Das Schloss in Biebrich zählt zu den bedeutendsten Barockbauten entlang des Rheins und ist ein stolzes Wahrzeichen der Stadt Wiesbaden. Über Generationen hinweg diente das imposante Anwesen als Residenz für die Fürsten von Nassau-Usingen und später für die nassauischen Herzöge. Die Architektur der weitläufigen Anlage folgte dabei keinem starren Gesamtplan, sondern entwickelte sich durch eine faszinierende und zugleich komplizierte Baugeschichte zu ihrem heutigen, majestätischen Erscheinungsbild. Seit dem Jahr 1974 fungiert der Westflügel als Sitz für das Landesamt für Denkmalpflege Hessen, während die prächtige Rotunde und die Galerien bis heute für hochkarätige repräsentative Zwecke der hessischen Landesregierung in Wiesbaden genutzt werden.
Baugeschichte: Von der Gartenhütte zum Versailles am Rhein
Obwohl das Schloss in Biebrich heute wie ein architektonisch einheitliches Ensemble wirkt, entstand der Bau sukzessive durch zahlreiche Erweiterungen. In den Anfängen um 1700 stand an diesem Ort in Wiesbaden lediglich ein einfaches Gartenhaus direkt am Rheinufer gegenüber der Biebricher Aue. Dieses bescheidene Gebäude konnte von der fürstlichen Familie zunächst nur tagsüber genutzt werden, bot aber bereits damals einen unvergleichlichen Blick auf den Strom.
Die Ära von Fürst Georg August zwischen 1700 und 1721 markierte den eigentlichen Aufstieg des Standorts. Der junge Regent war von seinen Studienreisen nach Paris und den Eindrücken vom Schloss Versailles tief beeindruckt und trieb den ersten großen Ausbau in Wiesbaden voran. Zwischen 1701 und 1703 ließ er das Gartenhaus durch Julius Ludwig Rothweil zu einem Wohnschlösschen, dem heutigen West-Pavillon, umgestalten. Nur wenige Jahre später, von 1704 bis 1706, entstand etwa 86 Meter weiter östlich ein identischer Pavillon für die Fürstin. Der geniale Baumeister Maximilian von Welsch entwickelte schließlich ab 1707 ein barockes Gesamtkonzept, das sich an der Kasseler Orangerie orientierte. Er setzte eine markante Rotunde in die Mitte und verband diese durch elegante Galerien mit den beiden Pavillons. Eine architektonische Besonderheit dieser Zeit waren die Deckenöffnungen in der Rotunde, die den Grottensaal im Erdgeschoss optisch mit dem Festsaal und der Kuppel nach dem Vorbild des römischen Pantheons verknüpften.
Mit dem Amtsantritt von Fürst Karl im Jahr 1721 begann eine neue Phase für das Schloss in Biebrich. Er entschied sich 1730 dazu, seine offizielle Residenz aus dem Taunus-Städtchen Usingen direkt an den Rhein nach Wiesbaden zu verlegen. Unter der Leitung von Friedrich Joachim Stengel wurde die Anlage zur Dreiflügelanlage vollendet. Ab 1734 entstand der Ostflügel, der ursprünglich den Marstall und die Verwaltung beherbergte. Bis 1740 wurde auch der Westflügel mit einer überaus kostbaren Innenausstattung fertiggestellt, sodass Biebrich im Jahr 1744 offiziell zur nassauischen Hauptresidenz erhoben wurde.
