Über 50 Jahre lang wurde diskutiert, geplant und gebaut. Nun steht die Eröffnung der Bahnunterführung in Gustavsburg kurz bevor. Die Frage, ob der Schwerlastverkehr durch die Unterführung fahren wird, schien eigentlich geklärt. Die Entscheidung darüber kann Richard von Neumann (SPD), der ehemalige Bürgermeister der Stadt Ginsheim-Gustavsburg, jedoch nicht nachvollziehen.


Eigentlich war die Sperrung für den Schwerlastverkehr geregelt

Aber von vorne: Als vor Jahrzehnten begonnen wurde, über die Bahnunterführung zu diskutieren und diese zu planen, war eigentlich klar, dass dort kein Schwerlastverkehr über 7,5 Tonnen hindurchfahren soll und wird. Die Ausnahmen waren von vorne herein die Fahrzeuge von Feuerwehr, Rettungsdienst und dem öffentlichen Personennahverkehr.

Nach Angaben des Bürgermeisters Thies Puttnins-von Trotha (parteilos) führte Hessen Mobil im Jahr 2013 eine Schleppkurvenberechnung durch die ergab, dass die Unterführung nicht durch Schwerlastverkehr befahren werden kann. Im Jahr 2014 sei dann eine zweite Schleppkurvenberechnung durchgeführt worden, nach der Begegnungsverkehr zwischen zwei Sattelschleppern nun doch möglich war. Auf dieser Grundlage gab es laut Puttnins-von Trotha von Seiten der Stadtverwaltung keine Handhabe mehr, das Durchfahren von LKWs zu verhindern. Zu dieser Zeit war Richard von Neumann Bürgermeister der Stadt Ginsheim-Gustavsburg. Dies sei also laut Puttnins-von Trotha schon in der Amtszeit seines Vorgängers bekannt gewesen, jedoch möglicherweise der Bevölkerung nicht kommuniziert worden.

Die Stadtverwaltung Ginsheim-Gustavsburg teilte auf Anfrage von BYC-News am 8. April mit, dass die Stadt bezüglich des Schwerlastverkehrs noch in Verhandlungen mit den zuständigen Behörden steht. Zur Eröffnung der Unterführung wird der Schwerlastverkehr aber zunächst durch die Unterführung fahren dürfen.

Richard von Neumann widerspricht dem Bürgermeister

Am Dienstag (13. April 2021) sprach BYC-News mit dem ehemaligen Bürgermeister, Richard von Neumann darüber. Dieser widerspricht den Äußerungen von Puttnins-von Trotha und erklärt: Natürlich muss die Unterführung für den Schwerlastverkehr ausgelegt sein, schließlich müssen dort auch Feuerwehr, Rettungsdienst und der ÖPNV durch fahren können. Das sei von Anfang an klar gewesen und auch so im Bebauungsplan festgehalten. Dafür sei Hessen Mobil als Baubehörde zuständig, die die Straße so baut, wie eine Landesstraße gebaut werden muss.

Die andere Seite sei allerdings die Freigabe für den Schwerlastverkehr. Diese werde eindeutig durch die Straßenverkehrsbehörde getroffen. Im Fall der Stadt Ginsheim-Gustavsburg sei dies der Bürgermeister der damit die Entscheidung trifft. Er hätte also die mehrfach geforderte Sperrung ganz problemlos anordnen können. Wieso dies auch wenige Tage vor der Eröffnung noch immer nicht geschehen ist, versteht von Neumann nicht. Natürlich sei dass nicht einfach wahllos möglich aber gute Gründe gäbe es dafür nach Ansichten von Richard von Neumann genug:

Schwerlastverkehr aus dem Ort raus halten

In einem Interview im Oktober 2020 erklärte Thies Puttnins-von Trotha, dass die Sperrung der Unterführung natürlich auch Auswirkungen auf den Verkehr auf der Darmstädter Landstraße hätte. Anstatt durch die Unterführung zu fahren, würde ein Teil des Schwerlastverkehrs dann die gesamte Darmstädter Landstraße entlang fahren. Das würde den Weg mancher LKWs um rund 600 Meter verlängern.

