Der Abbau von Intensivbetten in Deutschland setzt sich weiter fort. Einer der größten Faktoren sind fehlende Pflegekräfte in den Kliniken. Aktuell (20. November 2021) stehen in Rheinland-Pfalz zum Beispiel etwa 25 Prozent weniger Intensivbetten zur Verfügung als noch im Jahr 2020. Diese erschreckenden Zahlen meldete die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Klinikleitungen forderten bereits im Jahr 2018 die Bundesregierung zum Handeln auf und mahnten den Pflegepersonalmangel an.


Kliniken melden starken Personalmangel

Nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin stehen in Rheinland-Pfalz, mitten in der vierten Corona-Welle, demnach nur rund 1.000 Betten auf Intensivstationen zur Verfügung.

Die Krankenhäuser melden kontinuierlich zunehmenden Personalmangel im laufenden Betrieb. Der Anteil der Intensivbereiche, die Einschränkungen durch Personalmangel meldeten, stieg steil von 11 Prozent (Anfang Oktober 2020) bis auf 55 Prozent (Januar 2021) an. Der Personalmangel hat starke Auswirkungen auf die Betreibbarkeit der Intensivkapazitäten. Eine Reduktion der freien Betten ist eine direkte Konsequenz, teilt die Deutsche Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin mit.

Höhere Belastung und weniger Personal

Infografik Intensivbetten 2020 bis 2021 in Deutschland

Es ist jedoch auch zu beachten, dass 85 Prozent der Covid-19-Patienten mit einer Beatmungsbehandlung auf der Station versorgt werden müssen. Je nach Schwere der Erkrankung benötigen Covid-19-Intensivpatienten einen unterschiedlichen Grad an Versorgung. Sie beanspruchen teilweise mehr Personal als andere Intensivpatienten. Das bedeutet, dass der Arbeitsaufwand und die Auslastung auf den Stationen mit steigender Covid-Belegung überproportional ansteigen. In Konsequenz nimmt die Anzahl der freien betreibbaren Betten gleichzeitig zunehmend ab. Es spielen folglich mehrere Faktoren eine Rolle, welche die Anzahl der betreibbaren Betten beeinflussen. Der entscheidende Faktor für die Betreibbarkeit eines Bettes ist und bleibt das medizinische Fachpersonal, das nicht ausreichend vorhanden ist.

Es müssen Betten freigehalten werden

Auf einer Intensivstation mit Akutversorgung wird stets eine gewisse Anzahl an freien Betten benötigt, um Notfälle wie Unfallopfer schnell intensivmedizinisch versorgen zu können. Im Durchschnitt verfügt eine Intensivstation über 10 bis 12 betreibbare Betten. Eine Verfügbarkeit von 10 Prozent bedeutet demnach ein freies Bett im Intensivbereich, das für die Behandlung eines Schlaganfalls, eines Herzinfarkts, eines Unfallopfers, eines Trauma-Patienten sowie für einen Covid-19-Patienten zur Verfügung steht. Dieses Bett muss also frei sein, um den nächsten Notfall versorgen zu können.

Mehr Belastung durch Covid-19 Patienten

Das Vorkommen eines freien Bettenanteils von nur 15 Prozent ist regional in einzelnen Intensivbereichen zu bestimmten Zeitpunkten nichts Ungewöhnliches. Problematisch wird jedoch ein freier Bettenanteil von unter 15 Prozent oder sogar unter 10 Prozent. Die lange Liegedauer und nötige Beatmungsbehandlung von Covid-19-Patienten hat daher besondere und bisher nicht da gewesene Herausforderungen in der Versorgung geschaffen. Das ist ein wichtiger Faktor und zeigt erneut, dass in Zukunft mehr Pflegepersonal verfügbar sein muss.

Operationen wurden bereits 2018 verschoben

Bereits im Jahr 2018 schrieb die Bundesregierung sich auf die Fahne, dass die Behebung des Pflegemangels eines der wichtigsten Ziele sei. Der Mangel in den Krankenhäusern war bereits 2017 stark spürbar. Helfen sollten Prämien für Berufsrückkehrer, mehr Ausbildungsanreize und die Übernahme heilkundlicher Aufgaben. Das sind die gleichen Ansätze, die nun auch 2021 wieder im Gespräch sind.

Der Pflegedirektor des Universitätsklinikums Münster, Thomas van den Hooven im Jahr 2018: „Wir können heute 120 der 2000 Vollzeitstellen im Pflegedienst nicht besetzen“. Weiter führte der Pflegedirektor aus, „Wir haben aktuell circa 50 Betten geschlossen. Zwölf Prozent unserer OP-Saal-Kapazitäten können wir nicht nutzen. Das hat natürlich auch Folgen für das wirtschaftliche Ergebnis.“