Architektur und Gestaltung im Detail
Das gesamte Ensemble vom Schloss in Biebrich besticht durch eine meisterhafte Kombination verschiedener Stilepochen, die sich dem Betrachter in Wiesbaden erst bei genauem Hinsehen offenbaren. Das Herzstück der Anlage bildet zweifellos der kreisrunde Festsaal in der Rotunde. Dieser Raum beeindruckt durch acht freistehende Säulen aus dunklem nassauischen Marmor, der in den Steinbrüchen bei Villmar und Steeden gewonnen wurde. Die prachtvolle Kuppel wird von einem monumentalen Deckenfresko des Malers Luca Antonio Colomba geziert. Es zeigt die Aufnahme des Aeneas in den Olymp und ist als subtile Anspielung auf die Standeserhöhung des Fürsten im Jahr 1688 zu verstehen. Wer das Schloss in Biebrich von außen betrachtet, erblickt auf der Rotunde zudem 16 imposante Götterstatuen, darunter Darstellungen von Minerva, Mars, Venus und Merkur. Diese wurden Ende des 19. Jahrhunderts durch detailgetreue Tonfiguren der Wiesbadener Firma Höppli ersetzt.
Ein weiteres Juwel in Wiesbaden ist der weitläufige Schlosspark, der das Schloss in Biebrich umschließt. Ursprünglich von Maximilian von Welsch um 1720 als strenger französischer Garten angelegt, verwandelte Friedrich Ludwig von Sckell das Areal zwischen 1817 und 1823 in einen romantischen englischen Landschaftspark. Inmitten eines Weihers thront hier die Mosburg, eine künstliche Ruine, die Carl Florian Goetz auf mittelalterlichen Grundmauern errichtete. Heute ist der Park nicht nur ein Naherholungsgebiet in Wiesbaden, sondern auch Heimat einer exotischen Fauna: Große Populationen von Halsbandsittichen und Alexandersittichen haben sich hier dauerhaft angesiedelt. Zudem ist der Park Schauplatz internationaler Veranstaltungen, wie dem traditionellen Pfingst-Reitturnier, das jährlich Spitzenathleten nach Wiesbaden lockt.
Chronik der nassauischen Regenten und moderne Nutzung
Die Nutzung vom Schloss in Biebrich spiegelt den glanzvollen Aufstieg und den späteren Wandel des Hauses Nassau wider. Während Georg August Samuel das Anwesen noch als exklusives Lustschloss nutzte, machten es seine Nachfolger wie Karl Wilhelm oder Friedrich August von Nassau-Usingen zur stolzen Hauptresidenz. Selbst nach der Fertigstellung des Wiesbadener Stadtschlosses im Jahr 1841 blieb das Schloss in Biebrich als Sommerresidenz für Herzog Adolf von zentraler Bedeutung. Nach der preußischen Annexion im Jahr 1866 verblieb das Gebäude zunächst im Privatbesitz, bevor es 1935 an den preußischen Staat verkauft wurde.
Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die insbesondere den Ostflügel betrafen, drohte dem Wahrzeichen in Wiesbaden der endgültige Verfall. Die Rettung kam durch die Ansiedlung namhafter Filminstitute und das Engagement der hessischen Landesregierung. Zwischen 1980 und 1982 wurde der Ostflügel unter Ministerpräsident Holger Börner rekonstruiert, sodass das Schloss in Biebrich heute wieder in seinem ursprünglichen Glanz erstrahlt.
Heute ist das Land Hessen Eigentümer der Anlage und nutzt sie als repräsentativen Standort in Wiesbaden. Neben dem Landesamt für Denkmalpflege im Westflügel beherbergt der Ostflügel die staatliche Filmbewertungsstelle (FBW) sowie das Kuratorium junger deutscher Film. Auch für die Bürger von Wiesbaden bleibt das Schloss erlebbar: Ein Café im Untergeschoss der Rotunde lädt zum Verweilen ein, während das städtische Standesamt für Trauungen in barocker Kulisse zur Verfügung steht. Kulturelle Highlights wie die Reihe „Filme im Schloss“ oder das Casting für die KiKA-Sendung „Dein Song“ unterstreichen, dass das Schloss in Biebrich auch im 21. Jahrhundert ein lebendiger Teil des gesellschaftlichen Lebens in Wiesbaden ist.
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