbergt eine vorspringende Wendeltreppe. Das große Maßwerkfenster ist mit den für die Spätgotik typischen Fischblasenmotiven verziert.

Das Marienfenster

Im Chor befindet sich das Marienfenster von 1406. Es zeigt die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Joseph wird hierbei hinter einem weißen Schleier dargestellt. Im oberen Teil sieht man die Marienkrönung, flankiert von Petrus und St. Wigbert. Da die Ingelheimer Gemeinde nach der Reformation protestantisch wurde, ersetzte man 1956 die ursprünglichen mittelalterlichen Texte der Propheten durch Zitate aus dem Neuen Testament (Röm 1,17 und Gal 5,6).

Die Epitaphe der Adeligen von Ingelheim

Die Burgkirche war die zentrale Grabstätte des Ober-Ingelheimer Adels. Trotz der Schändungen im Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution sind bedeutende Denkmäler erhalten:

  • Philipp von Ingelheim († 1431): Ein Ritter im Plattenpanzer, gefallen in der Schlacht von Bulgnéville.

  • Wilhelm von Ockenheim († 1465): Mitschöffe und Schultheiß, dargestellt mit Streitaxst.

  • Familie Villanova de Lopes: Ein barockes Denkmal für die Opfer der Pestwelle von 1666.

Zerstörung, Reformation und Wiederaufbau

Die Burgkirche Ingelheim Geschichte ist auch geprägt von Rückschlägen. 1674 brannte der Glockenturm nach einem Blitzschlag völlig aus. In der Zeit von 1690 bis 1707 wurde das Gebäude simultan von Katholiken und Protestanten genutzt, bevor es endgültig der evangelischen Gemeinde zugesprochen wurde.

Johann Wolfgang von Goethe besuchte die Kirche am 5. September 1814 und beschrieb ihren damals schlechten Zustand sowie den „wunderbaren Gebrauch“, Totenkronen aus Draht und Papier für unverheiratete Verstorbene in der Kirche aufzuhängen.

Moderne Restaurierung

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Kirche weitgehend unbeschadet, da das wertvolle Marienfenster rechtzeitig ausgebaut worden war. In den Jahren 1998 bis 2006 fand eine umfassende Restaurierung statt. Dabei wurden die aus dem 15. Jahrhundert stammenden Pflanzornamente am Gewölbe und die ursprüngliche Farbfassung (gelblicher Ocker und Oxidrot) wiederhergestellt.

Orgel und Geläut

  • Stumm-Orgel (1755): Die barocke Orgel der berühmten Orgelbauerfamilie Stumm ist ein klangliches Highlight. Sie wurde 1963 durch die Firma Kemper technisch erneuert, behielt aber ihr historisches Gehäuse.

  • Glocken: Die älteste Glocke von 1384 trug die Inschrift: „Ich wecke die Schlafenden… wenn die Pest, der Blitz und der Feind einhergehen“. Sie zersprang 1916. Das heutige Geläut umfasst eine Glocke von 1733 sowie zwei Stahlglocken des Bochumer Vereins von 1921.

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