Der Vorstandsvorsitzende des Albertinen-Diakoniewerks aus Hamburg, Matthias Scheller, berichtete 2018 aus seinem Haus: „Wir mussten Betten schließen und wir mussten geplante Operationen absagen, weil wir nicht genügend Pflegekräfte haben.“ Durch den Personalmangel bei steigenden Intensivfällen komme es zu einer Arbeitsverdichtung, die wiederum noch mehr Pflegekräfte veranlasse, ihre Arbeitszeit zu verkürzen oder aus dem Beruf auszusteigen. „Dieses Problem wurde von vielen Vorständen unterschätzt, die gehofft haben, es werde sie schon nicht treffen“, meinte Scheller. Doch „ich befürchte, dass wir das Ende der Abwärtsspirale noch nicht erreicht haben.“

Klinikchefs warnten 2018 schon vor einem Kollaps des Gesundheitssystems. Die Experten mahnten Strukturveränderungen an, um dem Pflegemangel in Zukunft in den Griff zu bekommen. Man habe einen fantastischen Beruf, doch die Rahmenbedingungen sind nicht die, die man sich wünschen würde. Es benötige schnelle Veränderungen in der Struktur und eine deutliche Stärkung der Pflege. Bundesweit mussten viele Operationen verschoben werden, da in den Kliniken Personal fehlte. Man möchte sich nicht vorstellen was wäre, wenn es einen starken Anstieg an Intensivpatienten geben würde.


Die Pflegekammer Rheinland-Pfalz teilt mit:

Die flächendeckende Krankenhausversorgung ist erheblich gefährdet, weitere Belastung nicht verkraftbar. Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland bei einem Wert von über 300. Zudem verzeichnet das RKI 43 weitere Todesfälle. Dementsprechend spitzt sich die Situation in Kliniken und Einrichtungen weiter zu. Noch in dieser Woche will der Bundestag unter anderem über Regelungen zur Sicherung in der Krankenhausversorgung entscheiden.

Dazu erklärt Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz: „Die Lage ist in diesem Moment bereits deutlich angespannt und wird sich weiter zuspitzen, sodass wir erneut mit einem sehr harten Winter rechnen müssen. Das zeigt sich insbesondere in der beruflichen Pflege. Im formaljuristisch und ökonomisch total verkorksten Krankenhauswesen soll jetzt auch noch die Einführung einer Versorgungspauschale für die Versorgung von an Covid-19 erkrankten Patienten primär für eine Sicherung der Liquidität sorgen. Offensichtlich hat man in Berlin das Augenmaß für eine verantwortliche Finanzierung der Betriebskosten von Krankenhäusern verloren. Bei derartigen gesetzlichen Regelungen wird die mittlerweile bedrohliche Belastungssituation verkannt. Die angedachte Versorgungspauschale ist dabei nicht das Problem. Sie ist hilfreich zur Abfederung der Kosten bei der umfassenden Versorgung von Covid-Patienten. Sie reicht aber in keinem Fall aus, um der Belastung im Pflegeberuf entgegenzusteuern, die trotz der Ausgliederung in ein Pflegebudget bei anhaltendem Personalmangel weiter vorhanden ist.“

Krankenhäuser können nicht einfach heute Personal entlassen und morgen wieder einstellen

„Es muss jetzt dafür gesorgt werden, dass auch für die Corona-Versorgung freigehaltene Kapazitäten ausreichend finanziert werden, damit auch die Löhne überall gezahlt werden können. Wir sprechen uns in diesem Zusammenhang für eine zusätzliche Finanzierung – beispielsweise über eine deutliche Anhebung des Pflegeentgeltwertes – aus, weil nur dadurch die Leistungsdynamik begrenzt werden kann und die Einrichtungen auch sinnvoll Ressourcen für die Versorgung der zunehmenden Covid-Patienten vorhalten und auch bezahlen können. Krankenhäuser können nicht einfach heute Personal entlassen und morgen wieder einstellen. Letztlich fordern wir von der Politik die Überwindung des unsäglichen auf mengenorientierte Leistung bezogenen DRG-Systems zugunsten eines Systems, das Krankenhäuser und das bestehende Versorgungsumfeld als Einheit betrachtet“, so Mai.

Landesregierung Rheinland-Pfalz beantwortet Anfragen erneut nicht

Wie es zu dem massiven Wegfall von Pflegepersonal kam und wie man in Zukunft daran etwas ändern möchte, auf diese Fragen hatte die rheinland-pfälzische Landesregierung erneut keine Antworten. Wie bereits im Sommer 2021 blieben viele Anfragen von Medienvertretern unbeantwortet, auch Anfragen von dieser Online-Zeitung. Das Pflegepersonal in Rheinland-Pfalz sowie in weiteren Bundesländern fordert eine adäquate Bezahlung und strukturierte Rahmenbedingungen sowie bessere Ausstattungen.

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Angesichts der sehr ernsten Lage wird der rheinland-pfälzische Ministerrat in seiner morgigen Sitzung eine neue Corona-Bekämpfungsverordnung beraten. Hier fließen auch die Beschlüsse der Bund-Länder-Schalte der letzten Woche mit ein. Die 28. Corona-Bekämpfungsverordnung soll am Mittwoch in Kraft treten. Weitere Informationen im Artikel: Lockdown in Rheinland-Pfalz für Ungeimpfte ab Mittwoch