BYC-News Notarzt Serie Teil 4 | Wenn ein Notarzt alarmiert wird, geht es nicht selten um Leben und Tod. Doch was genau macht ein Notarzt? Und was der Rettungsdienst? Welche Ausrüstung wird dafür benötigt, um einem Menschen im Ernstfall das Leben zu retten? BYC-News sprach mit Dr. Thilo Hartmann darüber. Er ist Notarzt in Rüsselsheim und Geschäftsführer der Notarztgemeinschaft Rhein-Main GmbH.

Notarzt und Rettungswagen fahren getrennt

Früher gab es Notarztfahrzeuge, die waren noch größer als die heutigen Rettungswagen. Damals fuhr der Notarzt nämlich noch beim Rettungsdienst mit, weshalb die gesamte Ausrüstung in einem Wagen transportiert werden musste. Seit den frühen 90er Jahren fährt der Notarzt allerdings mit einem kleineren Fahrzeug, beispielsweise einem VW Bus, separat zur Einsatzstelle. Man hat damals festgestellt, dass das System so flexibler ist. Wenn sich an der Einsatzstelle herausstellt, dass der Patient nicht vom Notarzt begleitet werden muss, kann dieser schon wieder zu einem anderen Einsatz fahren. „Damals, als alle noch mit einem Fahrzeug gefahren sind, musste der Notarzt natürlich mit in die Klinik, auch wenn er eigentlich nicht gebraucht wurde. In dieser Zeit konnte er kann zu keinem anderen Patienten, der womöglich wirklich schwer verletzt ist“, erklärt Dr. Hartmann.

Was der Notarzt mit zur Einsatzstelle bringt

Seitdem ist es so, dass sich die Grundausstattung, wie beispielsweise eine Trage oder eine Vakuummatratze, im Rettungswagen befindet. Das Notarzteinsatzfahrzeug bringt dann nur noch das mit, was der Rettungsdienst nicht hat, was man aber möglicherweise noch zusätzlich benötigt. Das ist eine ganze Reihe an Medikamenten, ein Ultraschall-Gerät, ein spezielles Beatmungsgerät mit einer sogenannten CPAP-Maske für Patienten die Unterstützung beim Atmen benötigen und ein EKG-Gerät mit externem Herzschrittmacher. Zudem hat der Notarzt auch chirurgisches Besteck für kleinere aber notwendige Eingriffe mit an Bord. Das wird beispielsweise bei einem Spannungspneumothorax benötigt, bei dem verletzungsbedingt Luft in Brustkorb einströmt, aber nicht mehr ausströmen kann und sich somit im Brustkorb ein immer größer werdender Druck aufbaut. Ohne Behandlung endet das nach wenigen Minuten tödlich. Mit dem chirurgischen Besteck wird dann eine Torax-Drainage gelegt, also ein kleiner Schlauch in den Brustkorb eingeführt, um Luft oder Blut ablassen zu können. Ein Notarzt hat auch die Möglichkeit eine Extremität, also ein Körperteil zu amputieren, wenn dies notwendig sein sollte. „Ich habe das Gott sei Dank zwar noch nie machen müssen und kenne auch niemanden aber grundsätzlich haben wir dazu die Möglichkeit. Wir haben auch eine Maschine im Fahrzeug, die die Herz-Lungen-Wiederbelebung mechanisch durchführen kann, beispielsweise während der Fahrt in die Klinik“, berichtet der Notarzt.

Ausrüstung, die häufiger benötigt wird, befindet sich im Rucksack des Rettungsassistenten, der das Notarztfahrzeug fährt. In diesem Rucksack befindet sich zum Beispiel eine Knochenbohrmaschine. Diese kommt zum Einsatz, wenn man dem Patienten über die Vene keinen Zugang legen kann. Dann hat man die Möglichkeit, mit einer Art Akkubohrmaschine eine Nadel in den Knochen, meist den Schienbeinknochen, zu bohren. Darüber können dann alle möglichen Medikamente verabreicht werden.

In dem Rucksack befindet sich auch ein sogenanntes Videolaryngoskop. Wenn Menschen ins künstliche Koma versetzt werden, dann müssen sie künstlich beatmet werden. Dafür wird ein Beatmungsschlauch mit Hilfe eines Laryngoskops in die Luftröhre eingeführt. Früher kam es vor, dass der Schlauch versehentlich in die Speiseröhre eingeführt wurde, was dazu führte, dass der Patient keinen Sauerstoff bekam und verstarb. „Eine ungünstige Liege- oder Sitzposition des Patienten oder große Mengen Blut beispielsweise können das Einführen des Schlauchs erschweren. Seit einiger Zeit haben wir deshalb das Laryngoskop mit einer kleinen Kamera vorne dran. So sehen wir auch unter schwierigen Bedingungen, was wir tun und können sichergehen, dass der Beatmungsschlauch in die Luftröhre gelangt“, erklärt Dr. Hartmann.

Was darf ein Sanitäter, was ein Notarzt?

