StartÜberregionalHausärzteverband RLP zur Reform: „Beschlüsse sind eine Katastrophe“

Hausärzteverband RLP zur Reform: „Beschlüsse sind eine Katastrophe“

Abschaffung der Telefon-AU und Attestpflicht ab Tag eins: Dr. Barbara Römer spricht von einem bürokratischen Super-GAU

Das von der Bundesregierung beschlossene Reformpaket schlägt im rheinland-pfälzischen Gesundheitswesen hohe Wellen. Besonders die geplanten Verschärfungen bei den Krankschreibungen sorgen bei den Medizinern in der Region für fassungsloses Entsetzen.

Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Rheinland-Pfalz e.V. findet in einer aktuellen Stellungnahme drastische Worte: „Diese Beschlüsse sind eine Katastrophe“, warnt die rheinhessische Landesvorsitzende Dr. Barbara Römer.

Hintergrund des Ärgers sind zwei tiefgreifende Änderungen im Alltag von Millionen Arbeitnehmern und Arztpraxen ab dem 1. Januar 2027: Die bewährte telefonische Krankschreibung wird komplett abgeschafft. Zudem müssen Beschäftigte künftig bereits ab dem allerersten Tag des Fernbleibens eine offizielle Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) beim Arbeitgeber vorlegen, bisher war dies gesetzlich erst ab Tag vier Pflicht.

-Werbeanzeige-

„Faktenfreier Aktionismus“ treibt Lohnnebenkosten und Wartezeiten hoch

Für Dr. Barbara Römer, die selbst als Allgemeinmedizinerin in Saulheim niedergelassen ist, bedeuten die Pläne das Aus für eine der wenigen sinnvollen Entlastungen der letzten Jahre. Den Vorwurf aus Berlin, die telefonische Krankschreibung lade zum Blaumachen ein, weist sie als „vollkommen faktenfrei“ zurück.

„Zig Statistiken und Untersuchungen der Krankenkassen zeigen eindeutig, dass die Telefon-AU nicht zu mehr Krankschreibungen geführt hat. Auch die OECD hat das bestätigt“, so Römer. Der vermeintliche Anstieg der Krankenstände seit 2022 sei ein rein statistischer Effekt, weil Krankschreibungen seitdem digital (per eAU) lückenlos erfasst werden.

Mit dem Verbot der Telefon-AU mache die Politik eine echte Entlastung platt: „Unsere Praxen würden in Folge überflutet mit Patientinnen und Patienten, die keine Versorgung vor Ort benötigen und die besser im Bett aufgehoben wären.“

Der bürokratische Super-GAU für den ländlichen Raum

Besonders die „AU ab Tag eins“ betrachten die Hausärzte in Rheinhessen mit großer Sorge. Wer wegen einer leichten Erkältung oder Magen-Darm-Verstimmung eigentlich nur ein bis zwei Tage Ruhe im Bett bräuchte, wird künftig gezwungen, sich krank in die Praxis zu schleppen, nur für die Bürokratie „Das wird eine Welle von Menschen in unsere Praxen spülen, in vielen Fällen ohne medizinische Notwendigkeit“, warnt Römer.

Die Folge für die Patienten vor Ort liegt auf der Hand: Während die Wartezimmer mit Bagatellfällen verstopfen, müssen akut und dringend behandlungsbedürftige Patienten draußen warten, weil die Praxisteams nicht mehr hinterherkommen. „Diese Regelung ist der bürokratische Super-GAU für die Hausarztpraxen“, bilanziert die Verbandschefin.

Ärzte wehren sich gegen „Kultur des Misstrauens“

Zusätzliche Schärfe gewinnt die Debatte durch eine geplante Verschärfung im Strafrecht. Berlin will härtere Strafen verhängen, wenn Ärzte eine Krankschreibung „unrichtig“ ausstellen.

Für die Mediziner an der Basis ist das ein Schlag ins Gesicht.

Römer sieht darin eine gefährliche Misstrauenskultur: „Damit wird unseren Praxen unterstellt, unsere Patientinnen und Patienten leichtfertig und ohne jegliche medizinische Begründung krankzuschreiben! Das weisen wir mit aller Schärfe zurück!“ Man lasse die heimischen Praxen nicht zum Sündenbock der Politik machen.

Die klare Forderung des rheinland-pfälzischen Hausärzteverbandes an die Bundesregierung lautet daher: Der Passus zur Krankschreibung muss komplett aus dem Reformpaket gestrichen werden.

-Werbeanzeige-