BYC-NewsÜberregionalDB-Mitarbeiter: Einblick in einen Alltag voller Hass und Gefahr

DB-Mitarbeiter: Einblick in einen Alltag voller Hass und Gefahr

„Jeder Schichtbeginn ist ein Gang ins Ungewisse“ – Drei Sicherheitskräfte berichten exklusiv über Respektlosigkeit und nackte Gewalt an unseren Bahnhöfen

Der Alltag von DB-Mitarbeitern: Die Zahlen der Bundespolizei und der Deutschen Bahn sprechen eine deutliche Sprache: Die Hemmschwelle für Übergriffe sinkt rapide. Allein im vergangenen Jahr wurden bundesweit knapp 3.000 Angriffe auf Bahnpersonal registriert. Doch hinter den nüchternen Statistiken verbergen sich Einzelschicksale. BYC-News hat mit drei Mitarbeitenden der DB Sicherheit im Rhein-Main-Gebiet geschrieben, die täglich dort ihren Dienst tun, wo andere wegschauen.

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Marco (34): „Anspucken ist die neue Begrüßung“

Marco ist seit vier Jahren im Streifendienst der DB-Sicherheit an großen Knotenpunktbahnhöfen im Rhein-Main-Gebiet tätig. Er hat die schleichende Veränderung des Klimas hautnah miterlebt.

„Früher war die Uniform ein Symbol für Autorität. Heute wirkt sie auf manche wie ein rotes Tuch“, berichtet Marco gegenüber der Redaktion. „Es vergeht keine Woche, in der ich nicht angepöbelt werde. Das Schlimmste ist nicht mal ein Faustschlag, den man kommen sieht. Es ist die pure Respektlosigkeit. Ich wurde im letzten Monat dreimal angespuckt, nur weil ich jemanden auf das Rauchverbot hingewiesen habe. In solchen Momenten fühlst du dich wie Freiwild. Anspucken ist für viele mittlerweile die normale Reaktion auf jede Form von Ansage geworden.“

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Sarah (29): „Die Hemmschwelle bei Gruppen ist weg“

Sarah arbeitet oft in den Abendstunden und an Wochenenden, wenn Fußballfans oder Partygänger die Bahnhöfe fluten. Sie berichtet von einer gefährlichen Dynamik, besonders wenn Alkohol im Spiel ist.

„Allein trauen sie sich meist nichts, aber in der Gruppe fallen alle Hemmungen“, erklärt die Sicherheitskraft. „Wir hatten neulich eine Situation, in der wir eine einfache Ticketkontrolle unterstützt haben. Innerhalb von Sekunden standen wir acht jungen Männern gegenüber, die uns eingekesselt haben. Die Beleidigungen unter der Gürtellinie sind das eine, aber die nackte Aggression in den Augen ist das, was bleibt. Wenn du merkst, dass sie nur auf den ersten körperlichen Kontakt warten, um loszuschlagen, hilft nur noch absolute Ruhe. Aber innerlich fragst du dich jedes Mal: Komme ich heute gesund nach Hause zu meiner Familie?“

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Salih (45): „Die Bodycam ist meine Lebensversicherung“

Salih gehört zu den erfahrenen Kräften und bildet mittlerweile auch Nachwuchs aus. Er sieht in der technischen Aufrüstung die einzige Chance, der Gewalt gegen DB-Mitarbeiter Herr zu werden.

„Ohne die Bodycam gehe ich nicht mehr auf den Bahnsteig“, sagt Salih entschieden. „Sobald ich den Schalter umlege und sage: ‚Die Aufnahme läuft‘, ändert sich bei 50 Prozent der Leute das Verhalten. Aber die anderen 50 Prozent interessiert das gar nicht mehr. Die sind so im Tunnel oder so berauscht, dass ihnen die Konsequenzen egal sind. Wir haben es leider immer öfter mit Gruppen zu tun, bei denen die Hemmschwelle extrem niedrig ist. Oft sind es Gruppen junger Männer mit Migrationshintergrund, die uns gegenüber jeglichen Respekt vermissen lassen und gezielt die Konfrontation suchen. Wir brauchen hier nicht nur mehr Technik, sondern eine Justiz, die uns den Rücken stärkt. Wenn Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt werden, nachdem mir jemand ins Gesicht gespuckt hat, dann ist das ein Schlag ins Gesicht für alle Kollegen, die da draußen ihren Kopf hinhalten.“

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DB-Mitarbeiter: Ein Spiegelbild der Gesellschaft?

Der Anstieg der Gewalt gegen DB-Mitarbeiter ist kein isoliertes Problem der Bahn, sondern spiegelt eine gesellschaftliche Verrohung wider. Die Aggressivität richtet sich gegen alles, was staatliche oder institutionelle Ordnung repräsentiert. Für die Betroffenen bedeutet das eine enorme psychische Belastung. Viele quittieren den Dienst, der Krankenstand durch Traumatisierungen nach Übergriffen ist hoch.

Die Deutsche Bahn versucht mit Deeskalationstrainings und psychologischer Betreuung gegenzusteuern. Doch die drei Mitarbeitenden sind sich einig: Solange Respektlosigkeit im Alltag keine spürbaren Konsequenzen hat, wird sich an der gefährlichen Lage auf den Bahnsteigen wenig ändern.

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