Neben den Gerätschaften bringt der Notarzt natürlich auch noch die ärztliche Expertise mit zur Einsatzstelle. Für Nicht-Ärzte sei die höchste Qualifikation der Notfallsanitäter mit einer abgeschlossenen dreijährigen Berufsausbildung, berichtet der Notarzt. Da das natürlich nicht mit einem abgeschlossenen medizinischen Studium gleichzustellen ist, gibt es auch Dinge, die nur ein Notarzt darf. In den vergangenen Jahren hatte man den Notfallsanitätern trotzdem einige Dinge zugesprochen, welche diese nun durchführen dürfen. So dürfen diese beispielsweise eine Infusion legen, um in bestimmten Situationen festgelegte Medikamente verabreichen. Das ersetze allerdings nicht die ärztliche Therapie, die weiterhin natürlich Ärzten vorbehalten bleibt. Dazu gehört beispielsweise das Einleiten des künstlichen Komas, die künstliche Beatmung und die Torax-Drainage.

Was die Torax-Drainage angeht erklärt der Notarzt: Wenn die Lunge sich mit Luft füllt, aber keine mehr entweichen kann, dann stirbt der Patient innerhalb weniger Minuten. Natürlich kann es auch vorkommen, dass der Rettungsdienst vor dem Notarzt an der Einsatzstelle ist. Wenn der Notarzt dann noch etwas länger braucht, müssen die Sanitäter handeln, ansonsten ist es ziemlich sicher, dass der Patient nicht überlebt. Deshalb hat man Sanitätern in der Zwischenzeit gestattet und beigebracht, mit einer Nadel ein Loch in den Brustkorb und die Lunge des Patienten zu stechen, damit die Luft und das Blut entweichen können. Sobald der Notarzt da ist, wird dann eine Drainage gelegt.

Der Notarzt wird immer von einem Notfallsanitäter oder Rettungsassistenten zur Einsatzstelle gefahren. Das hat gleich mehrere gute Gründe. Während der Fahrt gibt es nämlich einiges zu tun: Man muss fahren, das Blaulicht bedienen, funken und die Örtlichkeit suchen. Da ist es natürlich von Vorteil, wenn nicht eine Person alleine fährt. An der Einsatzstelle angekommen, ist der Assistent aber noch wichtiger. Bei einer Torax-Drainage beispielsweise müssen sterile Handschuhe getragen werden. Diese kann sich ein Notarzt nicht ohne Hilfe anziehen, sodass in dem Fall der Rettungsassistent unterstützt. Auch die schriftliche Dokumentation des Einsatzes wird von dem Assistenten übernommen. Insgesamt ist in der Rettungsmedizin die Arbeit im Team von entscheidender Bedeutung. Nur gemeinsam kann man komplexe Situationen sicher beherrschen. Natürlich ist der Arzt derjenige, der die Hauptentscheidungen trifft und verantwortet, aber dennoch hat man es als Einzelkämpfer eher schwer in der Rettungsmedizin.

Rettungshubschrauber

Der Rettungshubschrauber ist in erster Linie dafür da, den Notarzt schnellstmöglich an die Einsatzstelle zu bringen. Dort ist im Prinzip genau das enthalten, was sich auch im Notarztwagen befindet. Die Entscheidung, einen Hubschrauber zur Einsatzstelle zu schicken, wird meist getroffen, um einen Patienten in eine weiter entfernte Klinik zu fliegen oder wenn beide Notärzte im Landkreis bei anderen Einsätzen sind und ein Notarzt von weiter weg zur Einsatzstelle kommen muss. Grundsätzlich sei die Qualifikation eines Hubschrauber-Notarztes aber keine andere als die von einem bodengebundenen Notarzt.

Die meisten Rettungshubschrauber fliegen nur von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und bei entsprechenden Flugbedingungen, wenn die Hubschrauberpiloten unter Sicht fliegen können. Letzt endlich bleibe es zwar dem Piloten überlassen, ob er starte oder nicht, aber bei schlechten Wetterbedingungen starten die Piloten nur sehr ungern.

Nur rund eine Handvoll Hubschrauber fliegen auch in den Nachtstunden, darunter unter anderem auch der Rettungshubschrauber „Christoph Mittelhessen“ in Gießen. Im Regelfall fliegen die Hubschrauber in der Nacht aber auch nur bestehende Außenlandeplätze an. Unfallstellen beispielsweise auf einer Landstraße oder der Autobahn werden nur in den seltensten Fällen angeflogen. Denn die Gefahr beispielsweise in eine Hochspannungsleitung zu fliegen, ist sehr hoch. Ein Flug in unbekanntem Gelände bei schlechter Sicht sei für einen Hubschrauber sehr gefährlich, erklärt Dr. Hartmann. Deshalb sind solche Flüge schwerstverletzten Patienten vorbehalten, die sonst nicht überleben würden.

Weitere Teile der BYC-News Notarzt Serie

BYC-News hat in dem Interview mit Thilo Hartmann noch über weitere Themen gesprochen, welche die Arbeit eines Notarztes betreffen.

Teil 1: Notarzt Spezial: „Ich kann schnell viel für einen Patienten tun“
Teil 2: Notarzt Spezial: Einsätze die man als Retter nicht vergisst
Teil 3: Notarzt Spezial: „Viele meiner Corona-Patienten waren in einem erbärmlichen Zustand“
Teil 4: Notarzt Spezial: Welche Ausrüstung befindet sich im Notarztfahrzeug?