„Das kann nur jemand sagen, der von der Situation keine Ahnung hat“, sagt Richard von Neumann zu der Erklärung von Puttnins-von Trotha. Natürlich müsse man eine Alternativstrecke für die Lastwagen anbieten. Diese gibt es allerdings und diese habe sich die letzten Monate seit der Sperrung der Bahnunterführung auch bewährt, so von Neumann. Dass diese Alternativstrecke die Darmstädter Landstraße sei, ist allerdings nicht richtig.

Natürlich würden einige LKWs, die zum Sportplatz wollen, dann über die Hauptstraße fahren. Das sei aber der geringste Teil. Über die Kostheimer Brücke käme auch fast kein LKW, weil diese dort nicht fahren dürfen, erklärt der ehemalige Bürgermeister. Alle Lastwagen die ins Industriegebiet wollen, hätten zwei Optionen: Zum Ersten die Abfahrt Ginsheim-Gustavsburg auf der A60. Und zum Zweiten die Abfahrt Gustavsburg auf der A671 und dann über den Flurgraben. In beiden Fällen würden diese Lastwagen überhaupt nicht durch Gustavsburg fahren. Die Freigabe der Unterführung für den Schwerlastverkehr würde also in jedem Fall für mehr Schwerlastverkehr in Gustavsburg sorgen.

„Damit gibt es keinen sachlichen Grund, sich den Schwerlastverkehr jetzt nach Monaten in denen es sehr gut funktioniert hat, wieder in die Stadt zu holen“, kritisiert von Neumann.



Lärmschutz und Sicherheit

Als weiteren Grund nennt von Neumann den Lärmschutz. Es sei doch offensichtlich, dass es wesentlich lauter ist, wenn Schwerlastverkehr durch die Unterführung fährt, als wenn dies nicht der Fall ist. Und letztendlich benötigt der Schwerlastverkehr die Unterführung einfach nicht, das hätten die vergangenen Wochen bewiesen. Da die Lärmbelastung aus den oben genannten Gründen auch auf der Hauptstraße nicht höher werden würde, gäbe es auch hier keinen Grund für die Freigabe der Unterführung für den Schwerlastverkehr.

Natürlich sei auch die Sicherheit ein großes Thema. Generell würde die Straßenverkehrssicherheit massiv erhöht werden, wenn kaum Lastwagen durch die Ortschaft fährt. Dies gelte für alle Verkehrsteilnehmer. Hinzu käme die geplante Kindertagesstätte in der Georg-August-Zinn-Schule. „Wenn die Unterführung freigegeben wird, fährt der gesamte Schwerlastverkehr direkt an dem Kindergarten vorbei“, betont von Neumann.

Sämtliche Parteien stehen hinter der Sperrung

Hinzu käme, dass der Bürgermeister ja sämtliche Unterstützung von dem Parlament in dieser Sache hinter sich habe. Alle Parteien stehen geschlossen hinter der Sperrung für den Schwerlastverkehr. Im Februar 2021 teilte beispielsweise Mario A. Bach von vom CDU Stadtverband Ginsheim-Gustavsburg im Interview mit BYC-News mit, dass man entschieden gegen die Freigabe der Unterführung für den Schwerlastverkehr sei. Auch Jochen Capalo von den Freien Wählern Ginsheim-Gustavsburg sagte gegenüber BYC-News, dass die Pestalozzistraße nicht dafür geeignet sei, so viel Verkehr aufzunehmen.

„Deshalb erschließt sich mit nicht, warum die Anordnung, die er treffen könnte, bislang noch nicht getroffen wurde. Wenn das jetzt nicht umgesetzt wird, kann man da auch nicht auf die Vergangenheit verweisen“, erklärt von Neumann.

Versprechen aus dem Wahlkampf einhalten

„Ich gehe mal davon aus, dass auch von Seiten der politischen Gremien daran erinnert wird, was im vergangenen Wahlkampf versprochen wurde. Ansonsten bleibt abzuwarten, ob es nicht einen entsprechenden Widerhall in der Bevölkerung gibt, wenn das nicht umgesetzt wird“, sagt Richard von Neumann abschließend.